„Klick Klack“ – was wie das mechanische Echo einer Tastatur beginnt, entfaltet sich bei Josefine Soppa zum Soundtrack eines Aufbruchs. Klick Klack, der Bergfrau erwacht, so der Titel des Essays, für den sie mit dem WORTMELDUNGEN-Literaturpreis 2025 ausgezeichnet wird. Der Preis, dotiert mit 35.000 Euro, wird zum achten Mal von der Crespo Foundation verliehen und am 13. Juni im Crespo Haus in Frankfurt am Main überreicht. Dass er in diesem Jahr an einen Essay geht, der Arbeit, Erschöpfung und Künstliche Intelligenz zusammendenkt, spricht für die thematische Präzision der Jury – und für die Dringlichkeit, mit der Literatur wieder ins gesellschaftliche Gespräch eingreift.
Essay als Resonanzkörper
Der Text, abrufbar unter wortmeldungen.org, ist keine soziologische Fallstudie, sondern eine klanglich wie strukturell dichte Erkundung dessen, was es heißt, in einer ermüdeten Welt zu funktionieren. Die „Bergfrau“, eine Figur zwischen mythischer Präsenz und innerer Regung, könnte als Verkörperung jenes Moments gelesen werden, in dem Sprache, erschöpft vom Funktionieren, wieder aufbricht – suchend, widerständig, tastend.
Soppa gelingt in ihrer Verbindung von Themen, was vielen analytischen Texten fehlt: eine poetische Dimension, die nicht beschönigt, sondern vertieft. Ihre Sprache zögert, tastet, dreht sich in Spiralen – und reflektiert damit, was sie thematisiert: die Fragilität von Ausdruck im digitalen, beschleunigten Dauerzustand.
Arbeit im Schatten der Automatisierung
Der Essay berührt ein Feld, das im medialen Diskurs oft grell, aber selten differenziert beleuchtet wird: die Überlappung von Erwerbsarbeit, mentaler Erschöpfung und technologischer Entwicklung. Soppa verzichtet auf kulturkritische Larmoyanz und analysiert vielmehr, wie sich Erschöpfung in den Rhythmus der Sprache einschreibt. In der Wiederholung, im stockenden Satz, im Verstummen.
Die Künstliche Intelligenz bleibt dabei nicht bloß Thema, sondern fungiert als diskrete Spiegelachse. Sie steht für eine andere Form des Schreibens, des Denkens – eine, die ohne Müdigkeit auskommt, aber auch ohne Zweifel. Soppa setzt ihr eine Sprache entgegen, die sich dem Verlieren nicht schämt, sondern es sichtbar macht.
Literatur als Gegenstimme
Dass der Essay im Juni 2025 als Band 6 der Reihe WORTMELDUNGEN im Verbrecher Verlag erscheint, ist mehr als eine Verlagsentscheidung. Es ist ein Statement, dass Literatur als Reflexionsort weiterhin notwendig ist. Nicht zur Auflösung, sondern zur Ausfaltung von Widersprüchen. Soppa zeigt, dass Schreiben ein Mittel sein kann, um sich nicht zu verlieren – selbst dort, wo Orientierung fehlt.
Kein Trost, sondern Bewegung
„Klick Klack, der Bergfrau erwacht“ ist kein Trosttext, kein Manifest, kein Ratgeber. Es ist ein Essay, der sich verweigert – einfachen Diagnosen, schnellen Lösungen, glatten Thesen. Und gerade darin liegt seine Kraft. Er lässt die Erschöpfung sprechen, ohne sie zum Spektakel zu machen. Und schenkt einer Figur Stimme, die aus dem Hintergrund tritt – leise, aber bestimmt.
Topnews
Unser Geburtstagskind im April: Samuel Beckett
Unser Geburtstagskind im März: Heinrich Mann
Unser Geburtstagskind für den Wintermonat Februar: Gertrude Stein
Ein Geburtstagskind im Januar: Edgar Allan Poe – Dichter der Struktur und des Schreckens
Geburtstagskind im Dezember – Emily Dickinson
Ein Geburtstagskind im November: Astrid Lindgren
Geburtstagskind im Oktober: Benno Pludra zum 100. Geburtstag
Das Geburtstagskind im September: Roald Dahl – Der Kinderschreck mit Engelszunge
Ein Geburtstagskind im August: Johann Wolfgang von Goethe
Hans Fallada – Chronist der kleinen Leute und der inneren Kämpfe
Ein Geburtstagskind im Juni: Bertha von Suttner – Die Unbequeme mit der Feder
Ein Geburtstagskind im Mai: Johannes R. Becher
Ein Geburtstagskind im April: Stefan Heym
Ein Geburtstagskind im März: Christa Wolf
Bertolt Brecht – Geburtstagskind im Februar: Ein literarisches Monument, das bleibt
Wie Banksy die Kunst rettete – Ein überraschender Blick auf die Kunstgeschichte
Ein Geburtstagskind im Januar: Franz Fühmann
Zauberberg 2 von Heinz Strunk
100 Jahre „Der Zauberberg“ - Was Leser heute daraus mitnehmen können
Benjamin von Stuckrad-Barre: Udo Fröhliche
Der Moment vor dem Donner: Warten auf den Literaturnobelpreis 2025
Ein Erzähler des Zweifels: Norbert Gstrein erhält den Siegfried-Lenz-Preis 2026
International Booker Prize 2026: Warum „Taiwan Travelogue“ gewinnen musste
Wer gewinnt den International Booker Prize 2026?
Die höfliche Starre: Die glatten Sätze der Gegenwart
Literaturpreis der deutschen Wirtschaft 2026: Drei Autoren auf der Shortlist
Deutscher Buchpreis 2025: Dorothee Elmiger ausgezeichnet
Nelio Biedermann („Lázár“): Warum alle über Biedermann reden
Die Shortlist des Deutschen Buchpreises 2025 steht fest
Tag 2 beim Bachmannpreis 2025:
Annegret Liepolds Unter Grund bei ttt – titel, thesen, temperamente
Joseph-Breitbach-Preis 2025: Frank Witzel für literarisches Gesamtwerk ausgezeichnet
„Toyboy“ von Jonas Theresia – Zwei Brüder, eine verpasste Nähe und der Preis digitaler Intimität
Annett Gröschner wird Mainzer Stadtschreiberin 2025
Aktuelles
Lukas Bärfuss: Königin der Nacht – Die Mutter, die Gesellschaft und die Schatten der Herkunft
Zwischen Hölderlin, Nietzsche und Wagner: Ein Abend über Sehnsucht, Selbstinszenierung und die Kunst der Distanz
Beim Häuten der Zwiebel – Günter Grass
Sommerfeldt Solo – Der Auftrag von Klaus-Peter Wolf: Wenn der Täter die Hauptfigur wird
The Deal – Reine Verhandlungssache von Elle Kennedy: Warum diese College-Romance weit mehr ist als nur ein TikTok-Hype
Alte Sorten von Ewald Arenz: Ein stiller Roman über Freiheit, Verletzlichkeit und die Menschen am Rand
Fünf Sommer mit dir von Carley Fortune: Ein Roman über erste Liebe, verlorene Zeit und die Menschen, die uns nie ganz verlassen
Alle Farben meines Lebens von Cecelia Ahern: Ein Roman über Emotionen, Einsamkeit und die Frage, wie sichtbar wir wirklich sind
Die Rättin – Günter Grass
Media Control ehrt Fitzek, Zeh und Campino in Baden-Baden
Je größer der Dachschaden, desto besser die Aussicht von Alexandra Potter: Warum dieser Roman viel klüger ist, als sein Titel vermuten lässt
Der gutleut verlag wird als „gutleut&gans“ weitergeführt
Guardian-Liste: Die 100 besten Romane aller Zeiten
Das Glück hat acht Arme von Shelby Van Pelt: Warum dieser Roman über einen Oktopus so viele Menschen berührt
Im Krebsgang – Günter Grass
Rezensionen
Der Butt – Günter Grass
Hundejahre – Günter Grass
Katz und Maus – Günter Grass
Die Blechtrommel – Günter Grass
Der Bademeister ohne Himmel von Petra Pellini: Ein Roman über Demenz, Würde und die kleinen Momente des Menschseins
Leo Tolstoi: Wie „Der Tod des Iwan Iljitsch“ das Sterben aus der Sprache der Gesellschaft befreit
Träume aus Salz von Anika Landsteiner: Ein Roman über Verlust, Fernweh und die Frage, wie man mit Erinnerungen weiterlebt
Zwischen gestern und für immer von A. D. Wilk: Ein Roman über Verlust, Erinnerung und die Frage, ob Liebe Zeit überdauern kann
Häftling von Freida McFadden: Dieser Psychothriller spielt mit Angst, Erinnerung und der Frage, wem man glauben kann
Der Friede im Osten: Erik Neutschs Romanzyklus als Chronik eines historischen Versuchs