Ein Schiff verlässt Gotenhafen im Januar 1945. Überfüllt. Verwundete, Frauen, Kinder, Soldaten. Die Wilhelm Gustlofffährt nicht in Sicherheit, sie fährt in eine Geschichte hinein, die lange nicht erzählt wird.
Grass beginnt nicht mit dem Einschlag der Torpedos. Er beginnt mit dem Erzählen darüber. Und mit der Frage, warum dieses Erzählen so lange ausgeblieben ist.
Drei Generationen, eine verschobene Geschichte
Im Zentrum stehen drei Figuren: Tulla Pokriefke, ihr Sohn Paul und dessen Sohn Konrad.
Tulla ist die Überlebende. Sie bringt Paul auf dem sinkenden Schiff zur Welt. Für sie ist die Geschichte konkret: Kälte, Panik, Gedränge, das Wasser, das Menschen verschluckt. Sie spricht darüber, immer wieder, insistierend, fast trotzig.
Paul, der Erzähler, wächst mit dieser Geschichte auf – und weicht ihr aus. Er wird Journalist, schreibt über anderes, lässt die Gustloff liegen. Zu belastet, zu unklar, zu gefährlich im Nachklang.
Konrad, der Enkel, kennt das Ereignis nicht aus Erfahrung. Er findet es im Netz.
Und genau dort beginnt die Verschiebung.
Die Gustloff: Flucht, Propaganda, Katastrophe
Grass arbeitet das historische Material präzise ein. Die Wilhelm Gustloff war ursprünglich ein NS-Prestigeschiff, gebaut für „Kraft durch Freude“. Im Krieg wird sie umfunktioniert, transportiert Soldaten und schließlich Flüchtlinge.
Am 30. Januar 1945 wird sie von einem sowjetischen U-Boot torpediert. Drei Treffer. Chaos an Bord. Rettungsboote gefrieren fest, Menschen springen ins Wasser, erfrieren innerhalb von Minuten.
Über 9.000 Tote.
Grass beschreibt diese Katastrophe nicht als isoliertes Ereignis. Er bindet sie ein in die NS-Geschichte selbst. Das Schiff trägt den Namen eines NS-Funktionärs. Die Opfer sind Teil eines Systems, das selbst Täter war.
Genau diese Ambivalenz macht das Erzählen schwierig.
Paul: das Ausweichen
Paul Pokriefke erzählt im Rückblick. Er sammelt Material, spricht mit seiner Mutter, rekonstruiert das Ereignis.
Aber er tut es zögernd.
Sein Erzählen ist kein souveräner Zugriff. Es ist ein Nachholen. Ein Versuch, etwas aufzunehmen, das zu lange nicht erzählt wurde.
Dabei wird deutlich: Dieses Zögern ist nicht nur individuell. Es ist strukturell. Die deutsche Nachkriegsgesellschaft hat solche Geschichten lange gemieden. Aus Angst vor Relativierung, aus Scham, aus Unklarheit.
Konrad: die falsche Präzision
Konrad greift das Material auf – aber anders.
Er recherchiert online, liest Foren, baut sich ein Weltbild. Die Gustloff wird für ihn zum Beweis. Für deutsche Opfer, für ein verschwiegenes Unrecht, für eine vermeintliche Gegenwahrheit.
Er tritt in Dialog mit einem anderen Nutzer, der sich als jüdischer Diskussionspartner ausgibt. Was als Austausch beginnt, kippt.
Die Geschichte wird ideologisch.
Grass zeigt hier sehr genau, wie Erinnerung kippen kann. Wenn sie nicht erzählt wird, wird sie angeeignet. Und dann umgebaut.
Der Mord
Die Eskalation ist konkret.
Konrad erschießt seinen Diskussionsgegner – einen jungen Mann, der tatsächlich existiert, außerhalb der digitalen Projektionen.
Die Tat ist kein abstraktes Ergebnis. Sie ist die Konsequenz einer Bewegung: von der Leerstelle über die Aneignung zur Radikalisierung.
Die Vergangenheit wirkt – aber nicht automatisch klärend.
Tulla gegen das Schweigen
Tulla bleibt die Gegenfigur. Sie ist unbequem, direkt, manchmal brutal in ihrer Art, Erinnerung festzuhalten.
Sie will, dass erzählt wird. Nicht differenziert, nicht historisch sauber – aber überhaupt.
Grass idealisiert sie nicht. Aber er zeigt: In ihrem Drängen liegt etwas, das fehlt. Ein Beharren auf Erfahrung.
Der Krebsgang als Struktur
Der Text selbst bewegt sich im Krebsgang. Vorwärts, zurück, seitwärts.
Grass springt zwischen Zeiten: NS-Zeit, Untergang der Gustloff, Nachkriegszeit, Gegenwart der 1990er Jahre. Keine lineare Entwicklung, sondern Überlagerung.
Dadurch entsteht ein dichtes Geflecht. Geschichte ist nicht abgeschlossen. Sie liegt nebeneinander.
Was dieser Roman trifft
Im Krebsgang macht etwas sichtbar, das lange ausgeblendet war: deutsche Opfererfahrungen im Krieg.
Aber er macht das nicht rehabilitierend. Er zeigt die Gefahr dieser Perspektive. Wie schnell sie instrumentalisiert werden kann. Wie sie politisch aufgeladen wird.
Und wie notwendig es dennoch ist, sie zu erzählen.
Scherben
Ein Schiff, das sinkt. Eine Mutter, die nicht aufhört zu sprechen. Ein Sohn, der zu lange schweigt. Ein Enkel, der falsch weitererzählt.
Und eine Bewegung, die sich nicht gerade richten lässt.
Der Krebsgang bleibt.
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