In "Vom Aufstehen" liefert Helga Schubert kurze biografische Episoden und Beobachtungen, die sich zu einem Lebensweg verdichten. Foto: dtv Verlag

Helga Schubert - "Vom Aufstehen" Am Lebensweg entlang geschrieben

Als die Autorin Helga Schubert im vergangenen Jahr - als älteste Teilnehmerin überhaupt - den Bachmann-Preis gewann, rückte sie wieder stärker in die literarische Öffentlichkeit. Vor kurzem erschien nun ihr Erzählband "Vom Aufstehen", der 29 Texte versammelt, die sowohl zeitgeschichtliche Themen, als auch Familiengeschichten beleuchten.

 

"Ein Leben in Geschichten" - so lautet der Untertitel von Helga Schuberts aktuellem Erzählband "Vom Aufstehen". Und in der Tat kommt man während der Lektüre dieses Buches nicht umhin, anzunehmen, man spaziere an einem bewegten Leben entlang, begleitet von Wolkenbrüchen und Wintertagen, die allerdings keineswegs abschrecken, sondern weiter vorantreiben. Mit "Vom Aufstehen" tritt Helga Schubert, nachdem sie als Autorin beinahe zwei Jahrzehnte pausierte, wieder auf den literarischen Plan. Dass ausgerechnet jetzt eine Veröffentlichung erfolgt, ist wohl auch der Tatsache geschuldet, dass Schubert im vergangenen Jahr beim Online-Wettbewerb der Tage der deutschsprachigen Literatur las, und den renommierten Bachmann-Preis gewann.

Ihr letztes Buch - "Die Welt da drinnen" - war eine literarische Recherche zu der von den Nazis verfügten Euthanasie, und erschien im Jahr 2003. Ihre literarische Blütezeit hatte Schubert bereits in den 80er Jahren, in denen ihre Bücher in der DDR und im Westen erschienen waren. Dann flachte das Schreiben ab. Schubert konzentrierte sich in dieser Zeit voll und ganz auf die pflegerische Betreuung ihres Mannes, katalogisierte dessen Werke und organisierte Ausstellungen mit seinen Gemälden. Auch diese innige Beziehung klingt in diesem Buch auf.

"Vom Aufstehen" - zwei Welten

Die in "Vom Aufstehen" versammelten Texte verlagern sich grundlegend auf zwei existenzielle Punkte: Zeitgeschichte und Familienleben. Besonders viel Aufmerksamkeit bekommt dabei die Mutter. Was war das für eine Frau, fragt sich Schubert, die ihren Mann im Russlandfeldzug der Deutschen Wehrmacht verloren hat, als das Kind gerade 1 Jahr als gewesen ist. Sie, die Mutter, ist auch Thema des titelgebenden Texte "Vom Aufstehen", für den Schubert den Bachmann-Preis erhielt. Das Leben der Mutter spiegelt sich hier, auf sonderbare Weise, im eigenen Tagesbeginn. Der Schmerz des Aufstehens im doppelten Sinn, die Schwere eines Lebens, welches von vielen Momenten der Leichtigkeit verdichtet wurde.

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Und weiter: Der Vater. Wer war dieser Mann, von dem ihr letztlich nur erzählte Geschichten, aufblitzende Erinnerungen, und die Großmutter in Greifswald geblieben sind? Schubert antwortet in ihrer Geschichte "Ein junger Vater" knapp: " ... ein Trauma meines Lebens"; und dieser Satz, in all seiner Knappheit, eröffnet so vieles. Hat man doch das Gefühl, er wird von einem ganzen Leben ausgeworfen. 81 Jahre lang wurde er, in tausenden Versionen, im Gedanken gesprochen, verschoben, verdrängt und variiert. Hier steht er nun.

DDR-Erfahrungen

Andere Geschichten befassen sich mit DDR-Erfahrungen. Da ist beispielsweise der Versuchen, an westdeutsche Literatur zu gelangen, oder die große Freiheit kleiner Reiseerlebnisse. Dieselbe Frau, die den fehlenden Vater wie eine Wunde empfang, schreibt nun über das Glück grauer Wintertage, die sie, in eine Wolldecke gehüllt, zu Hause verbringen kann: "Mein Lebensthema, dachte ich, ist die Geborgenheit".

Es ist merkwürdig. Da schreibt eine beinahe vergessene Schriftstellerin im Alter von 81 Jahren einen Erzählband, der oft schwer wiegt und dessen Texte Themen verhandeln, die keineswegs leicht verdaulich sind; und doch erscheint einem diese Prosa frisch und voller Leichtigkeit. Dies ist wohl der Tatsache geschuldet, dass hier keine Geschichten zwanghaft angerufen werden mussten. Die Autorin hatte ihre Themen griffbereit, und war also nicht dazu gezwungen, nach außergewöhnlichen Allegorien oder parabolischen Elementen zu suchen (ein Vorgehen, welches oft zur Folge hat, dass die Poesie unter bloßem Handwerk begraben wird). Die ergreifendsten Passagen in dieser Sammlung sind daher auch jene, die nicht ausgedacht, sondern erlebt sind.


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