Am Montagabend, dem 13. Oktober 2025, wurde im Kaisersaal des Frankfurter Römers der Deutsche Buchpreis vergeben. Die Auszeichnung ging an die Schweizer Autorin Dorothee Elmiger für ihren Roman Die Holländerinnen, erschienen im Hanser Verlag.
Die Preisverleihung eröffnete wie jedes Jahr die Frankfurter Buchmesse – diesmal mit einem klaren, aber nicht lauten Zeichen. Die Entscheidung für Elmigers Text, der sich bekannten Erzählmustern bewusst entzieht, liest sich wie eine Absage an literarische Selbstverständlichkeiten.
Der Abend selbst war nicht frei von Reibung: Die Vorsteherin des Börsenvereins sprach Elmigers Namen falsch aus – aus Elmiger wurde „Elminger“. Eine Unachtsamkeit, die in einem internationalen Literaturkontext mehr ist als ein bloßer Versprecher. In der Schweiz blieb das nicht unkommentiert.
Eine Erzählung über das Verschwinden – und über die Unmöglichkeit, es zu erzählen
Elmigers Roman beginnt mit einem Anruf: Eine Schriftstellerin hält am Straßenrand, das Warnblinklicht läuft. Am Telefon ein Theatermacher, der sie für ein Projekt im Dschungel von Panama gewinnen will. Dort, in der tropischen Hitze und abseits jeder europäischen Ordnung, soll ein Theaterstück entstehen – basierend auf dem realen Fall zweier niederländischer Touristinnen, die 2014 auf dem El-Pianista-Trail spurlos verschwanden.
Was als dokumentarisches Vorhaben beginnt, wird rasch zur Reflexion über die Grenzen von Darstellung, über koloniale Überlagerungen, über das Scheitern jeder Deutung. Elmiger erzählt nicht linear, nicht aufklärerisch, nicht identifikatorisch. Die Sprache tastet, zitiert, verschiebt. Der Text setzt sich aus indirekter Rede, theoretischen Fragmenten und atmosphärischen Verdichtungen zusammen – eine Form, die nicht auf Erkenntnis zielt, sondern auf präzise Unsicherheit.
Ein Preis, der sich nicht nach Marktlogik richtet
Die Jury wählte aus rund 200 Titeln. Dass Die Holländerinnen aus diesem Feld hervorgeht, lässt sich als Entscheidung gegen literarische Gewohnheiten lesen. Keine Autofiktion, kein klassischer Romanbogen, keine Erzählbarkeit im Dienst der Verständlichkeit – sondern ein Text, der das Verhältnis von Sprache, Bild und Gewalt auslotet.
In einer Branche, in der oft das kalkulierbar Lesbare prämiert wird, ist das bemerkenswert. Elmigers Auszeichnung rückt eine Literatur in den Fokus, die sich Zeit lässt, sich nicht erklärt, die keine Botschaften transportiert, sondern Bedingungen offenlegt.
Produktion am Limit
Mit dem Preis kam die Nachfrage. Doch der Roman war vielerorts bereits vergriffen. Der Hanser Verlag reagierte mit Eilnachdrucken, die allerdings auf eine strukturell überlastete Produktionskette trafen. Papierengpässe, eingeschränkte Druckkapazitäten, volle Programme – die Branche stößt an ihre materiellen Grenzen, gerade dort, wo das Interesse am literarisch Unbequemen plötzlich groß ist.
Dass ausgerechnet ein Roman über das Verschwinden selbst kurzzeitig verschwindet, wirkt beinahe emblematisch. Literatur, das zeigt sich, ist nicht nur eine Frage der Ästhetik – sondern auch eine der Logistik.
Eine Literatur, die ihre Ränder kennt
Elmiger schreibt aus der Distanz: geografisch von New York aus, poetisch jenseits des Erzählbaren. Ihre Sprache sucht das Disparate, das nicht Vereinbare. In den Text eingelassen sind Theorien von Adorno bis Benjamin, Anspielungen auf antike Stoffe und ein wiederkehrendes Misstrauen gegenüber jeder Form von Darstellung.
Die Holländerinnen ist kein Text, der Orientierung bietet, sondern einer, der zeigt, wie leicht sich Sinn überstülpen lässt – über das Fremde, das Grauen, das Unerzählte. Der Roman verweigert sich nicht aus Pose, sondern aus begründeter Skepsis.
Dass Elmiger dafür ausgezeichnet wird, lässt sich nicht als Triumph verstehen, sondern als Moment der Öffnung. Der Deutsche Buchpreis 2025 geht an eine Autorin, die sich nie in den Vordergrund drängt – und deren Text gerade deshalb ins Zentrum rückt. Ein Buch, das nicht gefallen will, sondern bestehen.
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