Mit 22 steht Nelio Biedermann mitten im Rampenlicht: Sein Roman „Lázár“ erscheint 2025, landet prompt auf der Shortlist des Schweizer Buchpreises und ist bereits vor Veröffentlichung in über zwanzig Länder verkauft worden. Das ist nicht nur Hype, sondern belegt – von 3sat/„Kulturzeit“ über SRF bis zur offiziellen Shortlist-Mitteilung. Parallel ist die US-Ausgabe bei Summit Books (Simon & Schuster) für 7. April 2026 terminiert, übersetzt von Jamie Bulloch; MacLehose Press verantwortet die UK/Commonwealth-Ausgabe (Frühjahr 2026). Damit verschiebt sich ein Schweizer Newcomer in den globalen Literaturfokus – mit all den Debatten, die so eine Frühkarriere begleitet.
Kurzbiografie – Herkunft, Studium, frühe Texte
Biedermann wurde 2003 in der Zürichsee-Region geboren. Händler- und Verlagsprofile nennen ungarische Familienwurzeln (väterlicherseits), die Großeltern flohen in den 1950ern in die Schweiz. Er studiert Germanistik und Filmwissenschaft an der Universität Zürich. Vor „Lázár“ erschien 2023 das Debüt „Anton will bleiben“ (Arisverlag). Simon & Schuster führt außerdem an, dass eine unveröffentlichte Kurzgeschichtensammlung Preise des Kantons Zürich gewann – ein Detail, das erklärt, weshalb Agentur und Verlage so früh Vertrauen in seine Erzählarbeit setzten.
„Lázár“ in einem Satz – Stoff, Ton, Sog
Biedermann erzählt die Geschichte einer ungarischen Adelsfamilie vom frühen 20. Jahrhundert an als Familiensaga und als Psychologie der kleinen Formen: Tischordnung als Machtchoreografie, Blicke als soziale Währung, Rituale als Schutzwall – bis Geschichte diese sicheren Räume und Stimmen durchlöchert. Für den internationalen Markt rahmen die Verlage den Stoff als „gothic, inter-generational family saga“ – ein Label, das die Mischung aus Schauwert, Melancholie und Systemkritik ziemlich treffsicher bündelt.
Was aktuell diskutiert wird – Advance, Sexszenen, Erwartungsökonomie
Der Medien-Overhead ist ungewöhnlich hoch: SRF Kultur rekapituliert die Gerüchte über einen sechsstelligen Vorschuss und macht die „vielen Sexszenen“ selbst zum Thema – nicht als Skandal, eher als Indiz, wie Biedermann die Körperpolitik seiner Figuren ernst nimmt. Parallel referiert Perlentaucher ein breites Kritikspektrum (u. a. NZZ): zwischen hymnisch („erzählerische Lust, üppige Sprache“) und skeptisch (Fragezeichen bei der Überhöhung). Debattiert wird damit weniger „Darf ein 22-Jähriger so groß erzählen?“ als „Was leisten Ritual, Erotik und Mythos in einer Erzählung über Klassensysteme?“. Kurzum: Formatdiskurs statt reiner Talent-Schau.
Warum das international zieht – Codes, die überall lesbar sind
Der internationale Zugriff lässt sich sachlich erklären: Familie, Klasse, Verlust – das sind universelle Lese-Codes. Zugleich ist „Lázár“ regional tief verankert: Ungarn als Klangraum zwischen Monarchie-Endspiel, Kriegswunden und Nachkriegs-Ordnungen. Für den englischsprachigen Markt sind die Deals fix: Summit Books in den USA (mit Jamie Bulloch als Übersetzer und Datum 7.4.2026) und MacLehose Press im UK-Bereich. Branchenmeldungen haben das schon 2024 vor der Frankfurter Buchmesse signalisiert; heute sind die Publisher-Pages die sauberste Quelle.
Preis & Termine – sichtbar auf Bühnen, nicht nur im Feuilleton
Die Shortlist des Schweizer Buchpreises 2025 ist offiziell; die Preisvergabe findet am 16. November (Basel) statt. Sichtbarkeit erzeugen auch Lesungen und Premieren – etwa die Buchpremiere bei Dussmann (Berlin), teils moderiert von Knut Elstermann, mit Ankündigungen über Berlin.de und Eventim. Diese Präsenz zeigt: Biedermann ist nicht nur eine Story über Rechte und Vorschüsse, sondern ein öffentlicher Gesprächspartner – genau da, wo Romane am liebsten landen: zwischen Regalen und Publikum.
Schreibweise – klassische Bewegung, moderne Sensorik
Formal arbeitet Biedermann klassisch erzählerisch, aber mit sensibler Nahaufnahme. Statt Inventarprosa nutzt er szenische Miniaturen, die Räume (Waldschloss, Salons, Küchen) als Resonanzkörper für Macht zeigen. Kritik und Klappentexte beschreiben die Mischung als „bildhaft, üppig, präzise“ – ein Spagat, der oft misslingt, hier aber den Stoff trägt. Der internationale Pitch setzt zusätzlich eine gothic-Schattierung darüber (die US-Verlagsseite nennt den Ton „disturbingly dreamlike“) – das hilft, jenseits landeskundlicher Vorkenntnisse den Sog zu markieren.
Relevanz jenseits von Schlagzeilen – was bleibt, wenn der Lärm abklingt?
Unter der Oberfläche verhandelt „Lázár“ Zugehörigkeit als Rollenfrage: Wer darf bleiben, wer spielt, wer entscheidet? In totalitären Zeiten verschieben sich Risikokalküle – Liebe wird zur Ressource, Loyalität zur Währung, Geheimnissezum Sicherungsseil. Das erklärt auch, warum die Debatte um „viele Sexszenen“ mehr ist als Klickstoff: Körper sind im Roman Speicher politischer Angst. Dass ein so junger Autor diese Mechanik ohne pädagogischen Zeigestock, aber mit soziologischer Schärfe beschreibt, ist der eigentliche Aufreger – und der Grund, warum „Lázár“ nicht als Saisonphänomen verpuffen dürfte. (Die Summen und Deals sind nur das Echo.)
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