Wer den DDR-Fernsehjingle des Schwarzen Kanals noch im Ohr hat, der weiß: Ironie war dort nicht vorgesehen. Karl-Eduard von Schnitzler intonierte die westliche Dekadenz, während im Hintergrund die Sozialismus-Sonate dröhnte. Dass Jan Fleischhauer ausgerechnet diesen Titel für seine Kolumne wählte, ist deshalb mehr als ein Scherz – es ist ein mediengeschichtlicher Hack. Der alte DDR-Propagandakanal wird zur Folie, um die Gegenwart zu spiegeln.
Jan Fleischhauer – Unter Linken. Von einem, der aus Versehen konservativ wurde
„piip – piip – piip – piip“ als Soundtrack der seltsamen Erinnerung
Seit 2011 nennt der konservative Journalist Jan Fleischhauer seine Online-Kolumne Der schwarze Kanal – zunächst bei Spiegel Online, seit 2019 bei Focus Online. Der Titel ist ein ironischer Gegenentwurf zur DDR-Sendung, eine Umkehrung des ideologischen Vorzeichens. Wo früher Parteilinie verordnet wurde, liefert Fleischhauer heute den kalkulierten Widerspruch gegen das, was er als linke Orthodoxie im Medienbetrieb erkennt.
Und weil er das Medienspiel beherrscht, findet man seine Kolumne längst nicht mehr nur im Heft oder auf Verlagsseiten. Sie kursiert in sozialen Netzwerken, wird kommentiert, geteilt, verrissen oder gefeiert. Sogar auf LinkedIn – jener digitalen Mischung aus Karriereplattform und moralischem Biedermeier – taucht der Schwarze Kanal inzwischen auf. Normalerweise halten sich Nutzer dort politisch bedeckt, es sei denn, sie frönen den gefahrlosen Standardhaltungen. Alles diskret, alles konsensfähig.
Dass Fleischhauer in dieses digitale Wespennest hineinsticht, ist fast eine Fortsetzung seines autobiografischen Buchs Unter Linken.
Vom Küchentisch zum Karrierenetzwerk
In Unter Linken (2009, Rowohlt) schildert Fleischhauer, wie er im Hamburger Bildungsbürger- und Sozialdemokratenmilieu groß wurde – einer Welt, in der Cola als imperialistische Brause galt, Fast Food als Klassenverrat und Comics als geistige Verrohung. Ein Kosmos, in dem die richtige Haltung wichtiger war als die offene Diskussion. Genau diese Enge hat ihn einst zum „aus Versehen konservativen“ Querdenker gemacht.
Heute begegnet er demselben Muster in neuer Verpackung: Nicht mehr am Küchentisch mit Emma und Die Zeit, sondern in den glatten Karrierenetzwerken mit moralisch überhöhter Wohlfühlhaltung. Fleischhauer bleibt dabei die Antenne, die die Frequenz der Selbstgewissheit empfängt – ob im Elternhaus oder auf LinkedIn. Und er bleibt der Störsender, der das gleichmäßige der Konformität mit einem ironischen Zwischenruf unterbricht.
Das Buch: Anekdote statt Theorie
Unter Linken ist kein theoretisches Traktat, sondern eine autobiografische Abrechnung, die von Anekdoten lebt. Comics, Cola, moralisch aufgeladene Mahlzeiten: Das sind die Koordinaten, nicht abstrakte Definitionen. Fleischhauer schreibt mit Witz, mitunter mit Spott, doch immer mit einer Selbstironie, die ihn davor bewahrt, zum bloßen Ankläger zu werden. Genau das macht die Lektüre unterhaltsam und zugleich angreifbar. Kritiker bemängelten, er definiere „die Linken“ nicht und zeichne stattdessen ein Sammelbecken moralischer Besserwisserei. Julia Encke schrieb in der FAZ, er stilisiere sich zum „Opfer jener linken Sozialisation, die ihn zu dem machte […], was er heute nicht mehr sein will“. Gerade diese Unschärfe ist jedoch Teil der Methode: Fleischhauer erzählt nicht die Geschichte der Linken, sondern seine Geschichte mit ihnen.
Zwischen Provokation und Polarisierung
Rückblickend wirkt das Buch beinahe prophetisch. Debatten, die damals noch am Rand liefen, bestimmen heute die Arena: Identitätspolitik, Sprachregelungen, die moralische Aufladung des eigenen Lagers. Fleischhauer spürte früh, wohin sich das verschiebt. Darin liegt die Chance – und die Gefahr. In einer polarisierten Öffentlichkeit wird er schnell zur Bannerfigur eines Lagers gemacht; zwischen Zustimmung und Ablehnung bleibt wenig Raum. Klüger ist es, ihn als Antenne zu lesen, die Verstimmungen aufnimmt und hörbar macht. Sein Buch wie auch seine Kolumne liefern keine Lösungen, sondern Störsignale – und genau die braucht eine demokratische Öffentlichkeit.
Echokammer
Unter Linken ist die biografische Urfassung des „Schwarzen Kanals“. Es ist das Buch eines Autors, der gelernt hat, dass Haltung ohne Humor zur Erstarrung führt. Dass er bis heute den Rücken gerade hält, auch wenn er damit aneckt, ist in einer Medienwelt, die oft Konsens statt Widerspruch belohnt, bemerkenswert.
Zwischen Schnitzlers blechernem „piip – piip – piip – piip“ und Fleischhauers ironischem Echo liegen Welten – und doch verbindet sie eines: Beide sind ein Soundtrack der politischen Kultur. Nur dass der heutige Takt, trotz aller Schärfe, den Rhythmus der freien Meinungsäußerung schlägt.
Über den Autor Jan Fleischhauer
Jan Fleischhauer wurde 1962 in Hamburg geboren. Er studierte Literaturwissenschaft und Philosophie, bevor er 1989 in den Journalismus einstieg. Beim Spiegel arbeitete er über viele Jahre hinweg als Redakteur, zunächst im Berliner Hauptstadtbüro, später als Korrespondent in New York und schließlich als Autor im Ressort Politik. 2009 erschien sein erstes Buch Unter Linken. Von einem, der aus Versehen konservativ wurde, das zum Bestseller wurde und ihm den Karl-Hermann-Flach-Preis einbrachte.
Seit 2011 veröffentlicht Fleischhauer die Kolumne Der schwarze Kanal, die bis 2019 bei Spiegel Online erschien und seither beim Focus weitergeführt wird. Neben seiner publizistischen Tätigkeit ist er ein gefragter Kommentator in politischen Diskussionssendungen. Fleischhauer lebt in Berlin.
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