Tom Hillerbrand schreibt mit "Montecrypto" einen Wirtschafts-Thriller, der in die wahnhaften Abgründe der Kryptowährungen blicken lässt. Bild: Kiepenheuer & Witsch

Tom Hillerbrand - "Montecrypto" Eine digitale Piraterie

 

Tom Hillerbrands aktueller Thriller „Montecrypto“ entführt in die rigorose Welt virtueller Währungen. Dabei geht es nicht nur um - wortwörtlich - unfassbare Summen, sondern auch um die Verzahnung von Kapitalismus und Anarchie. Eine digitale Schatzsuche, die zeigt, wie das Streben nach Individualität in einer nahezu regellosen Welt zum egoistischen Begehren werden kann.

Wir alle kennen sie; die guten alten Piratengeschichten. Eine gierige und skrupellose Crew jagte einem sagenumwobenen Schatz nach, getrieben von der mindestens ebenso skrupellosen Konkurrenz, die, wie sich bald herausstellt, nicht nur aus anderen Piraten-Crews, sondern auch aus staatlich gelenkten Parteien besteht. In seinem neuen Wirtschafts-Thriller "Montekrypto" hat Tom Hillerbrands den Versuch unternommen, eine solche Piratengeschichte mit Blick auf die Gegenwart zu erzählen. Die eigentliche Suche wird dabei, ebenso wie der Schatz selbst, ins Virtuelle verschoben, die Schiffe durch Rechner und Laptops ersetzt. Der begehrte Schatz liegt nicht etwa tief im Boden, sondern unter Codes und Verschlüsselungen vergraben. Natürlich kommen die "Piraten" selbst nicht als eine zusammengewürfelte, ungewaschene Meute daher, sondern als gepflegte Einzelgänger, Finanz- und Computergenies, sogenannte Cyberpunks.

Eine Weltweite Jagt

Der Schatz, um den sich hier alles dreht, ist das Privatvermögen des Start-up-Unternehmers Gregory Hollister, der dieses zum größten Teil in der Kryptowährung Bitcoin angelegt und äußerst gut versteckt hat. Als Hollister eines Tages bei einem Flugzeugabsturz ums Leben kommt, beginnt die erbarmungslose Suche nach dem hinterlassenen Kryptoschatz, welcher in den Medien als „Montecrypto“ bezeichnet wird. Um als erste an das Geld zu gelangen, beauftragt Hollisters Schwester den Privatdetektiv Ed Dante. Dieser muss nicht lange recherchieren um herauszufinden, dass sich bereits etliche Personen auf die Suche gemacht haben. Das ist nicht weiter verwunderlich, handelt es sich doch um einen Wert von mehreren Milliarden Dollar. Der Detektiv stößt nicht nur auf die üblichen Verdächtigen, auf Computer- und Finanzgenies, sondern auch auf – vermeidlich - gefährlichere Parteien wie etwa der Maria. Auch das FBI hat sich längst auf Spurensuche begeben. Verbirgt sich hinter „Montecrypto“ womöglich mehr als nur ein Haufen digitaler Münzen?

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Eine weltweite Suche beginnt. Privatdetektiv Dante führt uns durch Los Angeles, New York, Zürich und Frankfurt, und damit zugleich durch die skrupellose Welt der Kryptowährungen, in der sich das Verlangen nach Individualismus in ein wahnhaftes Begehren verwandelt hat. Wir erfahren von Bitcoins, Shitcoins und Stablecoins ebenso wie von der Blockchain-Technologie, mittels der kryptographische Verfahren verkettet werden. Gerade hier wird Hillerbrands Thriller interessant. Immer wieder gibt es Verweise darauf, wie Geld entsteht, wie Kryptowährungen funktionieren und welchen Stellenwert Zentralbanken haben. Es wird aufgezeigt, dass Kapitalismus im Netz längst mit anarchistischen Bewegung fusioniert ist. Hier kämpft jeder für sich. Letztlich gibt es nur ein Element, welches alle Parteien miteinander verbindet: Das Misstrauen gegenüber des Staates.

So hat dieser Wirtschafts-Thriller durchaus aufklärende Elemente. Er zeigt die Auswüchse einer sich staatlich unabhängig entwickelnden Scheinwelt, deren Protagonisten nach außen hin nicht müde werden zu proklamieren, es ginge ihnen um ein urdemokratisches und egalitäres Prinzip, während sie sich im Kern gegenseitig zerfleischen. „Montecrypto“ zeigt anarchische Wilderei auf der Bühne eines ungehemmt wachsenden Marktes.


Tom Hillenbrand, "Montecrypto"; Kiepenheuer & Witsch, 2021, 448 Seiten, 16 Euro








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