Literatur und Politik Übersetzungsstreit um Amanda Gormans Gedicht "The Hill We Climb" - Wer darf was?

Mit ihrem Gedicht "The Hill We Climb" hatte die zweiundzwanzigjährige Lyrikerin Amanda Gorman bei Joe Bidens Amtseinführung für Aufsehen gesorgt. Nun entfachte ein Disput um die Übersetzung des Gedichtes. Die Autorin und Booker-Preisträgerin Marieke Lucas Rijneveld hatte den Auftrag bekommen, "The Hill We Climb" ins Niederländische zu übersetzen. Doch schnell hagelte es Kritik. Wer darf wen übersetzen?

Wer darf wen übersetzen? Diese Frage wirft die Debatte um die Übersetzung des Gedichtes "The Hill We Climb" von Amanda Gorman gegenwärtig auf. Foto: Pixabay

Drei Jahre ist es her, als StudentInnen der Berliner Alice Salomon Hochschule dafür protestierten, dass das in ihren Augen frauenverachtende Gedicht "avenidas" von Eugen Gomringer von ihrer Hochschul-Fassade verschwindet. Sie gewannen den Streit, und dort, wo einst Gomringers "avenidas" prangte, ist nun ein Gedicht der Schriftstellerin Barbara Köhler zu lesen. Ein Jahr zuvor, 2017, entfachte ein heftiger Streit um das Gemälde "Open Casket" der Künstlerin Dana Schutz, welches auf der "Whitney-Biennale" ausgestellt wurde. Das abstrakte Werk erinnert in Farbe und Form an einen schwarzen Jugendlichen, der Opfer eines grausamen Lynchmordes wurde: Emmett Till. Nach heftiger Kritik wurde das Gemälde aus der Ausstellung entfernt. Die Kernfrage des damaligen Diskurses - können weiße KünstlerInnen das Leiden schwarzer Menschen nachvollziehen und dementsprechend bearbeiten? - flammt auch gegenwärtig wieder auf. Dieses Mal geht es um die Übersetzung des Gedichtes "The Hill We Climb" der schwarzen Schriftstellerin Amanda Gorman, die ihr Werk zu Joe Bidens Amtseinführung rezitierte und für Begeisterung sorgte. Für die Übersetzung ins Niederländische hatte der Meulenhoff-Verlag die neunundzwanzigjährige Schriftstellerin und Booker-Preisträgerin Marieke Lucas Rijneveld gewählt. Schnell hagelte es Kritik. Mittlerweile hat Rijneveld den Auftrag zurückgegeben.

 

Aktivistin Janice Deul: "Eine verpasste Gelegenheit"

An vorderster Front der Kritikerinnen stand die schwarze Journalistin und Aktivistin Janice Deul. In der Zeitung "de Volkskrant" schrieb sie zur Wahl des Verlages:

"Harvard-Absolventin Gorman, von einer alleinerziehenden Mutter erzogen und aufgrund von Sprechschwierigkeiten als Kind mit 'besonderen Bedürfnissen' bezeichnet, nennt sich selbst ein 'Skinny Black Girl'. Ihre Arbeit und ihr Leben sind geprägt von ihren Erfahrungen und ihrer Identität als schwarze Frau. Ist es nicht – gelinde gesagt – eine verpasste Gelegenheit, Marieke Lucas Rijneveld für diesen Job einzustellen? Sie ist weiß, nicht binär, hat keine Erfahrung auf diesem Gebiet, ist aber laut Meulenhoff immer noch die 'Traumübersetzerin'?"

Deul betont, dass sie nichts gegen Rijneveld hätte, doch fiele ihr ein ganzer Schwung besser geeigneter Kandidatinnen aus ihrem Umfeld ein, die allesamt, ebenso wie Gorman, Künstlerinnen des gesprochenen Wortes, jung, weiblich und "selbstverständlich" schwarz seien.

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Kunst und Politik - sich liebende Antagonisten

Ein weiteres Mal macht diese Debatte deutlich, wie die mannigfaltigen Empfindungen, die ein Werk hervorrufen, evozieren kann, in ein politisches Korsett gezwungen, und somit messbar gemacht werden. Das Werk wird auf die Erscheinung seines Schöpfers reduziert, als eine Art bloße Erweiterung der politischen Figur Amanda Gorman gehandelt. Bereits Dana Schutz, deren Werk 2017 aus der "Whitney-Biennale" entfernt wurde, machte damals im Zuge der Debatte deutlich, dass sie vielleicht nicht das Leiden der schwarzen Bevölkerung nachvollziehen kann, doch als Mutter sehr wohl eine Vorstellungen davon hat, welch ein Schmerz mit dem Verlust des eigenen Kindes einhergeht. Dieser Schmerz aber, diese Verlustangst, fand in der Debatte keinen Platz. Man sah Dana Schutz und entschied, dass sie kein Recht hätte, dieses von ihr verwendete Sujet in Anspruch zu nehmen, so als sei Dana Schutz nicht mehr als ihre Hülle und das, was von dieser Hülle bisher in die Öffentlichkeit getragen wurde.

Auch in der aktuellen Debatte spricht man weder über Gormans Gedicht, noch über die Kindheitserfahrungen Rijnevelds, die ja - eventuell - interessante Parallelen zu der von Gorman aufwerfen könnten (ist Rijnevelds Debüt-Roman "Was man sät" nicht alles andere als fröhlich?). Man möchte also nicht zulassen, dass sich die Empfindungen und Erfahren, die sich auf höchst unterschiedliche Weisen in den Werken diverser Künstlerinnen niederschlagen können, übereinanderlegt werden.

Stattdessen lässt man nicht einmal die Übersetzung zu, lehnt sie bereits vor ihrem Entstehen ab. Die Suche, das Hecheln nach Worten, die Fehlgriffe, die falschen Töne, das Scheitern - alles von vornherein ausgeschlossen. Man stelle sich nur vor, Rijnevelds selbst hätte nach monatelanger Arbeit von sich aus gesagt: "Ich genüge nicht". Was wäre das für ein politisches Statement gewesen? Man stelle sich vor, es wäre im Jahr 2021 ohne weiteres möglich, sich intensiv mit den Gefühlswelten anderer auseinanderzusetzen, ohne als ausgrenzend oder ausgegrenzt zu erscheinen. Was könnte die Kunst für heilsame Kräfte entfalten?

 
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