Ken Folletts The Deep and Secret Things, angekündigt für September 2027 im Verlag Lübbe, liegt bislang nur in Form von Verlagsinformation und Autorenzitat vor. Gelesen ist dieser Roman noch nicht – aber seine thematischen Linien sind bereits deutlich benannt. Im Zentrum stehen Familie, Religion, Ehrgeiz und Gier, eingebettet in das viktorianische Zeitalter. Das ist kein offenes Feld, sondern ein bewusst gesetzter Rahmen, wie man ihn aus Folletts historischen Romanen kennt.
Ken Folletts „The Deep and Secret Things“ – was die Ankündigung über den kommenden Roman verrät
Figuren als Versprechen von Konflikt
Die Ankündigung führt drei zentrale Figuren ein: Helena Bowen, die als junge Adelige Naturwissenschaften studieren möchte; Lloyd Llewellyn, der für die Werte der Quäker steht; und Johnnie Llewellyn, dessen Ehrgeiz und Risikobereitschaft ihn aus dieser Ordnung herausführen. Diese Konstellation ist zunächst kein erzählter Konflikt, sondern ein angekündigter. Sie markiert die Spannungsachsen, entlang derer sich der Roman vermutlich bewegen wird.
Viktorianisches Zeitalter als Spannungsraum
Follett selbst beschreibt die Epoche als eine Zeit extremer Gegensätze: Reichtum und Armut, moralische Strenge und gesellschaftliche Doppelmoral. Diese Perspektive ist entscheidend, weil sie den historischen Hintergrund nicht nur als Kulisse versteht, sondern als Feld von Widersprüchen. Die Ankündigung greift das auf, ohne zu zeigen, wie genau der Roman diese Gegensätze erzählerisch umsetzt.
Helena Bowen und die Frage nach Zugang
Helenas Wunsch zu studieren verweist auf ein zentrales Thema: Wissen als begrenzte Ressource. Die viktorianische Gesellschaft erscheint hier als System, das Möglichkeiten verteilt und zugleich einschränkt. Ob Helena dabei zur treibenden Figur wird oder eher als Beobachterin fungiert, bleibt offen. Die Ankündigung hält diese Rolle bewusst in der Schwebe.
Die Llewellyns zwischen Glaube und Geschäft
Die Familie Llewellyn verbindet wirtschaftlichen Erfolg mit religiösem Anspruch. Einfachheit, Wahrhaftigkeit und Gleichheit werden als zentrale Werte genannt. Gleichzeitig betreibt die Familie ein erfolgreiches Unternehmen. Diese Konstellation enthält ein mögliches Spannungsfeld, das der Roman entfalten könnte – oder auch nur als Hintergrund mitführt.
Johnnie und die Bewegung nach London
Mit Johnnies Flucht nach London wird ein klassisches Motiv aufgerufen: der Wechsel vom provinziellen Raum in die Metropole. Die Ankündigung beschreibt diesen Schritt als Neuanfang und Aufstiegsversuch. Zugleich ist bereits von einem späteren Skandal die Rede. Damit wird weniger ein offenes Geschehen als eine Richtung markiert – Aufstieg und möglicher Fall sind von Beginn an Teil des erzählerischen Versprechens.
Ein Roman zwischen Aufstieg und Fall
Die Beschreibung nennt explizit den „Aufstieg und Fall eines jungen Mannes“. Das ist ein bekanntes Strukturmodell des historischen Erzählens. Es erlaubt, individuelle Entscheidungen mit größeren gesellschaftlichen Entwicklungen zu verbinden. Ob der Roman diese Verbindung differenziert ausarbeitet oder eher entlang klarer Linien erzählt, lässt sich zum jetzigen Zeitpunkt nicht beurteilen.
Folletts Erzählmodell
Was sich jedoch abzeichnet, ist ein vertrautes Muster: große historische Bühne, klar geführte Figuren, deutliche Konflikte. Follett ist ein Autor, der für narrative Zugänglichkeit steht. Die Ankündigung bestätigt diese Erwartung, ohne Einblick in die konkrete Ausgestaltung zu geben. Sie benennt Themen, setzt Figuren, skizziert Entwicklungen – mehr nicht.
Neugierig
Zwischen den Angaben des Autors und der Verlagsbeschreibung entsteht ein Bild, das bereits viel erklärt. Und doch bleibt das Entscheidende unklar: Ton, Tempo, sprachliche Präzision, die tatsächliche Komplexität der Figuren. All das liegt außerhalb der Ankündigung.
So bleibt The Deep and Secret Things vorerst ein Roman im Modus des Versprechens – und die Frage, ob er mehr sein wird als die Summe seiner bereits bekannten Elemente.
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