Hoffnung, so sagte der antike Philosoph Thales, sei „auch bei denen, die nichts haben“. Mit dieser zeitlosen Einsicht greift Jonas Grethlein das Thema seines Buches auf. „Hoffnung. Eine Geschichte der Zuversicht von Homer bis zum Klimawandel“ ist mehr als eine historische Auseinandersetzung: Es ist eine Erkundung dessen, wie Hoffnung über Jahrtausende hinweg als menschliche Kraft gewirkt hat – in der Literatur, in der Philosophie und in der Religion. Der Heidelberger Altphilologe schlägt einen beeindruckenden Bogen, der sowohl die kulturellen Dimensionen der Hoffnung beleuchtet als auch ihre Bedeutung für die heutige Zeit greifbar macht.
Jonas Grethlein – „Hoffnung. Eine Geschichte der Zuversicht von Homer bis zum Klimawandel“
Sein Werk, das am 21. August 2024 im Verlag C.H.Beck erschien, verbindet wissenschaftliche Fundierung mit persönlicher Nähe. Besonders spannend ist die Frage, ob Hoffnung in der Gegenwart, angesichts von Klimakrise und globalen Konflikten, mehr als eine Illusion sein kann. Grethlein plädiert dafür, sie nicht nur als Gedankenkonstrukt zu sehen, sondern als Ressource, die uns zum Handeln motiviert.
Hoffnung durch die Epochen
Jonas Grethlein nimmt die Leser mit auf eine Reise durch 2500 Jahre Menschheitsgeschichte. Die Reise beginnt bei den Mythen und Denkfiguren der Antike, wo Hoffnung oft ambivalent erscheint. In Homers Odyssee ist sie einerseits Antrieb, andererseits Warnung, wie bei Hesiods Erzählung von Pandora, deren Neugier Unheil bringt. Diese frühe Spannung zwischen Hoffnung und Vorsicht zieht sich durch das gesamte Werk.
Im Mittelalter nimmt Hoffnung eine zentrale Rolle im religiösen Denken ein. Sie wird mit Glauben und Liebe verbunden und als Tugend verstanden, die zwischen Diesseits und Jenseits vermittelt. In der Neuzeit wandelt sie sich, wird säkularisiert und eng mit Fortschrittsgedanken verknüpft. Die Moderne schließlich, geprägt von den Katastrophen des 20. Jahrhunderts, stellt das Konzept erneut infrage. Philosoph:innen wie Ernst Bloch sehen in der Hoffnung eine utopische Kraft, während Autoren wie Viktor Frankl und Tadeusz Borowski aufzeigen, wie unterschiedlich Hoffnung in Extremsituationen erlebt werden kann.
Hoffnung und Handlung
Grethlein setzt sich auch mit der oft geäußerten Kritik auseinander, Hoffnung könne zur Passivität verleiten. Aktuelle Bewegungen wie „Extinction Rebellion“ propagieren stattdessen ein Handeln jenseits der Hoffnung. Gleichzeitig zeigt Grethlein, dass Hoffnung gerade in ausweglosen Situationen zur Triebfeder für Veränderung werden kann. Diese ambivalente Natur macht den Begriff so vielschichtig und faszinierend.
Besonders eindrücklich ist der Vergleich der Sichtweisen von Viktor Frankl und Tadeusz Borowski, die beide die NS-Konzentrationslager überlebten. Während Frankl Hoffnung als Schlüssel zum Überleben sieht, beschreibt Borowski sie als lähmend – als Illusion, die Widerstand verhindert. Grethlein gelingt es, diese gegensätzlichen Erfahrungen nachvollziehbar darzustellen und dabei die existenzielle Bedeutung der Hoffnung zu verdeutlichen.
Grethleins persönliche Dimension
Das Buch wird durch die Biografie des Autors bereichert. Mit 27 Jahren erhielt Jonas Grethlein eine Krebsdiagnose, die ihn in eine existenzielle Krise stürzte. Trost und Orientierung fand er in den Texten der griechischen Antike und der Bibel. Diese persönliche Erfahrung fließt subtil in das Buch ein, ohne aufdringlich zu wirken. Figuren wie Odysseus und Hiob stehen für ihn exemplarisch für den Kampf um Hoffnung in schwierigen Zeiten. Dieser biografische Hintergrund verleiht dem Buch zusätzliche Authentizität.
„Dum spiro spero“
Grethleins Werk beeindruckt durch die Vielfalt der behandelten Themen. Die Verknüpfung von antiken Texten mit modernen Herausforderungen zeigt nicht nur die zeitlose Relevanz der Hoffnung, sondern macht das Buch auch praxisnah. Sein Stil ist klar und zugänglich, was es auch für ein breites Publikum interessant macht. Die Einbindung persönlicher Elemente verleiht dem Buch eine emotionale Tiefe, die es von rein akademischen Arbeiten abhebt.
Die thematische Breite führt gelegentlich zu einem Verlust an Tiefe, besonders in Bezug auf moderne Themen wie den Klimawandel. Hier hätten detailliertere Analysen das Werk zusätzlich bereichert. Zudem bleibt der Fokus auf die westliche Geistesgeschichte beschränkt. Ein Blick auf nicht-westliche Traditionen hätte das Buch noch vielfältiger gemacht.
Hoffnung als Lebensprinzip
Mit „Hoffnung. Eine Geschichte der Zuversicht von Homer bis zum Klimawandel“ legt Jonas Grethlein ein Werk vor, das historische Tiefe mit persönlicher Nähe und aktueller Relevanz verbindet. Er zeigt, wie Hoffnung als Weltverhältnis und Lebensprinzip Menschen durch die Jahrtausende begleitet hat – von den antiken Helden bis zu den Umweltaktivisten unserer Zeit.
Das Buch lädt dazu ein, die eigene Haltung zur Hoffnung zu hinterfragen und sie als aktive Kraft zu verstehen. Es ist eine inspirierende und lesenswerte Auseinandersetzung mit einem Thema, das aktueller nicht sein könnte. Grethlein schafft es, die Hoffnung als universalen Impuls zu zeigen, der uns durch Unsicherheiten trägt und zum Handeln motiviert.
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