In seinem autobiografischen Roman "Ein Mann seiner Klasse" schreibt Christian Baron über einen gewalttätigen Vater, über plötzlichen Kontrollverlust und letztlich den Verlierern einer Klassengesellschaft. Auf äußerst brachiale Weise - wie sonst? - kehrt die Soziale Frage mit diesem Buch wieder in die Deutsche Literatur ein.
Was die Franzosen in den vergangenen Jahren vorgemacht haben, findet nun auch in der Deutschen Literatur sein Echo. Diedier Eribon, Eduard Louis, Nicolas Mathieu - Sie alle schrieben autobiografische Bestseller, in denen sie, auf unterschiedlicher Weise, jene Brutalität aufzeigten, die das Ergebnis einer rigorosen Klassengesellschaft, Ergebnis einer Marginalisierung ist. Ihre Bücher zeigen oft Väter, die einem brutalen Männlichkeits-Bild gerecht werden wollen, die schlagen, trinken und ignorieren. Diese soziologischen Forschungen, die im Erzählen stattfinden, haben auch in Deutschland große Erfolge gefeiert. Ausgerechnet hier, in Deutschland, wo selbst die Frage nach den Marginalisierten nur allzu oft an den gesellschaftlichen Rand gedrängt wird.
Ein endlich geplatzter Knoten
Umso befreiender Schlägt nun der Roman Ein Mann seiner Klasse (Claasen Verlag) im deutschen Literaturbetrieb ein. Sein Autor, Christian Baron, erzählt darin von seiner prekären Kindheit unter einem trinkenden und schlagenden Vater, erzählt von dem dumpfen Geräusch, welches allabendlich erklingt, wenn der Kopf seiner Mutter mit voller Wucht gegen die Zimmerwand donnert, und von den Tränen, die das Kind dann ins Kopfkissen weint.
Aufgewachsen ist Baron in Kaiserslautern, als Kind der Unterschicht, welches in den wertenden Augen der Öffentlichkeit schnell als "asozial" betitelt und aufs Abstellgleis verfrachtet wird. Nun schreibt er seine eigene Geschichte nieder, und trifft damit die Mitte der Gesellschaft, im doppelten Sinne. Denn erstens ist es die Mittelschicht, um die man sich in den vergangenen Jahren zunehmend sorgt, etwa dann, wenn im Zuge der Digitalisierung vom Jobverlust die Rede ist. Plötzlich wird die bisher sicher geglaubte Mitte zu einem Herd der Betroffenheit, der so sehr hochkocht, dass offensichtlich kaum mehr Platz bleibt für jene, die längst in prekären Verhältnissen verhaftet leben. Zweitens verlangt eine breite Masse an Leser*innen gerade diese Art der Milieu-Beschreibung, sie verlangt autobiografische Auszüge aus der Arbeiterschicht. Scheinbar hat man endlich die Nase voll vom halb gegarten Ärger und Kummer, mit denen uns die Autor*innen immer wieder quälen; vielleicht ist man über die durchs Internet offengelegten Kommunikationswege sensibler geworden. Wie man es auch hält, es ist nicht übertrieben zu behaupten, dass dieser Debüt-Roman erleichternd, befreiend, erlösend daherkommt. Er gleicht einem endlich geplatzten Knoten.
Tückische Seligkeit
Als Christian zehn Jahre als ist, stirbt seine Mutter. Mit seinen drei Geschwistern zieht das Kind zur Tante, und entkommt den gewittrigen Ausbrüchen des trinkenden Vaters. Was nun folgt, kennzeichnet die Doppelbödigkeit, die der Roman bereits an früheren Stellen anklingen lässt. Nicht die Schläge sind es, die dem Jungen zusetzen, sondern die darauf folgende Unmöglichkeit, seinen Vater lieben zu können. Hier spielt sich das eigentliche - psychologisch hochambivalente - Schauspiel ab, hier wird das Buch berührend und schockierend. Denn mit der Abkehr vom Vater, mit dem Umzug zur Tante also, beginnt das Kind diese Unmöglichkeit zu hinterfragen. Diese Abkehr, diese Flucht ist also allerhöchstens eine tückische Seligkeit.
Das Buch beschreibt den Vater als Opfer kapitalistischer Gesellschaftsstrukturen, als einen nicht hinterfragenden Verlierer, der seinen Frust ausgerechnet dort ablädt, wo er im Grunde auf Liebe und Bewunderung hätte hoffen können. Christian Baron macht auf diese Weise deutlich, dass der Begriff der Ungerechtigkeit mannigfaltiger ist, als man ihn von oben herab, mit Blick auf die Unterschicht, häufig vorschnell definiert. Hoffen wir auf weitere Romane, Erzählungen und Exponate, die von Autor*innen geschrieben werden, die einerseits etwas zu erzählen haben und andererseits in der Lage sind, ihre Geschichten entsprechend zu beleuchten und zu verarbeiten.
Christian Baron: Ein Mann seiner Klasse; Claasen Verlag, 2020, 288 Seiten, 20 €
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