In seinem mitreißenden Romandebüt erzählt der junge US-Autor Ocean Vuong von zahllosen, klaffenden Wunden, die er mittels der Sprache zu schließen versucht. "Auf Erden sind wir kurz grandios" ist die Geschichte einer beinahe stummen Mutter-Sohn-Beziehung, die durchdrungen ist von Migrations- und Identitätsproblemen. Eine Geschichte darüber, wie das Erzählen zum Ausweg werden kann.
Es gibt zwei Arten, die wirren Zeitläufe der Gegenwart auf Distanz zu halten. Manch einer wirft hierzu den Blick hoffnungsvoll in die Zukunft, und gestaltet dort, an einem ungewissen Horizont, die Bilder einer lebenswerteren Welt. Dem zweifelüberladenen "Jetzt" werden dann utopische Konzepte entgegengesetzt, mit der Hoffnung, die so freigesetzten Kräfte würden sich auf das gegenwärtige Handeln auswirken. Andere Autorinnen und Autoren hingegen, und zu diesen gehört Ocean Vuong, blicken in die Vergangenheit, und versuchen den herrschenden Umständen eine Vorgeschichte zu schreiben. Das zweifelüberladene "Jetzt" wird dann entstaubt und restauriert; es wird, diskursanalytisch, weniger als ein Gewordenes, mehr als ein stetig Werdenes betrachtet.
Aus der Sprache "herausgefallen"
Der Schriftsteller Ocean Vuong tut dies mittels einer poetischen Sprache, in der die Weltverlorenheit des erst 30-Jährigen Autors beinahe Satzweise anklingt. Die Vergangenheit entstauben und restaurieren bedeutet hier vor allem, sich auf die zertrümmerten Partikel, sich auf die vom Boden aufzulesenden Fragmente zu konzentrieren. Genau so lesen sich diese Sätze: Partikular, fragmentarisch.
"Auf Erden sind wir kurz grandios" ist ein langer Brief, gerichtet an die eigene Mutter, die Analphabetin ist. Ein autobiografischer Roman, dahin adressiert, wo er niemals voll und ganz aufgehen wird. Vielleicht ist gerade diese Voraussetzung auch der Grund für die vielen hell aufleuchtenden, melancholischen Bilder, von denen Vuongs Werk durchzogen ist; vielleicht schreibt dieser Autor ins Absurde hinein mit der Hoffnung, es geschehe ein Wunder, am Ende irgendeiner Zeile. Sein Brief ist ein Erinnerungsschreiben, zugleich eine Anklage und der Versuch zu Verzeihen.
Im Alter von zwei Jahren ist Ocean Vuong mit seiner Familie in die USA gekommen. Seine Mutter Rose arbeitet Tag für Tag in einem Nagelstudio, der amerikanischen Sprache kaum mächtig. Wir erfahren, wie sie ihren Sohn schlägt, ihn in den Keller sperrt, ihn bestraft. Wie sie versucht für ihn da zu sein, und daran scheitert. Wie sie die Haustür öffnet, auf den draußen fallenden Schnee verweist in sein Ohr flüstert: "Schau". Es sind dies überbordende Gesten - mal voller Gewalt, dann wieder hoch poetisch - die aus dem Verlust der eigenen Sprache geboren wurden. Die Gesten einer Mutter, die, wie es im Roman heißt, "aus der Sprache herausgefallen ist".
Immer wieder wendet sich der Erzähler direkt an diese zerrissene Frau, und tut dies mittels einer ebenso zerissenen, fragmentierten Erzählweise. Fast scheint es so, als wolle er die Gesten seiner Mutter, die in ihren Extremen als Sprachersatz herhalten mussten, in Sätze zurückverwandeln.
Fall nicht auf!
Vuong erzählt jedoch von mehr als "nur" einer schwierigen Beziehung zur eigenen Mutter. Sein Roman ist auch eine Migrantengeschichte, in der furchtbare Bilder der Gewalt zutage treten. "Fall nicht auf, du bist schon vietnamesisch", sagt die Mutter an einer Stelle. An einer anderen erleben wir, wie der Erzähler im Bus von anderen Kindern gedemütigt wird:
"'Ey.' Der Junge mit den Hängebacken lehnte sich vor, sein Essigatem strich an meiner Wange entlang. 'Kannst du überhaupt sprechen? Kannst du Englisch?' Er packte meine Schulter und zerrte mich zu sich herum. 'Sieh mich an, wenn ich mit dir rede.'" (Auf Erden sind wir kurz grandios)
Auch erfahren wir von der Liebe zur Großmutter und vom Vietnam-Krieg, von Soldaten, die im Dschungel Affenhirn essen, von der ersten große Liebe, dessen Verlust, und den Schwierigkeiten der eigenen Sexualität (Als der Sohn gesteht, dass er schwul ist, übergibt sich die Mutter). All diese literarischen Expansionen gehen von der Mutter-Sohn-Beziehung aus. Von diesem Fundament des Ins-Leere-Hineinsprechens aus, schweift der Erzähler in die Ferne, verliert sich in essayistischen Passagen oder stößt plötzlich auf einen einzigen, lakonischen Satz, der zugleich lyrische Konklusion ist:
"Ma, unsere Muttersprache zu sprechen heißt, nur teilweise auf Vietnamesisch zu sprechen, aber ganz auf Krieg" (Auf Erden sind wir kurz grandios)
Auf der Suche nach der verlorenen Sprache
Welch eine Sprache, kann das Ausbleiben von Sprache spürbar machen? Wie ein apruptes Stottern, ein plötzliches, peinliches Verstummen nachfühlbar aufbereiten, ohne es einfach nur abzubilden? Auf seiner Suche nach Antworten bezieht sich Vuong immer wieder auf Philosophen wie Roland Barthes oder Albert Camus. Der eine Strukturalist, der andere, ebenso wie Vuong selbst, Sohn einer analphabetischen Mutter. Hier sucht ein Autor sprachlich nach der passenden Sprache, im vollen Bewusstsein, niemals ankommen zu können, im Bewusstsein, dass eben auch Sprache niemals Gewordenes, immer Werdenes ist. Ein wichtiges Werk der Gegenwart.
Ocean Vuong: Auf Erden sind wir kurz grandios, Hanser Verlag, 2019, 237 Seiten, 22 Euro
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