„Komm, lieber Mai, und mache die Bäume wieder grün“, heißt es in einem alten Volkslied. Eine einfache Bitte, fast kindlich. Und doch kommt sie zu spät.
Die Bäume sind längst grün geworden. Nicht jetzt, sondern schon im April. Ein helles, vorsichtiges Grün, das sich nicht sicher war, ob es bleiben darf. Es kam zu früh und blieb trotzdem.
Das vorweggenommene Leuchten
Was früher einmal ein langsames Öffnen war, hat sich verschoben. Der April hat genommen, was dem Mai gehörte. Die Zweige standen plötzlich im Licht, noch bevor der Kalender bereit war.
Dieses Grün war kein Versprechen. Eher ein Vorschlag. Zart, fast durchsichtig. Man musste genau hinsehen, um es nicht mit einem Irrtum zu verwechseln.
Veilchen ohne Zeit
Auch die Veilchen haben sich nicht gehalten. Sie kamen, als wäre es schon soweit. Und sie gingen, bevor man sich an sie gewöhnen konnte.
Jetzt, im Mai, sind sie kaum noch da. Ein paar Reste im Schatten, flach am Boden, als hätten sie sich zurückgezogen. Ihr Höhepunkt liegt hinter ihnen, leise, fast unbemerkt.
Man sucht sie und merkt erst dabei, dass man zu spät ist.
Ein verschobenes Maß
Vielleicht ist es das, was diesen Frühling ausmacht: dass die Dinge nicht mehr dort stattfinden, wo man sie erwartet. Der Mai kommt und findet eine Landschaft vor, die schon begonnen hat.
Er ist nicht mehr der Auftakt, sondern eine Fortsetzung. Kein erstes Grün, sondern ein Weiterführen dessen, was bereits da ist.
Das verändert den Ton. Leise, aber spürbar.
Ein Frühling ohne Einsatz
Es gibt Gedichte, die den Mai als Beginn feiern. Als Aufbruch, als Fülle, als Versprechen. Doch was geschieht, wenn dieses Versprechen bereits eingelöst wurde, bevor es ausgesprochen werden konnte?
Dann bleibt eine kleine Leerstelle. Kein dramatischer Verlust. Eher ein Verschieben der Wahrnehmung. Man sieht, was da ist, und spürt zugleich, dass etwas fehlt, das man nicht genau benennen kann.
Die Farbe, die bleibt
Das Grün ist jetzt dichter. Satter. Es hat an Gewicht gewonnen. Die Blätter sind nicht mehr tastend, sie sind da. Sie halten sich im Wind, ohne zu zittern.
Und doch haftet ihnen etwas an. Ein Rest von Frühzeitigkeit. Als hätten sie sich zu früh gezeigt und müssten nun bleiben, weil ein Zurück nicht möglich ist.
Kein Anfang
Lieber Mai, du kommst dieses Jahr ohne deinen Moment. Du findest alles schon vor. Die Bäume, die längst grün sind. Die Veilchen, die schon gehen.
Vielleicht ist das keine Verarmung. Vielleicht nur eine andere Ordnung. Eine, die nicht mehr mit klaren Einsätzen arbeitet, sondern mit Überlagerungen.
Kein Fazit
Man könnte sich wünschen, dass die Dinge wieder an ihren Platz zurückkehren. Dass der Mai wieder beginnt und nicht fortsetzt.
Aber die Jahreszeiten verhandeln nicht. Sie verschieben nur.
Und so bleibt dieses leichte Gefühl, etwas verpasst zu haben, ohne sagen zu können, was genau es war.
Ein Grün, das zu früh kam. Ein Blühen, das schon vorbei ist. Und ein Monat, der ankommt, ohne anzufangen.
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