Die Auswahl, die Denis Scheck hier durchquert, wirkt wie ein Parcours durch unterschiedliche Aggregatzustände des Erzählens: Überlebenserzählung, Altersprosa, politische Philosophie, Ratgeberliteratur, Lyrik. Doch was sie verbindet, ist weniger ihr Gegenstand als die Art, wie sie auf Wirklichkeit zugreifen. Das Böse erscheint dabei nicht als Figur, sondern als Struktur – als Verzerrung, als Auslöschung, als Wiederholung.
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Das Meer als Nullpunkt
Bei Sophie Elmhirst beginnt in: Maurice und Maralyn alles mit Wasser. Ein Ehepaar, das aus der Ordnung des Vorstadtlebens ausbricht, findet sich in einer anderen Ordnung wieder: der des Ozeans. Der Wal, der das Boot rammt, ist kein Symbol, sondern ein Ereignis. Und doch verschiebt sich die Erzählung schnell ins Symbolische. 118 Tage auf einem Rettungsfloß – das ist nicht nur eine physische Prüfung, sondern ein Experiment am Verhältnis von Nähe und Abhängigkeit.
Scheck nennt das Buch „grandios“. Seine Formel – Robinson Crusoe + Ehediagramm + Risikoanalyse – ist präzise und verräterisch zugleich. Sie zerlegt das Erzählen in Funktionen. Abenteuer, Beziehung, Kalkül. Doch was dabei sichtbar wird, ist etwas anderes: dass Überleben hier nur möglich ist als geteilte Praxis. Liebe erscheint nicht als Gefühl, sondern als Technik. Eine leise, unbeirrbare Form der Kooperation gegen das Verschwinden.
Der fünfte Akt
Bei Salman Rushdie verschiebt sich die Perspektive in Die elfte Stunde . Nicht mehr das Überleben im Raum, sondern das Leben in der Zeit. Der „fünfte Akt“ – eine klassische dramaturgische Figur – wird zum Denkmodell für das Altern. Figuren, die sich dem Ende nähern, ohne dass dieses Ende eindeutig wäre.
Scheck sagt: Ein Buch von Rushdie ist immer ein Ereignis.
Rushdie selbst nennt es ein Werk Die elfte Stunde, das Ende eines Stückes. Auf die Frage, wie es war, wieder Literatur zu schreiben, antwortet er: Joyful. Es ist ein bemerkenswerter Begriff im Kontext des Todes. Denn er verweist auf eine Haltung: Schreiben als Widerstand gegen das Verstummen. Wenn Rushdie davon spricht, dass autoritäre Systeme Schriftsteller hassen, weil sie sich mit Wirklichkeit und Lüge auseinandersetzen, dann wird Literatur politisch – nicht durch Parolen, sondern durch Präzision.
Die Diskussion über Zensur in amerikanischen Bibliotheken führt diese Linie weiter. Es geht nicht nur um Bücher, sondern um Gedächtnis. Welche Geschichten dürfen erzählt werden? Welche werden gelöscht? Das Böse erscheint hier als Eingriff in die Archive. Als Versuch, Geschichte umzuschreiben, bis sie keine Widersprüche mehr kennt.
Die Liste als Ordnungsinstrument
Dann die Bestsellerliste. Platzierungen, die zunächst nur Sichtbarkeit messen – und bei Scheck zu einem System von Urteilen werden.
Platz 10: Eva von Redecker mit „Dieser Drang nach Härte“. Für Scheck eine „helle Freude“. Ein Buch, das den Anspruch erhebt, einen Begriff des Faschismus für die Gegenwart zu entwickeln – und damit genau das einlöst, was er an Literatur schätzt: begriffliche Schärfe, gedankliche Bewegung, Widerstand gegen Vereinfachung.
Platz 9: Jana Hensel mit ihrem Buch Es war einmal ein Land: Warum sich der Osten von der Demokratie verabschiedet über AfD-Wähler im Osten. Scheck nennt sie „Zonenkind“ – und verschiebt damit unmerklich die Ebene. Was ursprünglich der Titel ihres Romans Zonenkinder ist, wird zur Bezeichnung der Autorin selbst. Eine Herkunft wird zur Kategorie. Noch bevor das aktuelle Buch greifbar wird, ist es gerahmt.Hensel beschreibt die AfD-Wähler über Verletzungen, Enttäuschungen und unerfüllte Erwartungen. Scheck folgt dieser Perspektive nur begrenzt. Er setzt dagegen, spricht von „Dummheit, Brutalität und Geschichtsvergessenheit“. Ein harter Einschnitt, der den Versuch der Erklärung kurz unterbricht. Und doch bleibt es nicht dabei. Am Ende kehrt der Ton zurück: ein Buch, das zum Streit einlädt. Zustimmung und Widerspruch stehen nebeneinander.
Platz 8: Bernhard Schlink mit „Gerechtigkeit“„Empfehlenswert“, sagt Scheck. Ein knappes Urteil, das mehr markiert als entfaltet. Gerechtigkeit erscheint hier als Arbeit – und als Konfliktzone zwischen konkurrierenden Werten.
Platz 7: Melanie Pignitter mit „Wiedersehen mit mir selbst zwischen Pasta und Limoncello“ Ein „hässlicher Homunkulus aus ödem Roman und albernem Ratgeber“. Die Metapher ersetzt die Analyse. Das Buch wird nicht diskutiert, sondern in eine Form gebracht, aus der es sich nicht mehr befreien kann.
Platz 6: Peter Hahne mit „Warum macht ihr uns kaputt?“ „Der neue Hahne ist ganz der alte“ – nur die Pointen sind seltener geworden. Die bekannten Frontstellungen bleiben, doch die sprachliche Verdichtung, die Scheck früher noch registrierte, scheint nachgelassen zu haben.
Platz 5: Giulia Enders mit „Organisch“. Ein leicht lesbares, warmherziges Sachbuch auf dem Stand der Wissenschaft. Hier verschiebt sich der Ton. Verständlichkeit wird zur Qualität, Vermittlung zur Tugend.
Platz 4: Bas Kast mit „Der Vitamin- und Nährstoffkompass“ Die Frage nach Supplements, nach Longevity, nach wissenschaftlicher Evidenz. Scheck erkennt die Rechercheleistung an. Wissen, das ordnet, wird hier nicht angegriffen, sondern stabilisiert.
Platz 3: Der Text über Gisèle Pelicot mit Eine Hymne an das Leben: Die Scham muss die Seite wechseln Eine Geschichte von Gewalt – und der Versuch, die Autorenschaft über das eigene Leben zurückzugewinnen. Scheck zögert. Das Urteil tritt zurück hinter die Tatsache des Schreibens selbst. Dass hier gesprochen wird, ist bereits das Entscheidende.
Platz 2: Sophie Passmann mit „Wie kann sie nur“ Eine „intellektuelle Desasterzone“. Ein Schreiben, das um sich selbst kreist, Fragen stellt, die nicht hinausführen: Bin ich schön, bin ich attraktiv, werde ich geliebt. Für Scheck bleibt das eine Bewegung ohne Richtung.
Platz 1: Ildikó von Kürthy mit „Alt genug“Auch hier ein Kreisen um das eigene Leben, um Anerkennung. Scheck nennt es „Merch“, spricht von der „Schnatterzone“. Sprache verliert hier für ihn ihre Dichte und wird zum Geräusch.
So entsteht aus der Liste ein Raster. „Helle Freude“, „empfehlenswert“, „Homunkulus“, „Desasterzone“. Das ist typisch Scheck: Urteile, die sitzen müssen. Schnell, klar, ohne Absicherung.
Auffällig ist, wie diese Setzungen funktionieren: über Bilder. Der „Homunkulus“ bei Pignitter, die „Desasterzone“ bei Passmann, die „Schnatterzone“ bei von Kürthy. Das sind keine Umwege, sondern Treffer. Sprache wird hier nicht zur Erklärung eingesetzt, sondern zur Entscheidung.
Diese Bilder ordnen. Sie schaffen Übersicht in einem Feld, das sich sonst jeder Hierarchie entzieht. Die Bestsellerliste ist kein neutraler Raum – sie ist ein Kampffeld, auf dem sich zeigt, was gelesen wird. Scheck macht daraus ein zweites Feld: das der Kritik. Und hier gelten andere Regeln.
Wer Begriffe schärft, wird sichtbar gemacht. Wer sich im eigenen Erleben verliert, wird markiert. Nicht als Verbot, sondern als Setzung. Die Kritik zieht Linien, wo der Markt nivelliert.
Das hat etwas Entschiedenes. Und etwas Notwendiges.
Lyrik als Gegenarchiv
Am Ende steht kein Urteil, sondern ein Satz, der sich weigert, abgeschlossen zu werden. Joachim Sartorius sagt: „die Sprache wartet verzweifelt darauf, gute Gedichte zu finden und in ihnen inkarniert zu werden.“ In diesem „verzweifelt“ liegt mehr als eine Metapher. Es ist eine Diagnose.
Sprache erscheint hier nicht als Werkzeug, sondern als Mangelzustand. Sie ist unvollständig, solange sie keinen Körper findet. Das Gedicht ist nicht Ausdruck, sondern Ort der Verkörperung. Damit verschiebt sich auch die Funktion von Lyrik: Sie repräsentiert nicht Welt, sie ermöglicht Sprache überhaupt erst, Welt zu werden.
Diese Bewegung steht quer zu Schecks Kritikstil. Während seine Urteile Texte fixieren – „Desasterzone“, „Homunkulus“, „Merch“ –, denkt Sartorius Sprache als etwas, das sich entzieht, das angewiesen ist auf gelingende Formen. Kritik wäre in diesem Modell nicht Bewertung, sondern Prüfung: Trägt ein Text diese Inkarnation oder nicht?
Interessant ist, dass Sartorius zugleich ein Archiv entwirft. Sein „Handbuch der politischen Poesie“ sammelt Stimmen, die Geschichte nicht erklären, sondern durchqueren. Erster Weltkrieg, Revolutionen, Fluchtbewegungen – Ereignisse, die sich nicht in Begriffe auflösen lassen. Die Gedichte stehen im denkbar größten Gegensatz zur Macht.
Macht vereinfacht. Gedichte verdichten.
Dass Sartorius am Ende sogar eine „Schreckenskammer“ einrichtet – mit Gedichten von Despoten und misslungener politischer Lyrik –, ist konsequent. Auch das Böse hat eine Sprache. Und diese Sprache ist nicht nur falsch, sondern oft strukturell leer. Sie imitiert Bedeutung, ohne sie hervorzubringen.
Hier schließt sich der Kreis zu deinem Ausgangspunkt: dem „Kampf der Künste über das Böse“. Dieser Kampf findet nicht zwischen guten und schlechten Inhalten statt, sondern zwischen Formen, die Sprache tragen, und solchen, die sie verbrauchen.
Und vielleicht ist genau deshalb dieses verzweifelte Warten der entscheidende Satz.
Offene Bewegung
Was bleibt, ist kein einheitliches Bild, sondern eine Bewegung zwischen Formen. Das Meer, der alte Körper, die politische Theorie, die Liste, das Gedicht. Jede dieser Formen verhandelt das Böse auf ihre eigene Weise: als Naturgewalt, als Endlichkeit, als Ideologie, als Verzerrung, als sprachliche Korruption.
Schecks Kritik hält diese Bewegung nur teilweise aus. Sie ordnet, bewertet, pointiert. Doch sie öffnet selten Räume, in denen Texte sich entfalten können. Die interessantesten Momente entstehen dort, wo diese Ordnung kurz ins Wanken gerät – im Zögern vor der Gewalt, im Gespräch über Lyrik, im Anerkennen von Komplexität.
Vielleicht liegt genau darin die eigentliche Aufgabe der Kritik: nicht das letzte Wort zu sprechen, sondern Bedingungen zu schaffen, unter denen Texte weiter sprechen können.
Und die Frage, wie viel Unordnung ein Urteil verträgt, bleibt.
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