László Krasznahorkais neuer Roman „Zsömle ist weg“ erzählt von einem alten Mann, einem verlorenen Hund – und der Sehnsucht nach Ordnung inmitten der Auflösung.
Onkel Józsi sitzt auf seiner Veranda, irgendwo in Nordungarn. Der Blick geht ins Dunstige, ins Ungefähre. Neben ihm ein leerer Stuhl. Zsömle, sein Hund, ist verschwunden. In der Welt hat er nichts mehr zu suchen, sagt er. Die Geschichte kennt er – seine eigene wie die große –, aber er will sie nicht mehr erzählen.
Denn: Wer sie erzählt, wird gesehen. Und wer gesehen wird, wird benutzt.
Dass Onkel Józsi der letzte legitime Nachfahre der ungarischen Königsfamilie sei, ein Abkömmling von Árpád, Dschingis Khan und IV. Béla – das glaubt er vielleicht selbst nicht ganz. Doch er lebt, als wäre es wahr. Still, allein, mit einem Hof und ein paar Rebstöcken. Ein Mann, der sich dem Lärm verweigert. Bis der Lärm zu ihm kommt.
Ein König, den niemand braucht – und der dennoch ausgerufen wird
László Krasznahorkai legt mit Zsömle ist weg einen Roman vor, der auf merkwürdige Weise leicht ist. Leicht, obwohl es um Würdeverlust, Altern, Vergessen geht. Leicht, weil der Ton ein anderer ist: weniger Endzeit als leiser Abschied. Die Figuren, die auftauchen – Nationalisten, Hobby-Historiker, Monarchisten – sind keine Schreihälse. Sie sind erschöpft. Ihr Pathos wirkt müde, ihre Ideologie wie ein Abendanzug, den keiner mehr richtig trägt.
Onkel Józsi wird zum Projektionsschirm für eine Gesellschaft, die an ihren eigenen Geschichten festhält, weil sie nichts anderes hat. Die Monarchie erscheint nicht als politische Vision, sondern als Folklore, als Wunschbild stabiler Zeiten. Krasznahorkai entlarvt das nicht, er betrachtet es. Mit Milde, mit Sarkasmus, mit einer tiefen, melancholischen Ironie.
Satire ohne Pose, Ernst ohne Moral
Der Roman lebt von langen, mäandernden Sätzen, die keinen Punkt suchen, sondern einen Rhythmus. Krasznahorkai verzichtet auf Handlung im klassischen Sinne. Stattdessen baut er ein Netz aus Stimmen, Erinnerungen, Andeutungen. Die Sprache fließt – und doch steht alles still. Das Dorf, der alte Mann, das Land.
„Die Nähte des Lebens sind verschlissen“, heißt es an einer Stelle. Und man spürt es. Nicht dramatisch, sondern im Zuviel der Tage. Die alten Mythen – sie sind wieder da. Aber ihr Glanz ist stumpf geworden.
Ein Roman über Würde im Abseits
Onkel Józsi ist kein Held, kein Aufklärer, kein Gegenbild. Er ist ein alter Mann, der nichts mehr will – und deshalb alles über sich ergehen lassen muss. Die politische Geste verweigert sich. Das macht ihn angreifbar, aber auch aufrecht.
In der ungarischen Kritik wurde dieser Ton wiederholt hervorgehoben: Zsömle ist weg sei ein Roman über das Alter, über die Einsamkeit, über den Verlust gesellschaftlicher Relevanz. Und zugleich eine stille Parabel über das Bedürfnis nach Führung, nach Erzählung, nach Herkunft. Doch Krasznahorkai verurteilt nicht. Er zeigt. Und das reicht.
Zsömle bleibt verschwunden
Am Ende gibt es keine Auflösung. Der Hund bleibt weg. Die Monarchie kommt nicht zurück. Der alte Mann wird nicht erlöst. Und doch bleibt etwas: Ein Bild. Ein Echo. Eine leise Ahnung davon, dass das Leben, auch wenn es abhandenkommt, nicht verschwindet.
Krasznahorkai gelingt mit Zsömle ist weg ein melancholischer, humorvoller Roman über das Ende – nicht der Welt, sondern der Illusion, sie ließe sich ordnen.
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