Europa Sea Watch - Die Gretchenfragen vom Mittelmeer

Ist die Kapitänin der "Sea-Watch 3", Carola Rackete, eine Heldin oder eine Kriminelle? Stehen Gesetzte über Menschenrechte? Und ist unterlassene Hilfeleistung gleichzusetzen mit Mord? Diese Fragen, so sehr sie auch - kilometerweit - am eigentlichen Thema vorbeigehen, scheinen die wohltemperierten Abende auf der heimischen, deutschen Terasse zu füllen. Kaffee, Bier, Hass, alles, nur keine Lösung. Ein Kommentar.

Sea Watch 3
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Foto: Pixabay Retterin oder Verbrecherin? Recht oder Gesetz? Die großen Fragen nach der Menschlichkeit werden mit einfachen Wörtern gestellt. Reicht das?

Es tauchen in diesen Tagen Schriften auf, bei deren Lektüre man nur mit dem Kopf schütteln kann. Da wird beispielsweise die Vermutung angestellt, dass die "Sea-Watch 3" Kapitänin, Carola Rackete, aus rein sexueller Motivation heraus auf das Mittelmeer fährt, um dort Menschenleben zu retten. Weil sie -natürlich, was läge näher - schwarze Männer lieber mag als weiße. Wer kennt ihn nicht, diesen wohl romantischsten aller Anmachsprüche: "Du bist in Sicherheit". Die scheinbar nur allzu sehr hollywood-affinen Autoren und der Titel ihres "Schreibens" soll hier nicht genannt werden. Aus guten Gründen. Lektüre dieser Art ist nicht nur überflüssig, sie ist gefährlich.

Hass und hasserfüllte Bücher

Erweitert und konsumiert werden solcherlei Texte durch den tagtäglich in sämtlichen Kommentarspalten anzutreffenden Stumpfsinn sogenannter User. Das Hass im Netz hoch im Kurs steht ist keine Neuigkeit und bedeutet natürlich auch, dass mit Hass Geld zu machen ist. Hass fördert hasserfüllte Bücher, hasserfüllte Bücher fördern Hass, circulus vitiosus, und schlussendlich muss man sich wundern, dass verhältnismäßig wenig deutsche Autor*innen darum bemüht sind, eine Gegenstimmung zu schreiben. Wir haben zahlreiche pro-europäische Unterschriftensammlungen, doch kaum pro-europäische Streitschriften. Das Thema Europa, samt den längst schon impliziten Teil "Flüchtlingskriese", scheinen sich die mitte-rechts bis rechts Autoren*innen unter den populistischen Nagel gerissen zu haben.

Ganz oben in den "Europa-Bücher"-Listen stehen Titel wie "Der Selbstmord Europas: Immigration, Identität, Islam" des britischen Autors Douglas Murray. Auch in den deutschen Rängen finden wir immer wieder ausländerfeindliche Narrative in den Buchbetitelungen. So lesen wir "Oben und Unten. Abstieg, Armut, Ausländer - was Deutschland spaltet" auf dem Cover eines Buches, welches von Jakob Augstein und Nikolaus Blome verfasst, und im Frühjahr 2019 im Dtv Verlag erschienen ist. Achtung, Emphase: "Abstieg, Armut, Ausländer", diese schöne Triade, die mittlerweile sicher schon die ein oder andere Nazi-Band zu einer neuen, bewegenden Volks-Ballade inspirierte, kommt nicht etwa aus einer extrem-rechten Ecke, sie kommt aus der Ecke: Der Spiegel / Bild.

Die Ohnmacht der Sprache

Fast schon könnte man meinen, die Sprache schwächele zunehmend. Nur "harte" Ausdrücke, möglichst polarisierende Themen, "klickbares" Zeug erhalten Gehör. Schade nur, dass hart, polarisierend und klickbare Themen, Headlines und Artikel zwingend oberflächliche sein müssen. Die Frage "Kriminelle oder Heldin" etwa, die nun häufig mit dem Namen Carola Rackete in Zusammenhang gebracht wird, ist eine Frage, die, sobald man nur ansatzweise über den Kartoffelsuppentellerrand hinausschaut, völlig irrelevant wird. Selbst wenn die Frage lösbar wäre, wäre mit ihr rein gar nichts gelöst. Die Frage selbst aber bleibt als Headline klickbar, konsumierbar, streitbar; und eben das sie dies weiterhin bleibt, ist das eigentliche Problem, welches man im Grunde zu erfragen hätte.

3 von 4 Deutschen kommen während eines gemeinschaftlichen Grillabends auf der heimischen Terasse zu dem Entschluss: "Gesetz ist Gesetz". Er wird mit einem "Prost" beschlossen. Und nun? Grenzen hoch? Schießen? Geht irgendwie nicht, niemand versteht warum. Also: Bratwurst wenden und ab in die Kommentare, Stimmung machen. "Ausländer", "Abstieg", "Armut" steht da, eigentlich schon ein verkaufssicherer Buchtitel. Einer schreibt, verdient, und alles beginnt von vorn.

Für die Überforderung

Literatur ist Überforderung, sagte Roger Willemsen einmal. Und natürlich bleibt sie es auch weiterhin. Natürlich gibt es weiterhin lesenwerte Bücher und Beiträge, die sich darum bemühen, einfache Antworten nachvollziehbar zu übergehen, und ein gewisses Gefühl für Tiefe zu schaffen. Vielleicht ist es in diesem Sinne notwendig, ein Loblied auf die Überforderung zu singen, ein Lied, welches nicht nur innerhalb akademischer Institutionen erklingt, sondern über diese Grenze hinaus. Erst wenn Überforderung wieder Größe bedeutet, wenn "Ausländer", "Abstieg" und "Armut" überhört werden und sich stattdessen "Menschlichkeit" in den Kommentarspalten bewähren kann, werden die nur allzu reizerisch geschriebenen Artikel übersehen, überlesen, und sich Hass zur gemeinsamen Freunschaft gegen einen gemeinsamen Feind entwickeln können.




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