Jeffrey Eugenides: "Das große Experiment" Das Leben ist spielbar

Mit dem Roman „Middlesex“ ist Jeffrey Eugenies zum Bestsellerautor geworden. Seit 2011 wurde es dann ruhig um den Autor. Nun ist der Erzählband „Das große Experiment“ erschienen, der zehn großartige Geschichten versammelt.

Quelle_ rowohlt Mit "Das Große Experiment" liefert Jeffrey Eugenies einen Erzählband, der in zehn Geschichten das Leben als "spielbar" darstellt.

Viele Geschichten dieser Sammlung erzählen von Menschen die versucht sind ihrem Unglück zu entkommen. Oft verstricken sie sich dabei zunehmen in ihren prekären Situationen. Ein existenzielles Lauffeuer. Fast immer spielt Geld dabei eine wichtige Rolle. Reich oder reicher werden, das ist der alles lösende Notfallschalter. Und herauszufinden wie man diesen zu bedienen hat, das ist „Das große Experiment“.

Verzweiflung und Absurdität

„Das große Experiment“, so heißt auch der Kleinverlag, in dem Kendall als unterbezahlter Lektor arbeitet. Weil er Kosten sparen will, schaltet er Zuhause die Heizung ab. Seine Kinder fliehen vor der Kälte und übernachten am liebsten bei Freunden. Da an Krankenversicherung und Gehaltserhöhung nicht zu denken ist, beschließt Kendall bald, die Sache mit dem Geld selbst in die Hand zu nehmen: Über eine eigenst gegründete Scheinfirma schickt er Rechnungen an seinen Verlag. Das sein Vorhaben auf Dauer nicht gut gehen wird, ist vorauszuahnen. Doch gerade darüber wird uns die Verzweifelung klar, die hinter seiner Tat steckt. Alles wagen und vielleicht verlieren, oder schleichend verlieren, mit frierenden Kindern?

Um den entgültigen Entschluss hin zur Handlung geht es auch in einer nächsten Geschichte. Hier begegnen wir Matthew, dem zur Last gelegt wird ein minderjähriges Mädchen vergewaltigt zu haben. Nach einem Vortrag an einer kleinen amerikanischen Uni wird der Physiker von Prakri, ein Mädchen indischer Abstammung, angesprochen, die anzüglich wird und später sogar dafür sorgt, dass Matthew sich in einem Laden Kondome besorgt. Eine Überwachungskamera zeichnet den Vorgang auf. Nach dem Geschlechtsakt, verschwindet das Prakri schnell wieder aus dem Hotel. Sie hat ihr Ziel erreicht. Worum es ihr eigentlich bei dieser Aktion geht, wird erst später klar: Der Versuch, einer Zwangsverheiratung zu entgehen.

Trans- und Intersexualität

"Das Orakel der Vulva" erzählt uns von einem berühmten Sexologen der versucht ist die Feldstudie einer jungen Kollegin zu wiederlegen. Diese behauptet, entgegen der lange Zeit unangefochtenden Behauptung des Protagonisten, dass das menschliche Geschlecht nicht ausschließlich von den Prozessen der Sozialisation bestimmt sei. Ein Widerstreit zwischen sozialem und biologischen Geschlecht, der uns an die Grundthematik von „Middlesex“ erinnert.

Sammlung mehrerer Geschichten

Nicht alle der hier versammelten Geschichten sind neu geschrieben worden. So ist auch eine aus dem Jahre 1989 stammende Erzählung dabei, die Eugenies damals als Student schrieb. Drei Geschichten gab es bereits auf Deutsch zu lesen, die anderen sieben sind bislang unveröffentlicht.

Eugenies erzählt mal komisch, mal grotesk, mal traurig, doch immer rührend. All seine Protagonisten bewegen sich stets auf einem schmalen Grad, von dem aus jede nächste Bewegung in einem Dilemma enden könnte. Immer geht es dabei auch um das variierende Bild fest geglaubter Wertvorstellungen, um Abgrenzung und Selbstpositionierung. Figuren, die haltlos und unsicher neue Wege einschlagen und experimentierend versuchen, sich selbst zu setzen. Das Leben ist spielbar.

Jeffrey Eugenides / "Das große Experiment" / Aus dem Englischen von Gregor Hens und anderen / Rowohlt / 336 Seiten / 22 Euro










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