Alexander von Ferdinand von Schirach – Wenn ein Kinderbuch plötzlich über die großen Dinge spricht

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Ferdinand von Schirach ist eigentlich der Mann für Schuld, Gerichtssäle und die leisen Risse im Rechtssystem. Und dann kommt Alexander – sein erstes Kinderbuch (ab 10 Jahren) – und stellt mit kindlicher Direktheit die Frage, die in Erwachsenenrunden gern mit Nebel beantwortet wird: Wie können Menschen friedlich miteinander leben?

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Alexander: Das erste Kinderbuch von Ferdinand von Schirach

Das ist nicht „Kinderbuch“ im Sinne von Einhorn und Zuckerguss. Es ist ein moralisches Abenteuer in antiker Kulisse, das sich wie eine Parabel liest: Eine Stadt hat Krieg und Tyrannei überlebt. Jetzt braucht sie gute Gesetze. Und ausgerechnet einem Kind traut man zu, sie zu finden – frei von Vorurteilen, frei von Machtinteressen.

Dass Schirach dabei auch noch selbst illustriert (vierfarbige Zeichnungen), ist kein Nebendetail, sondern Teil der Wirkung: Der Autor will hier nicht nur erzählen, sondern führen – mit Text und Bild, so klar wie möglich.

Handlung von Alexander - Reise gegen Tyrannei und Krieg

Alexander wächst in Kaliste auf, einer kleinen Stadt am Meer, die einmal für Handel, Offenheit und ein gutes Leben stand. Sein Vater ist Tuchhändler – aber im Herzen Künstler: Er malt Alexander ein Kinderzimmer voller Tiere, als wolle er dem Jungen schon früh zeigen, dass die Welt größer ist als Mauern und Regeln. Diese Wärme ist jedoch nur der Anfang, denn Kaliste gerät in den Sog eines Krieges. Der König führt die Stadt in einen Konflikt, dessen Sinn niemand so recht erklären kann, aber dessen Folgen brutal eindeutig sind: Menschen sterben, Angst wird Normalität, und auch Alexanders Familie bleibt nicht verschont. Sein Vater wird in den Krieg gezwungen und kommt nicht zurück. Kaliste verliert nicht nur Männer, sondern langsam auch ihren Charakter.

Als der Krieg vorbei ist, ist nichts wirklich vorbei. Aus dem König wird ein Tyrann: Er regiert nicht mit Stärke, sondern mit Furcht. Die Stadt verarmt, die Menschen verstummen, und das, was Kaliste einmal ausgemacht hat – Freiheit, Würde, Gemeinschaft – bricht weg wie morsches Holz. Irgendwann gelingt es den Bewohnern, den Tyrannen zu vertreiben. Doch danach steht Kaliste vor der entscheidenden Frage: Wie verhindert man, dass so etwas wieder passiert? Denn Freiheit allein reicht nicht; ohne Regeln kann die nächste Machtfigur wieder alles an sich reißen.

Die Menschen treffen deshalb eine ungewöhnliche Entscheidung: Sie schicken Alexander los, damit er „gute Gesetze“ findet – Regeln, die allen gerecht werden und Macht begrenzen. Alexander soll nicht einfach klug sein, sondern unvoreingenommen. Er beginnt eine Reise, die eher einer moralischen Expedition gleicht als einem klassischen Abenteuer. Unterwegs begegnet er ganz unterschiedlichen Menschen: einem Orakel, das rätselhaft spricht, einem Soldaten, der Krieg nicht als Ruhm, sondern als Trauma kennt, einem Philosophen, der über Gerechtigkeit nachdenkt, und einem Modeschöpfer, der zeigt, wie sehr auch äußere Dinge mit Würde und Zugehörigkeit zu tun haben können. Aus diesen Gesprächen nimmt Alexander keine fertigen „Rezepte“ mit, sondern Bausteine: Was ist fair? Wozu dienen Gesetze wirklich? Welche Rechte müssen unbedingt geschützt werden? Und wie sorgt man dafür, dass Regeln nicht nur auf dem Papier existieren, sondern im Alltag wirken?

Dabei liegt eine zusätzliche Spannung über allem: Kaliste ist weiterhin bedroht. Ein Nachbarkönig könnte die Stadt überfallen, sobald er merkt, wie verletzlich sie nach all den Jahren geworden ist. Alexander muss also nicht nur die richtigen Ideen finden, sondern auch rechtzeitig zurückkehren, bevor die Stadt erneut in Gewalt stürzt. Am Ende geht es darum, ob Alexander es schafft, aus Schmerz und Verlust etwas zu bauen, das größer ist als Rache: eine Ordnung, die Menschen schützt – gerade dann, wenn die Welt wieder laut wird.

Demokratie als Abenteuergeschichte

Gerechtigkeit als etwas, das man machen muss

Der Roman spielt (erzählerisch) in der Antike, aber die Fragen sind hochaktuell: Gerechtigkeit fällt nicht vom Himmel. Sie muss verhandelt, gebaut, verteidigt werden. Schirach lässt Alexander nicht über Demokratie „referieren“, sondern macht Demokratie zur Handlungsaufgabe: Du musst zu Menschen gehen, zuhören, widersprüchliche Interessen erkennen – und dann Regeln finden, die mehr sind als die Summe privater Wünsche.

Machtbegrenzung statt Heldenverehrung

Das Buch beginnt mit dem Beispiel eines Königs, der Krieg aus sicherer Entfernung betrachtet – ein frühes Lehrstück über Verantwortung: Wer entscheidet, soll auch die Folgen tragen. In der Logik von Alexander ist das Gegenmittel zur Tyrannei nicht „ein guter König“, sondern gute Regeln. Das ist der entscheidende Switch: weg von Personenkult, hin zu Strukturen.

Kindliche Perspektive als moralischer Trick

Dass ein Kind Gesetze finden soll, ist natürlich ein Kunstgriff. Aber ein kluger: Kinderfragen sind oft die einzigen Fragen, die durch die Ausreden der Erwachsenen schneiden. Alexander sieht Dinge, weil er noch nicht gelernt hat, sie zu rationalisieren. Und genau so funktioniert das Buch: Es nutzt die Unschuld nicht als Kitsch, sondern als Methode, um moralische Klarheit zu erzeugen.

Trauer als heimlicher Motor

Der Verlust des Vaters und das abgebrannte Zuhause sind nicht nur Hintergrund. Sie erklären Alexanders Ernst. Das Buch zeigt: Die Suche nach guten Regeln entsteht nicht aus intellektueller Spielerei, sondern aus Schmerz. Wer erlebt hat, wie schnell Ordnung zerfällt, fragt anders nach dem, was hält.

Politische Bildung ohne Klassenraumgeruch

Alexander ist auch ein Statement zur Frage, wie man Kindern Demokratie erklärt. Nicht über abstrakte Begriffe, sondern über eine Geschichte, die Tyrannei, Krieg und Wiederaufbau als Erfahrungsraum zeigt. Der Verlag beschreibt das explizit als Vermittlung „der Grundzüge der Demokratie“ anhand einer Erzählung.

Das ist bemerkenswert in einer Zeit, in der „Demokratie“ oft nur als Wort vorkommt, wenn sie gerade brennt. Schirach setzt früher an: Warum brauchen wir Regeln, die Macht begrenzen? Warum muss Recht für alle gelten? Und er traut Kindern zu, diese Fragen auszuhalten.

Schirach auf Minimalmodus (und das passt)

Schirach schreibt hier klar, knapp, ohne Schnörkel – und genau das ist die richtige Wahl. Kinderliteratur scheitert selten an Inhalt, sondern an Ton: Entweder wird sie niedlich oder belehrend. Alexander versucht, beides zu vermeiden, indem er die Sprache so einfach wie möglich hält und die Komplexität über Situationen transportiert.

Die Kapitel wirken wie kleine Szenen, die aufeinander aufbauen: Einführung, Krise, Auftrag, Reise, Erkenntnisse. Dazu kommt ein mild ironischer Erzählblick („Erwachsene sind manchmal nicht so klug, wie sie glauben“), der dem Text Luft gibt.

Illustrationen – Kein Deko-Zeug, sondern ein zweiter Erzähler

Wichtig: Die Umschlag- und Innenillustrationen stammen von Schirach selbst.

Das merkt man: Die Zeichnungen wirken nicht wie „Kinderbuchstandard“, sondern wie ein Autor, der seine Bilder als Stimmungsanker nutzt. Gerade weil der Text so reduziert ist, tragen die Illustrationen Atmosphäre und Emotion – sie sind nicht Beiwerk, sondern Rhythmus.

Für wen ist das Buch geeignet?

  • Kinder ab etwa 10, die gern Geschichten lesen, aber nicht unterschätzt werden wollen.

  • Eltern, die ein Buch suchen, das Gesprächsstoff liefert: über Regeln, Fairness, Macht, Mut, Verantwortung.

  • Lehrer, die politische Bildung nicht als Arbeitsblatt, sondern als Erzählung einsetzen wollen.

Wer allerdings ein reines Abenteuerbuch erwartet (Monster, Schatz, Daueraction), wird merken: Das Abenteuer ist hier ethisch, nicht körperlich.

Kritische Einschätzung – Stärken und Schwächen

Stärken:

  • Klarer moralischer Kern, der nicht predigt, sondern erzählt.

  • Gute Struktur: Krieg/Tyrannei als Ursprung, Reise als Lernform, Zeitdruck als Spannungsfaden.

  • Illustrationen als Verstärker, nicht als Schmuck.

Schwächen (oder: Geschmacksfragen):

  • Wer „Literatur“ im Sinne von Ambivalenz und offener Deutung sucht, könnte es stellenweise didaktisch finden. (Das ist aber auch der Auftrag des Buches.)

  • Die Figuren außerhalb Alexanders sind eher Ideenträger (Orakel, Soldat, Philosoph) als tief gezeichnete Charaktere.

Ein Kinderbuch, das Respekt hat

Alexander ist ein Buch, das Kindern nicht „beibringt“, was sie denken sollen, sondern sie in eine Situation stellt, in der Denken notwendig wird. Es ist warmherzig, aber nicht weich. Es ist klug, aber nicht verkopft. Und es zeigt: Demokratie ist nicht die Abwesenheit von Konflikt – sie ist die Kunst, Konflikt so zu regeln, dass Menschen nicht zu Opfern werden.

Wenn man dem Buch etwas vorwerfen will, dann höchstens, dass es sehr klar ist. Aber manchmal ist Klarheit genau das, was fehlt.

Über den Autor: Ferdinand von Schirach

Ferdinand von Schirach (*1964 in München) ist Jurist und Schriftsteller – und einer der wenigen deutschsprachigen Autoren, die das Thema Schuld so schreiben, dass es gleichzeitig kühl und menschlich wirkt. Bevor er literarisch bekannt wurde, arbeitete er viele Jahre als Strafverteidiger in Berlin; diese Nähe zur Praxis prägt seine Bücher bis heute: Er interessiert sich weniger für „böse Menschen“ als für Situationen, in denen Moral plötzlich unbequem wird.

Seinen Durchbruch hatte er mit Verbrechen und Schuld, später folgten u. a. Der Fall Collini, Tabu und das Theaterstück Terror, das als Publikumstribunal konzipiert ist. Schirachs Sprache ist typisch: knapp, präzise, fast protokollarisch – aber genau dadurch trifft sie oft erstaunlich emotional. Mit Alexander überträgt er diese Grundfragen erstmals auf ein jüngeres Publikum: Was ist gerecht, wie begrenzt man Macht, und warum braucht eine Gemeinschaft Regeln, die auch dann gelten, wenn’s unbequem wird?

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