„Druckfrisch“-Sendung vom 18. Januar 2026: Spiegel-Bestseller-Sachbuch

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In der Druckfrisch-Sendung vom 18. Januar 2026 stellt Denis Scheck die aktuelle Sachbuch-Bestsellerliste des Spiegelvor. Zehn Titel, zehn verschiedene Formen, Welt zu befragen: als Biographie, Essay, Reportage, Szenario oder Diagnose. Die Auswahl folgt keiner inhaltlichen Linie, aber sie zeigt, wie unterschiedlich Gegenwart beschrieben wird – zwischen Körper und Gefühl, Politik und Geschichte, Technik und Moral. Die Bücher lesen sich nicht als Antworten, sondern als Zugriffe auf ein Unübersichtliches.

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10. Der Körper als Fabel: David Goggins’ Ertüchtigung

In der ersten Szene steht ein Mann im Sand, der Sonne entgegengepresst, mit dem Mantra als Peitsche: „Wiederholung wird Ihren Verstand abhärten“. David Goggins’ Can’t Hurt Me ist kein Buch, sondern ein Befehl. Wiederholung als Disziplinformel, Härte als Heilserwartung – eine Ertüchtigungsfibel, die von der Prekarität zur militärischen Karriere führt wie von der Frage zur Antwort. Doch hier zeigt sich die erste Spannung: Was wird gehärtet, was wird weich?

Schecks Kommentar trifft einen Punkt jenseits der Methodik: Die Ratschläge sind Redundanzen, die Lesenden eher aufs Gemüt denn auf die Muskulatur schlagen. In diesem narrativen Kraftakt gleitet der Körper zur Allegorie: Als Projektionsfläche für Selbstoptimierungsforderungen verliert er Kontur und fragt am Ende leise: Für wen – und zu welchem Preis?

9. Nähe und Distanz: Mascha Kaléko bei Volker Weidermann

Wenn der Blick einer Biographie zu nahe tritt, verliert er Kontur. Weidermanns Wenn ich eine Wolke wäre oszilliert zwischen Bewunderung und Nähe. Mascha Kaléko, mit ironischer Prägnanz ausgestattet, steht wie eine Figur im Nebel: lakonisch, scharf, abgewandt von ihrem eigenen Nabel.

Weidermann läuft Gefahr, im Glanz dieser Persönlichkeit zu schwelgen. Doch er hält das Gleichgewicht erstaunlich gut. Kaléko bleibt nicht nur Gedächtnis, sie wird zur Resonanzfläche – für das, was wir von Poesie halten, wenn wir sie nicht mehr brauchen zu besitzen, sondern zu verstehen versuchen. Die Biographie wird zum Ort, an dem Nähe und Distanz miteinander ringen: Die Nähe bringt Verstehen, die Distanz lässt das Bild stehen.

8. Öffentliche Vernunft im Zeitalter der Empörung: Richard David Precht

Richard David Prechts Angststillstand. könnte als Diagnose unserer Zeit stehen: Meinungsfreiheit in der Krise, Überreaktion als neues Normal. Das Buch wird zum Prisma, das den Strahl gesellschaftlicher Sensibilität in seine Farben zerlegt – Empörung, Denunziation, infantilisierte Diskurse.

Precht selbst bleibt ambivalent: Philosoph und Medienfigur, Mahner und Polarisierer zugleich. Seine Argumentation schwankt zwischen analytischer Schärfe und moralischer Emphase. Doch gerade in dieser Spannung liegt der Reiz des Textes – er ist weniger ein Urteil als eine Einladung zur Selbstbefragung. Wie wollen wir streiten? Worauf gründet öffentliche Vernunft?

7. Versagen und Recherche: Gloger & Mascolo über Russlandpolitik

Das Versagen rekonstruiert, wie sich deutsche Russlandpolitik über Jahre hinweg blind stellte – nicht zufällig, sondern systemisch. In zahlreichen Interviews und durch Aktenrecherche dokumentieren Katja Gloger und Georg Mascolo, wie Vertrauen zum Mittel geopolitischer Verdrängung wurde.

Das Buch zeigt, wie Recherche als Form funktioniert: Es dokumentiert nicht nur, es legt offen. Nicht der Skandal steht im Mittelpunkt, sondern der Mechanismus, der ihn trägt. Der Text arbeitet mit Transparenz, nicht mit Skandalisierung. Journalismus erscheint hier nicht als Kommentar zur Politik, sondern als deren Archiv.

6. Zukunft als Text-Adventure: Florence Gaub

Florence Gaubs Szenario beginnt mit einer Wiederwahl Wladimir Putins im Jahr 2030 – und entwickelt von dort aus mehrere geopolitische Zukunftsverläufe. Die Form erinnert an ein Text-Adventure: Entscheidungspunkte, narrative Stränge, Szenarien mit Abzweigungen.

Die Einladung an die Lesenden ist klar formuliert: Zukunft ist kein Zustand, sondern eine Folge von Entscheidungen. Das Buch denkt Möglichkeiten durch, nicht Wahrscheinlichkeiten. In dieser Offenheit liegt sein Potenzial – nicht als Vision, sondern als Denkmodell.

5. Kriminalitätsökonomie und Moral: Brorhilker & Bünger

Anne Brorhilker und Traudl Bünger erzählen in Cum/Ex, Milliarden und Moral die Geschichte eines systematisierten Steuerbetrugs, der mit legalen Mitteln möglich wurde. Die Erzählung kreist um Milliardenverluste, aber auch um die juristische Sprache, die solche Verluste möglich machte.

Brorhilker, als ehemalige Staatsanwältin, tritt auch als Figur auf – engagiert, sichtbar, positioniert. Der Text wechselt zwischen Dokumentation und Intervention. Die Nähe zur Autorin bringt Deutung, aber auch Reibung. Sachbuch und Fallstudie verschränken sich, ohne sich aufzulösen.

4. Gefühl und Politik: Axel Hacke

Axel Hackes Wie fühlst Du Dich verhandelt das Verhältnis von Emotion und Öffentlichkeit. Gefühle erscheinen nicht als private Regungen, sondern als politische Kräfte. Wut, Hass, Kränkung – nicht Ausdruck, sondern Ressource.

Hacke beschreibt, wie Emotionen in Debatten gelenkt, verstärkt, verwertet werden. Sein Essay bleibt analytisch, ohne sich von der Sprache zu entfernen. Der Text arbeitet mit Beispielen, aber ohne didaktischen Ton. Gefühl wird zur Kategorie, über die sich politische Kultur lesen lässt.

3. Hoffnung als Haltung: Dirk Steffens

Dirk Steffens schreibt gegen den Erschöpfungszustand. Hoffnungslos optimistisch ist ein kurzes, zugängliches Buch, das nicht überredet, sondern erinnert. Es geht nicht um blinden Glauben, sondern um Haltung.

Der Text versammelt Erzählungen, Beobachtungen, Argumente. Er steht zwischen Reportage und Plädoyer. Hoffnung erscheint nicht als Gefühl, sondern als Methode, mit Welt umzugehen. In Zeiten, in denen Zuversicht oft als Naivität belächelt wird, formuliert dieses Buch ein Gegenmodell: reflektiert, pragmatisch, lesbar.

2. Exil und Familie: Florian Illies über die Manns

In Wenn die Sonne untergeht erzählt Florian Illies vom Sommer 1933, als Katja und Thomas Mann mit ihren Kindern an der französischen Riviera Zuflucht suchen. Der Text arbeitet mit Originalzitaten, Tagebuchauszügen, Briefen – montiert zu einem dichten Bild einer Familie im Übergang.

Illies betreibt keine Historisierung, sondern literarische Annäherung. Die Figuren treten nicht als Denkmal auf, sondern als Menschen unter Druck. Der Blick bleibt nahe, aber nie vereinnahmend. Erinnerung wird hier nicht verwaltet, sondern erzählerisch rekonstruiert.

1. Organisch: Giulia Enders’ Warmherzigkeit

Auf Platz eins steht Organisch, das neue Buch von Giulia Enders. Es verbindet medizinische Erklärung mit biografischen Miniaturen – Alltag, Kindheit, Körperwissen. Die Struktur bleibt locker, die Sprache zugänglich, der Ton freundlich, aber nicht gefällig.

Enders gelingt eine Balance zwischen Wissenschaft und Erzählung. Die Themen – Verdauung, Mikrobiom, Gesundheit – erscheinen nicht als Objektivierungsflächen, sondern als Teil eines sozialen Körpers. Der Text bleibt im Konkreten und öffnet doch ins Allgemeine. Ein Buch, das fragt, wie wir über Körper sprechen – und wie wir darin wohnen.


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