Der Roman "M." von Anna Gien und Marlene Stark ist ein literarischer Versuch der Aneignung per Machtausübung. Aus der Sicht einer jungen Kunststudentin werden dabei längst bekannte strukturelle Probleme im Kunstbetrieb nachgezeichnet. Viel "Ficken und ficken lassen" und am Ende die verkaterte Auswegslosigkeit.
Den Kunstbetrieb von hinten nehmen. Und dann?
Das ist M.: Mit Umschnalldildo und Dj-Platten durch die Nächte Berlin-Neuköllns, künstlerisch ambitioniert (was man so künstlerisch nennt), nur selten nüchtern und von den patriarchalen Strukturen des Kulturmarktes in die Ecke gedrängt. Dort wütend geworden. In erster Linie damit beschäftigt Sex zu haben (Sex im weitesten Sinne des Begriffes, in allen Formen, Varianten und Explikationen). Platten, Kunstwerke und Umschnalldildo bilden eine Art Waffenarsenal, und in die Ecke gedrängt, so scheint es, ist der Dildo die geeignetste Waffe zur Selbstverteidigung.
Ich ficke, er fickt, sie fickt...
Ob zu dirtt in der Bar, im Darkroom des Clubs "Ficken 3000" oder per Videochat, gefickt wird hier was das Zeug hält, was ja bekanntlich super ist, das Ficken. Gerade daher können es auch einige Typen einfach nicht begreifen, wie man irgendwann irgendwie keine Lust darauf haben kann: "Er stupst mich mit seinem Teil am Schenkel an. Das machen alle Männer, die realisiert haben, dass die Frau keine Lust hat oder zu müde ist, um Sex zu haben. Wie ein Streber, der verzweifelt mit dem Finger schnipst. Die Lehrerin wendet sich ab. Wir schlafen."
Doch ist auch die ignorante Lehrerein noch eine sexuelle Herausforderung, was M. nicht zu begreifen scheint, vielleicht nicht begreifen will oder kann. Im gesamten Verlauf der Geschichte bleibt sie daher lediglich eine wandelnde Reaktion auf die von Männern (hier insbesondere Galeristen) ausgeübten Ermächtugungsversuche, was schließlich bei dem bereits erwähnten Umschnalldildo endet, der im Grunde ja nichts anderes darstellt, als das vollendete Bild eines Selbstermächtigungsversuches, ja des Mann-Werden-Wollens. Auch in einer Äußerung über ihre Funktion als Sexgruppenleiterin eines Videochats, in der sie, M., die Befehle erteilt, findet sich dieses Bild in abgewandelter Form wieder: "Eine virtuelle Sextauschbörse, in der ich die Fäden in der Hand habe. Nicht mehr selber ficken. Ficken lassen." Auch hier: Der kurzweilig in Erfüllung gegangene Ermächtigungswunsch, ein kleines Licht am Ende eines patriarchalen Tunnels. Im Grunde flüstert M. unaufhörlich: Deligation, Aneignung, Macht. Das ist super, das will ich auch.
Aufschlussreiche Beobachtungen, keine Lösung
Schön ist, dass das Buch ebenso kurzweilig erscheint, wie die Machtausübungen seiner Heldin. Die Schnelligkeit Berlins eben: das Tosen, die Clubs, das aneinander Angleichen und dabei überschwenglich in Bedeutung schwelgen, dann wieder fort, woanders hin - scheiß Club, scheiß Tosen, keine Ruhe, keine Bedeutung, blöde DJane, und so fort. "M." ist, ob beabsichtigt oder nicht, eine detailreiche Darstellung der Meisterdiziplin des 21. Jahrhunderts: Fortwährend Probleme generieren, um die eben erst generierten Probleme zu vergessen. Im Text erfasst uns diese Geschwindigkeit der mit sich selbst Uneinigen.
Jeder der denkt, dass Kunst- und Kultur schöne Bilder, fesche Skulpturen, politische Statements und ausgeklügelte Konzepte bedeutet, sollte unbedingt dieses Buch lesen. Und danach viele mehr. Vor allem das fehlende Verständis für die eigene Positionierung - das sich Über-Den-Dingen-Glauben während man unausgesetzt vor ihnen kapituliert - wird hier anhand der jungen, fickenden M. aufschlussreich dargestellt. Wer hingegen auf der Suche nach Lösungen ist, wird hier nicht fündig werden.
Marlene Stark, Anna Gien: M. Roman. Verlag Matthes & Seitz, Berlin 2019, 248Seiten, 20 Euro.
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