Der Österreichische Staatspreis für Europäische Literatur geht in diesem Jahr an die in Schottland geborene Schriftstellerin Ali Smith. Der mit 25.000 Euro dotierte Preis wird im Rahmen der Salzburger Festspiele vergeben und zeichnet das Gesamtwerk einer Autorin oder eines Autors aus. Im vergangenen Jahr erschien mit "Sommer" der vierte und letzte Teil von Smith´s hochgelobter Jahreszeiten-Tetralogie beim Luchterhand Verlag auf Deutsch.
Die schottische Autorin Ali Smith erhält den Staatspreis für Europäische Literatur
Die schottische Autorin Ali Smith wurde mit dem Österreichischen Staatspreis für Europäische Literatur ausgezeichnet. Damit wird das literarische Gesamtwerk der Autorin geehrt. Die Jury, die ihre Entscheidung am vergangenen Freitag bekannt gab, begründete die Wahl wie folgt:
"Ali Smith bleibt in ihren Romanen und Erzählungen nah an unserer Gegenwart. Und weil Gegenwart ohne Vergangenheit nicht zu haben ist, stattet sie Figuren mit Biografien aus, in denen sich das 20. Jahrhundert spiegelt. Als Menschenkennerin weiß Smith, dass es, um Personen nahe zu kommen, nicht ausreicht, sie auf äußere Lebensstationen festzulegen. Sie stattet sie mit Träumen und Erinnerungen, Fantasien und Gedankenspielen aus. Dazu bedarf es eines gewieften ästhetischen Programms, das der Fülle der inneren Zustände gerecht wird. Ali Smith verfügt über die literarischen Mittel, um empathisch, wütend, ironisch, nüchtern, bisweilen in kühne Fantasien ausgreifend, bisweilen dem realistischen Schreiben verpflichtet, die Vielfalt der Gesellschaft wie die Vielfalt des Einzelnen ins Bild zu rücken."
Die Jahreszeiten-Romane
2016 begann Smith ihre Jahreszeiten-Tetralogie zu schreiben. Seit vergangenem Jahr liegen die vier Romane - "Herbst"; "Winter"; "Frühling" und "Sommer" - auch in deutscher Übersetzung beim Luchterhand Verlag vor. In diesen Romanen tastet Smith augenscheinlich die englische, darüber hinaus aber auch die gesamteuropäische Gegenwart ab, zeigt Bruchstellen und Erosionen auf, trägt zusammen, was gegenwärtig über uns hereinzubrechen scheint. Brexit, Corona, Klimawandel und Populismus stehen dabei thematisch im Vordergrund. Dahinter aber zieht sich eine Front zusammen, die auf die Ursprünge dieser Wandlungen, Entscheidungen und Stimmungen verweist. Eine Erregtheit, ein Flirren. Brütende Ungeduld, als zittere der gesamte Globus.
Jeder der vier Romane ist als einzelnes Buch, unabhängig von den anderen Teilen, lesbar. Dennoch sind klare, strukturelle Zusammenhänge zwischen den Titeln zu erkennen, die nach der Lektüre aller vier Bände ein eigenes Ganzes ergeben.
Die Jahreszeiten-Tetralogie
In "Herbst", dem 2019 auf Deutsch erschienene ersten Teil der Tetralogie, begegnet uns der 100-jährige Daniel Gluck, der im Altersheim vom Sterben träumt. Besuch erhält er regelmäßig von Elisabeth, die ihn aus nachbarschaftlichen Verhältnissen von früher kennt. Die Anfang 30-Jährige blickt besorgt in die Zukunft. England ist gespalten, die Sommer werden heißer, in allen Ecken kann man die sich breit machende Angst und Wut spüren, die immer weiter um sich greift. Abr auch von den Hoffnungen, Gefahren und Enttäuschungen der Liebe handelt dieser Auftakt.
In "Winter" erzählt Smith vom Aufeinandertreffen vertrauter und fremder Parteien: Sophia, ihr Sohn Arthus und ihre Schwester Iris verbringen ein Weihnachtsabend in einem riesigen Haus in Cornwall. Arthur bringt Lux, eine Fremde, zum Treffen mit, die er als seine Freundin ausgibt. Es folgt eine Nacht voller Streit und Zerwürfnis, in der Mythen beschworen und Lebensentwürfe gegeneinander ausgespielt werden.
"Frühling" transponiert die in "Frühling" bereits aufflammenden Meinungsverschiedenheiten auf ein Generationskonflikt. Hier stehen sich ein unbekannten Regisseur, der der "guten alten Zeit" nachtrauert, und eine Angestellte in einem Flüchtlingsheim gegenüber. Ein Roman über die Möglichkeit der Zeitenwende, der sich mit der Schnelligkeit von Botschaften, populistischen Stolpersteinen und der Sehnsucht nach Halt in einer zersprengten Welt beschäftigt.
Der zuletzt erschienene Roman, "Sommer", erzählt von den großen, längst um sich greifenden Veränderungen, die das Leben der Menschen, die Definition von Wohlstand und Alltag maßgeblich verändern werden. Und von Resignation. Denn gemessen an der Tragweite, die diese Veränderungen mit sich bringen, erscheinen die Maßnahme und Erlasse der politischen Entscheidungsträger wie Reform gewordene Ignoranz. Das merkt auch die 16-jährige Sacha, die gern die schlimmsten Erderwärmungs-Szenarien verhindern würde. Ihre Eltern machen es ihr da allerdings nicht gerade leicht. Obendrein hat sie Probleme mit ihrem frei Jahre jüngeren, hochbegabten Bruder Robert, dessen Intelligenz und Kreativität sich zunehmend uin destruktiven Ideen äußert.
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