Albert Camus "Die Pest": Das Auflehnen gegen die Krankheit

Im Jahre 1947 erschien der Roman "Die Pest" des französischen Schriftstellers und Philosophen Albert Camus. Sofort avanciert das Buch zu einem Bestseller, die französische Nachkriegsgeneration findet sich in den aufgezeigten Figuren, die, abgeschottet und isoliert, unmittelbar mit dem Tot konfrontiert sind, sofort wieder. Im Ausnahmezustand, so zeigt Camus hier, zeigt sich auch das Maß an Menschlichkeit.

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  	  	Albert Camus
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  	  	ISBN 978-3499225000
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Foto: Arnold Böcklin - 1. Repro from an Artbook2. Ein Gemälde des Schweizer Künstlers Arnold Böcklin zeigt den Einzug des "Schwarzen Todes" in die Stadt.

Abgeschiedenheit, Ohnmacht, Absurdität. Dies ist das Grundstimmungs-Gemisch, von dem Frankreich auch noch nach 1945 weiterhin besetzt ist. Ahnungslos schaut man in eine ungewisse Zukunft, Bombeneinschläge hallen nach, die Schockstarre sitzt tief. Albert Camus, der, auch wenn er sich ein Leben lang gegen diese Zuschreibung gewehrt hat, neben Jean Paul Sartre und Simone de Beauvoir zu den größten Vertretern des französischen Existenzialismus zählt, nimmt diese Stimmungen auf und setzt sie in ein allegorisches Bild.

 

In der algerischen Küstenstadt Oran werden eines Tages die Stadttore geschlossen, und somit alle Verbindungen zur Außenwelt gekappt. Ehe die Bewohner wissen wie ihnen geschieht, breitet sich die Pest in rasanter Geschwindigkeit aus, schlägt um sich und fordert bald schon die ersten Toten. Im Mittelpunkt von Camsu Chronik steht der Arzt Dr. Rieux, der sich der ausbrechenden Seuche mit Entschiedenheit entgegenstellt.

Das Aufbäumen gegen die Krankheit

Allzu einfach wäre es nun anzunehmen, die hier beschriebenen Pest sei gleichzusetzen mit dem Nationalsozialismus, und die Analyse sei damit beendet. Camus Allegorie ist weitreichender, in seinem großen Werk versteckt sich die Aufforderung zum Widerstand, zur Revolte. Der große Philosoph der Absurdität, der in seinem ersten Essay "Der Mythos des Sisyphos" und dem beinahe zeitgleich erschienenen Roman "Der Fremde" eine kalte, schweigende Welt beschrieb, versucht in "Die Pest" dieser schweigsamen Welt entsprechend zu begegnen.

So beschreibt Camus in seiner Chronik mit ungeheuerlicher Präzision die Entwicklung einer Krankheit. Nicht nur, wie diese nach und nach die Stadt zerfrisst, sondern auch den damit einhergehenden, mentalen Zustand der Bewohner. Die Pest bevölkert die Köpfe, einige geben auf, werden verrückt, geraten in grenzenlose Panik; andere, so eben der Chronist der Geschichte Dr. Rieux, sagen ihr den Kampf an, lehnen sich auf. Camus zeigt, wie die Krankheit auch Profiteure hervorbringt, die mit ihr ihre kleinen, dreckigen Geschäfte machen; wie sie der politischen Manipulation zugute kommt. Am Ende gilt es, und dies ist wohl die wichtigste Botschaft, der Mittelpunkt des Buches, um die individuelle Verantwortung, die jedermann, auch in moralischer Hinsicht, zu tragen hat.

 

Der Mensch ist, wozu er sich macht, lautete ein von Sartre geprägter Schlagsatz des französischen Existenzialismus. Mit Camus könnte man hinzufügen, dass sich dieses Machen als ehrliches, aufrichtiges Tun, ausgerechnet in Extremsituationen am ehesten zeigt. Wenn der Mensch kaum mehr die Zeit dazu findet, seine Masken zurechtzulegen, erst dann steht er letztlich blank vor dieser sinnlosen Welt, und es zeigt sich, wer er wurde, wer er werden will.

"Die Pest" heute

Zunächst einmal ist festzuhalten, dass Camus Allegorie - das Bild der einziehenden und isolierenden Pest in Gleichsetzung mit dem Einzug der Nationalsozialisten - eine, aus historischer Perspektive betrachtet, zeitlose ist. "Die Pest" ist fest ins Mauerwerk der Geschichte eingegangen. Das Thema der individuellen Verantwortung hingegen ist variabel, und kann auch auf unsere gegenwärtige Zeit übertragen werden. Ausnahmezustände gibt es derzeit zu genüge, und wenn wir der oben gestellten Annahme, der Mensch zeige sich gerade in "schwierigen Zeiten" am deutlichsten, folgen wollen, so müssen wir nur einen Blick auf die Reaktionen der täglichen Berichterstattungen werfen. Was wir in beinahe allen Fällen, an allen Fronten sehen, ist: Grenzenloser Egoismus.

Ab- und Ausgrenzung Flüchtender aufgrund persönlicher Ängste (ganz gleich wo und wie diese gezüchtet wurden). Das Horten von Schutzmasken in Zeiten der Corona-Pandemie, ausverkaufte Lebensmittel, eine sich eingrabende, der Krankheit ergebende Bevölkerung. Individuelle Verantwortung besteht scheinbar nurmehr darin, sich vor der Außenwelt zu schützen, zu überleben. Etwas pathetisch müsste man fragen: Welch eine Krankheit kommt hier gerade zum Vorschein?


 

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