Es gibt Bücher, die nimmt man immer wieder in die Hand. Bootsmann auf der Scholle gehört dazu. Die Geschichte um drei Kinder, einen Hund und eine Eisscholle, die sich löst, braucht keine lauten Mittel. Sie vertraut auf den Stoff, aus dem echte Kindheit ist: Verantwortung, die man nicht will und doch übernimmt. Angst, die man kennt und trotzdem durchrudert.
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Der kleine Band, zuerst 1959 im DDR-Kinderbuchverlag erschienen, liegt heute noch im exakt gleichen Format in der Hand: Beltz hat das „kleine Trompeterbuch“ nicht verändert, die Gestaltung von Werner Klemke bleibt erhalten, als hätte sich nichts bewegt.
Ein Abenteuer
Die Handlung ist schnell erzählt: Uwe, Jochen, Katrinchen und Bootsmann, der Hund. Ein Wintertag am Wasser, das Spiel auf den Eisschollen – bis sich eine löst. Bootsmann treibt hinaus, Jochen kann noch springen, Uwe sieht, dass Hilfe nötig ist, und holt – nein, stiehlt – ein Ruderboot. Es ist ein Rettungsversuch, einer ohne Abseiltechnik und Drohnenblick. Nur ein Junge und zwei Riemen, ein kaltes Meer, eine abtreibende Scholle.
Gerettet wird am Ende nicht durch ihn, sondern durch ein Schiff, dessen Besatzung aufpasst, genauer hinschaut, hilft. Auch das: eine stille Botschaft über das Eingebundensein in ein größeres Gefüge. Nicht jeder Held rettet allein.
Lesen als Zutrauen
Was dieses Buch so bemerkenswert macht, ist nicht das Abenteuer – es ist seine Zumutung. Denn Pludra traut den Kindern etwas zu. Er umgeht kein Gefühl, beschönigt nichts, macht aber auch kein Drama daraus. Die Kälte spürt man, aber man friert nicht. Die Angst ist da, aber sie lähmt nicht. Kinder lesen das nicht mit dem Brustton der Moral, sondern mit wachen Sinnen: Was würde ich tun? Und – kann ich das auch?
In einer Zeit, in der viele Kinderbücher auf Effekt und Ausstattung setzen, kommt Bootsmann auf der Scholle fast trotzig daher: als Einladung. Wer es zur Hand nimmt, merkt schnell – das kann ich schaffen. Es ist nicht lang, die Sätze sind knapp, aber nie karg. Und das Bild, das sich aufbaut, ist atmosphärisch dicht wie ein Wintermorgen am Meer.
Ein Buch über Verantwortung, nicht über Heldentum
Uwe handelt nicht, weil er glänzen will, sondern weil er kann. Weil er weiß, dass niemand sonst kommt. Das macht den Reiz dieser Geschichte aus: Kinder werden nicht in Watte gepackt, sondern in eine Welt gesetzt, in der sie gebraucht werden.
Das ist pädagogisch nicht harmlos. Die Gefahr ist real, auch wenn sie nicht ausgeweidet wird. Die Entscheidung liegt bei Uwe – und sie hätte auch anders ausgehen können. Dass am Ende das sowjetische Schiff rettet, ist ein Echo der Zeit, kein ideologischer Überbau. Es ist einfach Teil der Welt: Hilfe kommt oft von dort, wo man sie nicht plant.
Die wunderbaren Illustrationen von Klemke
Die Bilder von Werner Klemke begleiten die Geschichte nicht dekorativ, sondern atmend. Die Linien sind zurückgenommen, die Szenen fast unbewegt – aber gerade das gibt dem Text Raum. Manchmal scheint es, als höre man das Knacken des Eises zwischen den Bildern.
Ein Junge, ein Hund, ein Boot. Mehr braucht es nicht. Und doch steckt alles darin: Beziehung, Verantwortung, Entscheidung. Dass Kinder heute damit noch genauso etwas anfangen können wie 1959, ist weniger ein Kompliment an die Vergangenheit als ein Signal an die Gegenwart.
Ein Buch für Kinder
Weil es sie ernst nimmt, ohne sie zu belehren. Weil es keine grellen Effekte braucht, um zu wirken. Weil es in einfachen Sätzen von etwas erzählt, das nie einfach ist: Was tue ich, wenn keiner hinsieht – und trotzdem etwas getan werden muss?
Benno Pludra ist längst tot, Bootsmann auf der Scholle erschien 1959. Und doch macht das Buch eines ganz deutlich: Kinder sind zu allen Zeiten Kinder. Neugierig, aufmerksam, mit einem wachen moralischen Kompass. Sie spüren genau, wann etwas richtig ist – und wann es darauf ankommt, zu handeln.
Man kann dieses Buch mit ihnen lesen. Oder es ihnen einfach geben. Es spricht für sich.
Der Autor Benno Pludra:
Benno Pludra (1925–2014), vielfach ausgezeichneter Autor der DDR, verband in seinen Kinderbüchern Alltagsnähe mit innerer Bewegung. Bootsmann auf der Scholle ist eines seiner kürzesten Werke – und zugleich eines seiner präzisesten.
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