Die neunjährige Alice Littlebird aus dem Volk der Cree wagt die Flucht in die Freiheit. Die neunjährige Alice Littlebird aus dem Volk der Cree wagt die Flucht in die Freiheit. Foto: Claudia Diana Gerlach

Lesetipp: "Alice Littlebird" von Grit Poppe Alice im fremden Heimatland

Das Schluchzen der kleinen Kinder ist in dem großen Schlafsaal deutlich zu hören, in dem die neunjährige Alice Littlebird ihre erste Nacht verbringen muss. Das Mädchen in dem Kinderroman „Alice Littlebird“ von Grit Poppe gehört zum Volk der Cree, das zu den kanadischen First Nations zählt. Die Neunjährige wurde – wie damals alle Kinder ihres Volkes – von ihrer Familie getrennt und in eine Residential School gebracht, um eine Sozialisation in die englischsprachige Gesellschaft Kanadas zu erzwingen. In diesen Umerziehungsschulen sollte versucht werden, „den Indianer im Kind zu töten (to kill the Indian in the child)“ – wie es die Autorin im Anhang erklärt.

 

Dem Mädchen, das bisher in der Geborgenheit seiner Familie im Reservat aufwuchs, werden sofort bei der Ankunft in der Black Lake Residential School in British Columbia die langen schwarzen Haare abgeschnitten. Kleidung und die wenigen Besitztümer- darunter ihr einziges Buch „Alice im Wunderland“ - werden Alice weggenommen: Sie muss sich wie eine Anglokanadierin anziehen. Selbst ihr Name wird ihr von den Nonnen geraubt: Sie bekommt stattdessen eine Nummer.

Kind "Nummer 47"

Als „Nummer 47“ muss sich das Mädchen in den streng geregelten Alltag der Kinder auf dem Internat einfügen, die wie Gefangene gehalten werden. Das Schulgelände ist von einem hohen Zaun umgeben und die Nonnen bewachen die Schülerschar Tag und Nacht. Das Schulleben besteht aus viel Lernen, harter Arbeit und festen Gebetszeiten. Die Kinder aus den Völkern der Cree, Ojibwa und Mi´kmaq dürfen sich nicht in ihren Muttersprachen unterhalten – diese Sprachen sollen in Vergessenheit geraten. Wer sich nicht an die strengen Regeln hält, wird mit Gewalt und Bosheit bestraft: Die Kinder werden geschlagen, ausgepeitscht, müssen stundenlang in der Ecke stehen und werden in den Keller gesperrt.

Flucht auf den See

Alice Littlebird vermisst ihr Familie und ihre Freiheit. Sie hofft, ihren zwei Jahre älteren Bruder Terry Jumping Elk zu finden, der vor zwei Jahren ebenfalls von Regierungsbeamten in diese Schule gebracht worden war, und den die Familie seither nie wieder gesehen hat. Bei einem Fototermin gelingt es dem Mädchen, Kontakt zu seinem großen Bruder aufzunehmen. Die Beiden treffen sich heimlich im Keller und fliehen noch in derselben Nacht. Die verängstigten Kinder schneiden ein Loch in den Drahtzaun und fahren mit einem alten, modrigen Kanu auf den See hinaus. Aufkommender heftiger Wind lässt sie auf einer Insel landen. Hier bauen sich die Ausreißer geschickt ein Lager aus Fichtenzweigen und fallen in einen erschöpften Schlaf.

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Ein Plan schlägt fehl

Doch am nächsten Morgen wird ihnen klar, dass sie noch nicht in Sicherheit sind. Terry beschließt, heimlich zum Internat zurückzufahren, um die Spuren zu verwischen und falsche Fährten zu legen. Seine kleine Schwester soll auf der Insel auf seine Rückkehr warten. Aber der Junge gerät in einen Sturm, kentert und wird von den Suchtrupps aus dem Wasser gezogen. In seiner nassen Kleidung wird Terry in einen Kellerraum gesperrt, aus dem er erst geholt wird, als er mit hohem Fieber zusammenbricht. Terry will sich nicht in sein Schicksal fügen, sondern wartet nur auf eine neue Fluchtmöglichkeit. Die Sorge um seine kleine Schwester, die allein auf der Insel festsitzt, treibt ihn an.

Überleben in der Wildnis

Alice wartet unterdessen auf die Rückkehr ihres Bruders. Sie erkundet die nähere Umgebung und sammelt wildes Obst. Bei ihren Streifzügen auf der Insel entdeckt Alice eine leerstehende Hütte, in der noch ein paar alte Lebensmittel gelagert sind. Dem Mädchen gelingt es, selbstständig ein Feuer zu entzünden und sich eine Mahlzeit zu kochen. Erst allmählich realisiert das Kind, dass der Bruder nicht wie vereinbart zurückkehren wird. Alice Littlebird nimmt den Kampf ums Überleben in der Wildnis allein auf und bemerkt bald, dass ein Puma jagend durch die Wälder schleicht und die Hütte doch nicht so unbewohnt ist, wie Alice anfangs vermutet hat...

Einfühlsam und spannend!

Grit Poppe ist mit diesem Kinderbuch über die First Nations von Kanada ein einfühlsamer, ungemein spannender Roman gelungen. Die Autorin nutzt für ihre sehr realistisch wirkenden Beschreibungen die Erzählperspektiven der beiden Hauptfiguren. Mit den Augen von Alice Littlebird erleben die Leser die Ankunft und den Alltag in der Internatsschule sowie den Überlebenskampf auf dem Eiland.

Das Erleben von Terry Jumping Elk bildet den zweiten Erzählstrang, den Grit Poppe einbaut, als die Geschwister auf ihrer Flucht getrennt werden. Beide Plots werden abwechselnd präsentiert und enden oft mit einem Cliffhanger. Das sorgt dafür, dass der kontinuierlich gesteigerte Spannungsaufbau zusätzlich an Tempo und Dynamik gewinnt.

Lebensfreude trotz schlimmer Lage

Mit ihren beiden Hauptfiguren hat Grit Poppe zwei starke kleine Held*innen erschaffen: Das Cree-Mädchen Alice Littlebird gewinnt die Herzen durch ihre Charakterstärke und ihren Mut, die ihr in den schwierigsten Lebensumständen weiterhelfen. Ganz auf sich allein gestellt, besinnt sie sich auf die Traditionen und übermittelten Kenntnisse ihres Volkes, durch die ihr das Überleben gelingt. Trotz aller Widrigkeiten bewahrt sie sich ihre Lebensfreude und ihren Humor: So sieht sie etwa in den runden Wolken eine vollgefressene Schafherde.

Mit Terry Jumping Elk erleben die Leser einen Charakter, der sich auch durch die schlimmsten Sanktionen nicht brechen lässt, unbeirrt seinen Weg geht und die Chancen des Lebens zu nutzen gelernt hat.

Fazit

„Alice Littlebird“ ist eins dieser raren Bücher, die einen so in den Bann ziehen, dass man komplett in die Handlung des Romans eintaucht und mit den Protagonisten mitleidet und hofft. Zusätzlich gibt es laufend- so unauffällig eingestreut, dass es nicht belehrend wirkt - viele Informationen über das Leben der First Nations in einer schwierigen Zeit. Ich gebe die „Unbedingt-Lesen-Empfehlung“, allerdings für Leser ab 14 Jahren.

Die Autorin

Die Schriftstellerin Grit Poppe, 1964 in Boltenhagen an der Ostsee geboren, studierte am Literaturinstitut in Leipzig und war zu Wendezeiten in der Bürgerbewegung „Demokratie Jetzt“ aktiv. Seit 1989 schreibt sie Romane und Geschichten für Erwachsene, Jugendliche und Kinder. Ihr realistisches Jugendbuch „Weggesperrt“ wurde 2010 mit dem Gustav-Heinemann-Friedenspreis ausgezeichnet und gehört in vielen Schulen zu den Standardwerken im Deutschunterricht. Grit Poppe lebt heute in Potsdam.


Grit Poppe: Alice Littlebird, erschienen 2020 im Peter Hammer Verlag, empfohlen für Kinder von 10 bis 12 Jahren, 240 Seiten, 15,00 Euro (gebundenes Buch)


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