Die 22-jährige afroamerikanische Dichterin Amanda Gorman sorgte bei der Amtseinführung des neuen US-Präsidenten Joe Biden für Aufsehen. Gorman rezitierte ihr Gedicht "The Hill We Climb" (Der Berg, den wir besteigen), mit welchem sie sich unter anderem auch auf den Sturm des Kapitols am 6. Januar bezieht. Der Auftritt der jungen Dichterin berührte nicht nur US-Bürgerinnen und Bürger außerordentlich.
Gelassen, vernünftig, zielsicher - so erschien der neue US-Präsident Joe Biden in seiner Antrittsrede. Nach vier Jahren der Dauererregung, die mit dem Twitter-Präsidenten Donald Trump zwangsläufig einherging, tut dieser Pragmatismus gut. Als heimlicher Star der gestrigen Amtseinführung jedoch, wird die junge afroamerikanische Lyrikerin Amanda Gorman gefeiert, die mit ihrem Gedicht "The Hill We Climb" (Der Berg, den wir besteigen) die Herzen der US-Bürgerinnen und Bürger berührte. Gorman ist die jüngste Dichterin, die jemals bei der Vereidigung eines US-Präsidenten auftreten durfte.
Keinerlei Beschönigung
Die 22 Jährige spricht von den großen Herausforderung, mit denen sich die Demokratie heute konfrontiert sieht; von antidemokratischen Kräften, die sich zunehmend organisieren und in jüngster Vergangenheit beinahe die Oberhand gewinnen konnten. Doch auch von Widerstand ist die Rede. Die Demokratie in den Vereinigten Staaten sei zeitweise geschwächt gewesen, dauerhaft besiegt werden, so Gorman, könne sie aber nicht. Bereits vor ihrem Auftritt hatte die junge Dichterin versichert, dass sie sich den realen Umständen in ihrem Land widmen werde:
"In meinem Gedicht werde ich in keiner Weise beschönigen, was wir in den vergangenen Wochen und Jahren gesehen haben. Aber was ich mit dem Gedicht wirklich anstrebe, ist einen Weg zu zeigen, auf dem unser Land immer noch zusammenkommen und heilen kann. Es tut dies auf eine Weise, die die unangenehmen Wahrheiten, mit denen sich Amerika auseinandersetzen muss, nicht auslöscht oder vernachlässigt."
Und so endet dieses Gedicht, welches nicht nur den US-Bürgerinnen und Bürgern zu Herzen ging, mit einem hoffnungsvollen Blick auf die kommende Zeit: "For there is always light, if only we're brave enough to see it, if only we're brave enough to be it." ("Denn es gibt immer Licht, wenn wir nur mutig genug sind, es zu sehen – wenn wir nur mutig genug sind, es selbst zu sein.")
Amanda Gorman setzt der pragmatischen Stimme Joe Bidens eine poetische hinzu. Doch nicht nur das. Man kann darin, wie ruhig Gorman ihre Zeilen an die Welt richtet, auch eine Widerstanderklärung an die tägliche Erregung und pubertäre Bissigkeit eines Donald Trumps lesen. Demokratische Prozesse brauchen Zeit. Eine bessere Welt - wie auch immer diese sich gestaltet - erscheint nicht per Mausklick; ein lebenswerteres Morgen ist nicht herbeizuwischen. Auf Twitter wird gekämpft, gestaltet aber, wird zwischen den Zeilen.
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