Eine Bühne, drei Bücher, ein Moment der Sichtbarkeit: Auf der Leipziger Buchmesse, im Raum zwischen Messebetrieb und literarischem Ritual, wird am 22. März 2026 der Selfpublishing-Buchpreis vergeben. Moderiert von Lea Kaib, eingebettet in das öffentliche Sprechen über Bücher, markiert die Preisverleihung weniger einen Abschluss als eine Verschiebung. Denn ausgezeichnet werden Texte, die außerhalb klassischer Verlagsstrukturen entstanden sind – und sich dennoch in ein literarisches Koordinatensystem einschreiben, das Sichtbarkeit organisiert.
Selfpublishing-Buchpreis 2025/26: Drei Bücher und die Frage nach Form, Stimme und Sichtbarkeit
Die drei prämierten Werke – Susanne Mesterharms „Vogel mit Licht – Geschichte einer multiplen Persönlichkeit“, Judith Spörls „Eine Tür für den Pomps“ (illustriert von Arabell Watzlawik) und Marc A. Hoffmanns „Schottlands Malt-Whiskys – Eine Reise zu den Destillerien“ – scheinen zunächst wenig gemein zu haben. Psychologische Innenräume, kinderliterarische Fantastik, kulturgeprägte Sachprosa. Und doch verbindet sie eine leise Struktur: Es sind Bücher über Formsuche – im Ich, im Erzählen, im Wissen.
Zersplitterung und Zusammenhang
Mesterharms Roman beginnt mit einer Störung. Stimmen, die sich nicht zuordnen lassen. Gegenstände ohne Erinnerung. Räume ohne Herkunft. Die Figur Berit ist kein geschlossenes Subjekt, sondern ein Ensemble aus Persönlichkeitsanteilen, die jeweils eigene Erfahrungen und Strategien tragen. Die dissoziative Identitätsstruktur bildet dabei nicht nur den Gegenstand, sondern auch die Bedingung des Erzählens.
Die Autorin, selbst Psychotherapeutin, greift auf langjährige Erfahrung im Umgang mit entsprechenden Krankheitsbildern zurück. Der Text wirkt dabei nicht erklärend, sondern beobachtend. Die verschiedenen inneren Stimmen erscheinen nicht als Fallmaterial, sondern als eigenständige Perspektiven, die miteinander in Beziehung treten. Das Ich wird zur Verhandlungsfläche.
Auffällig ist die Zurückhaltung der Sprache. Sie vermeidet Dramatisierung und lässt stattdessen Brüche sichtbar werden. Erinnerung ist hier kein linearer Zugriff, sondern ein fragmentierter Prozess. In dieser Struktur entsteht eine Bewegung: Identität erscheint nicht als stabile Größe, sondern als etwas, das immer wieder hergestellt werden muss.
Der Titel „Vogel mit Licht“ setzt dem eine leise Gegenfigur entgegen. Ein Bild von Leichtigkeit, das sich nicht auflöst, sondern im Text gehalten wird. Zwischen Fragmentierung und dem Versuch von Zusammenhang entsteht eine Spannung, die das Erzählen trägt.
Existenz durch Erzählen
Judith Spörls „Eine Tür für den Pomps“ setzt an einem anderen Punkt an. Hier steht am Anfang keine Zersplitterung, sondern ein Mangel: eine Figur ohne Geschichte. Der Pomps existiert, aber ohne narrative Verankerung droht er zu verschwinden.
Die „magische Kinderbuchwerkstatt“, in der Schreiblinge, Farbklecksis und ausgebüxte Figuren leben, fungiert als Modellraum. Erzählen wird hier nicht nur praktiziert, sondern thematisiert. Figuren bestehen, weil sie erzählt werden – und verlieren ihre Existenz, wenn diese Erzählung fehlt.
Diese Setzung bleibt zugänglich, ohne vereinfacht zu wirken. Das Buch formuliert implizit eine Poetik des Kinderbuchs: Fantasie ist kein Ornament, sondern Bedingung von Welt. Dabei spielt das Zusammenspiel von Text und Illustration eine zentrale Rolle. Arabell Watzlawiks Bilder greifen Motive auf, führen sie weiter und öffnen zusätzliche Bedeutungsebenen.
Der Vergleich der Jury mit klassischen Figuren wie dem Sams verweist auf eine Traditionslinie. Gleichzeitig verschiebt der Pomps diese Linie leicht: Seine Bewegung entsteht nicht aus Regelbruch, sondern aus dem Bedürfnis nach Zugehörigkeit. Erzählen wird hier zur Form von Stabilisierung.
Wissen als Bewegung
Marc A. Hoffmanns Whiskyband wirkt zunächst wie ein Gegenpol. Über 140 Destillerien, alle bereist, beschrieben und fotografiert. Ein Buch, das sich als Überblick anbietet – und zugleich mehr sein will.
Die Struktur folgt geografischen und produktionstechnischen Linien, doch entscheidend ist die Art der Darstellung. Jede Destillerie erscheint als eigener Ort mit Geschichte, Verfahren und Atmosphäre. Wissen wird nicht isoliert präsentiert, sondern an Räume gebunden.
Dabei entsteht eine Form des Erzählens, die sich zwischen Dokumentation und Erfahrung bewegt. Herstellung, Verkostung und Landschaft treten in Beziehung. Der Band vermittelt nicht nur Informationen über Whisky, sondern auch über die kulturellen Bedingungen seiner Entstehung.
Die ruhige, präzise Sprache vermeidet Überhöhung. Stattdessen entsteht ein kontinuierlicher Textfluss, der Orientierung bietet, ohne zu vereinfachen. Das Buch funktioniert so als Reise durch ein kulturelles Gefüge – und als Einladung, Wahrnehmung zu schärfen.
Auswahl als Struktur
Die drei ausgezeichneten Titel wurden aus 1.855 Einreichungen ausgewählt. Der Prozess – Longlist, Shortlist, finale Entscheidung durch eine Fachjury – folgt etablierten literarischen Verfahren. Gleichzeitig wird er auf ein Feld angewendet, das lange als unübersichtlich galt.
Der Selfpublishing-Buchpreis übernimmt hier eine doppelte Funktion. Einerseits schafft er Sichtbarkeit für unabhängige Autor:innen. Andererseits etabliert er Kriterien, nach denen diese Sichtbarkeit verteilt wird. Auswahl wird organisiert.
Die Auszeichnung ist mit einem Preisgeld von jeweils 3.000 Euro sowie Marketing- und Sichtbarkeitspaketen verbunden. Das verweist auf eine zweite Ebene: Literatur entsteht nicht nur im Text, sondern auch in den Bedingungen ihrer Verbreitung.
So entsteht ein Spannungsfeld zwischen Unabhängigkeit und Struktur. Selfpublishing bedeutet Freiheit von verlegerischen Vorgaben, aber nicht Freiheit von Bewertung. Die prämierten Bücher zeigen, dass sich Qualität auch außerhalb klassischer Institutionen formiert – und dort eigene Maßstäbe entwickelt.
Am Ende bleibt weniger ein Ergebnis als eine Bewegung: zwischen individueller Stimme und kollektiver Wahrnehmung, zwischen Erzählen und Einordnung, zwischen dem Buch als Einzelwerk und dem System, in dem es gelesen wird.
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