Der Artikel der Berliner Zeitung von Immo v. Fallois ist mehr als eine Würdigung Clemens Meyers – er ist ein kulturpolitisches Statement. Mit deutlich erkennbarem Unmut analysiert er die Nicht-Auszeichnung von Meyers monumentalem Roman Die Projektoren auf der Frankfurter Buchmesse 2024. Der Text ist dabei keine bloße Ehrenrettung für einen enttäuschten Autor, sondern eine scharfsinnige Skizze über die Machtverhältnisse im deutschen Literaturbetrieb – ein Appell gegen das selbstzufriedene Abnicken literarischer Entscheidungen im Wohlfühlton des Feuilletons.
Eine Frage des Gewichts: Clemens Meyer, Buchpreise und das literarische Ungleichgewicht
Bittere Enttäuschung, berechtigte Kritik
Dass Meyer nach der Nichtverleihung nicht einfach lächelte und schwieg, sondern seinem Unmut Luft machte, wird vom Artikel nicht als Eitelkeit, sondern als Ausdruck eines tief empfundenen Unrechts gedeutet. Seine Bitterkeit wird ernst genommen – und zwar nicht als gekränkte Künstlerseele, sondern als Reaktion auf ein System, das Komplexität zunehmend meidet. Der Artikel trifft hier einen wunden Punkt: Im Literaturbetrieb darf über vieles gesprochen werden, nur nicht über die Kriterien, nach denen Preise vergeben werden. Wer das doch tut, dem ist der Shitstorm der feuilletonistischen Twitter-Gemeinde gewiss. In einem Milieu, das sich gern als progressiv versteht, regiert bei Preisfragen oft ein erstaunlich kleinmütiger Konservatismus.
Preisvergabe als literarisches Gleichgewichtsspiel
Die Entscheidung der Jury, Martina Hefters schmalen Roman Hey guten Morgen, wie geht es dir? dem vielstimmigen, über tausend Seiten starken Projektoren-Epos vorzuziehen, wird im Text nicht als Fehlurteil, sondern als symptomatisch beschrieben: Das Einfache wurde dem Komplexen, das Konsumierbare dem Widerständigen vorgezogen. Nicht etwa literarische Sprache oder thematische Tiefe, sondern Zugänglichkeit scheint das entscheidende Kriterium gewesen zu sein. Dass mit dem Preis auch ein stattliches Preisgeld einhergeht, wird im Literaturbetrieb gern verschwiegen – doch gerade bei einem so arbeitsintensiven Werk wie dem von Meyer ist diese Komponente nicht zu unterschätzen. Dass Preise eben auch Existenz sichern, ist eine Wahrheit, über die man lieber nicht spricht, wenn man sich im Dunstkreis ästhetischer Reinheit wiegt.
Ein Ritterschlag
Doch trotz der Preisverweigerung bleibt Die Projektoren nicht ohne Anerkennung. Zur Frankfurter Buchmesse 2024 veröffentlichte der SPIEGEL eine Liste der 100 bedeutendsten deutschsprachigen Prosawerke, die zwischen 1924 und 2024 erschienen sind – und Meyers Roman findet sich unter diesen Titeln. Ein Ritterschlag, der mehr bedeutet als kurzfristige Juryentscheidungen, und der sich hoffentlich auch an den Verkaufszahlen bemerkbar macht. Diese Anerkennung markiert nicht nur literarisches Gewicht, sondern sendet auch ein Signal an die Leser: Hier wurde ein Werk geschaffen!
Literatur aus dem Osten
Im weiteren Verlauf wird der Artikel zu einem leidenschaftlichen Plädoyer für die ostdeutsche Literaturlandschaft. Meyer steht dabei stellvertretend für eine ganze Reihe von Autorinnen und Autoren – Jenny Erpenbeck, Daniela Krien, Christoph Hein, Ingo Schulze oder Monika Maron –, die sich durch eine besondere Sensibilität im Umgang mit Zeit, Raum und Gesellschaft auszeichnen. Ihre Literatur ist nicht bloß ein Blick zurück, sondern ein Versuch, Geschichte und Gegenwart in Beziehung zu setzen. Dass dies mitunter als nostalgisch diffamiert wird, sagt mehr über den westdeutschen Literaturbetrieb aus als über die Autorinnen und Autoren selbst. Wenn der Begriff „Ostalgie“ bemüht wird, dann meist dort, wo der eigene Blick getrübt ist. Und vielleicht sollte man den Vorwurf künftig als Auszeichnung verstehen: Denn wer Erinnerung bewahrt, leistet Widerstand gegen das kulturelle Vergessen.
Umgekehrt wird nie von „Westalgie“ gesprochen – kein westdeutscher Autor, der seine Herkunft literarisiert, muss sich diesen Begriff gefallen lassen. Die Asymmetrie liegt auf der Hand. Der Reiz des westlich geprägten Literaturbetriebs besteht oft gerade darin, seine Grenzen als Norm zu setzen und sich gegen vermeintliche Infragestellungen von außen abzuschotten. Dabei sollte man dort froh sein über die literarischen Stimmen aus dem Osten – genauso, wie der Osten sich über Autoren wie Juli Zeh freuen kann, die sich dem Fremden nicht mit Misstrauen, sondern mit Neugier nähern.
Internationaler Applaus
Besonders auffällig ist, dass Autorinnen wie Jenny Erpenbeck im Ausland oft deutlich stärker rezipiert werden als in Deutschland. Das liegt nicht nur an Übersetzungsstrategien oder kultureller Exotik, sondern auch an einem anderen literaturkritischen Klima. Wo hierzulande gern das Gefällige bevorzugt wird, schätzt man anderswo die intellektuelle Unbequemlichkeit. Dass deutsche Literaturpreise manchmal weniger nach literarischer Wucht als nach medialer Anschlussfähigkeit vergeben werden, ist ein Verdacht, der sich mit jeder Saison neu bestätigt.
Eine offene Rechnung
Dass ein Werk wie Die Projektoren scheitert, ist keine Geschmacksfrage, sondern Ausdruck eines literaturpolitischen Stillstands, der sich hinter ästhetischen Urteilen versteckt. Die Literatur aus dem Osten bleibt ein Seismograf – nicht nur für gesellschaftliche Stimmungen, sondern auch für die Spannungen im Literaturbetrieb selbst.
Hier bestellen
Topnews
Geburtstagskind im Dezember – Emily Dickinson
Ein Geburtstagskind im November: Astrid Lindgren
Geburtstagskind im Oktober: Benno Pludra zum 100. Geburtstag
Das Geburtstagskind im September: Roald Dahl – Der Kinderschreck mit Engelszunge
Ein Geburtstagskind im August: Johann Wolfgang von Goethe
Hans Fallada – Chronist der kleinen Leute und der inneren Kämpfe
Ein Geburtstagskind im Juni: Bertha von Suttner – Die Unbequeme mit der Feder
Ein Geburtstagskind im Mai: Johannes R. Becher
Ein Geburtstagskind im April: Stefan Heym
Ein Geburtstagskind im März: Christa Wolf
Bertolt Brecht – Geburtstagskind im Februar: Ein literarisches Monument, das bleibt
Wie Banksy die Kunst rettete – Ein überraschender Blick auf die Kunstgeschichte
Ein Geburtstagskind im Januar: Franz Fühmann
Zauberberg 2 von Heinz Strunk
100 Jahre „Der Zauberberg“ - Was Leser heute daraus mitnehmen können
Oschmann: Der Osten: Eine westdeutsche Erfindung“ – Umstrittene russische Übersetzung
Überraschung: Autorin Han Kang hat den Literaturnobelpreis 2024 gewonnen
PEN Berlin: Große Gesprächsreihe vor den Landtagswahlen im Osten
„Freiheitsschock“ von Ilko-Sascha Kowalczuk
Deutscher Buchpreis 2024: Die Shortlist gleich mit drei Leipziger Autoren
Mein Bücherregal entrümpeln – Eine literarische Reise durch 100 Jahre Deutschland
Der Moment vor dem Donner: Warten auf den Literaturnobelpreis 2025
Siegfried Unseld und das Schweigen: Eine deutsche Karriere
Clemens Meyer liefert literarisches Meisterwerk: "Die Projektoren"
Wie sexistisch es in der Literaturkritik zugeht
Deutscher Buchpreis: Jury enthüllt Shortlist
Jenny Erpenbecks neuer Roman über Flüchtlinge
Das sind die 20 besten deutschen Romane
SWR Bestenliste Januar 2026 – Literatur zwischen Abgrund und Aufbruch
Die SWR Bestenliste als Resonanzraum – Zehn Texte über das, was bleibt
„Holzfällen. Eine Erregung“ – Thomas Bernhard im Gespräch: Wolfgang M. Schmitt und Achim Truger im Literaturforum im Brecht-Haus
Heute findet in Leipzig der Fachtag „Schreiben und Erinnern“ statt
SenLinYu : Zuerst war Manacled
Archiv schreibender Arbeiterinnen und Arbeiter zieht nach Dortmund
Aktuelles
Goldrausch in Alaska – Wege, Arbeit, Entscheidungen
Crown and Bones – Liebe kennt keine Grenzen von Jennifer L. Armentrout – Der Moment, in dem Macht persönlich wird
Flesh & Fire von Jennifer L. Armentrout – Vom heiligen Schleier in die Welt der Konsequenzen
Blood and Ash – Liebe kennt keine Grenzen von Jennifer L. Armentrout - Eine Auserwählte, die aufwacht
Manfred Rath: Melancholie
Zu Noam Chomskys „Kampf oder Untergang!“ (im Gespräch mit Emran Feroz)
Tausende Stimmen für das Lesen: Weltrekordversuch in der MEWA Arena Mainz
Woman Down von Colleen Hoover – Wenn Fiktion zurückschaut
Nachdenken einer vernachlässigten Sache
To Break a God von Anna Benning – Finale mit Schneid: Wenn Gefühl Politik macht
To Love a God von Anna Benning – Wenn Lichtstädte Schatten werfen
Horaffe: Ein Land
Karen W. – Eine Resonanz des Alltags
Über Tatsuzō Ishikawas „Die letzte Utopie“
Jack London lesen: Vier Bücher und der Ursprung eines amerikanischen Erzählens
Rezensionen
Die weiße Nacht von Anne Stern – Berlin friert, und die Wahrheit bleibt nicht liegen
Funny Story von Emily Henry - „Falsche“ Mitbewohner, echter Sommer, echte Gefühle