In der kommenden Ausgabe der Literatursendung "Druckfrisch" (Sonntag, 22. Mai) spricht Denis Scheck mit der französischen Schriftstellerin Annie Ernaux über feministisches Schreiben und ihre Arbeit als literarische Soziologin. Außerdem spricht Scheck mit der Autorin Fatma Aydemir über die Entstehung ihres Familienromans "Dschinns", der, stark autobiografisch gefärbt, die Hoffnungen, Erwartungen und Niederlagen von Arbeitsmigranten erzählt.
"Druckfrisch" mit Denis Scheck: Feministisches Schreiben und das Seelenleben von Arbeitsmigranten
In der kommenden Ausgabe der ARD-Literatursendung "Druckfrisch" geht es um zwei Schriftstellerinnen, die sich dem engagierten, autobiografischen Schreiben widmen. Die französische Autorin Annie Ernaux hat dieses Feld mit ihren Romanen geradezu revolutioniert. Als "Ethnologin ihrer selbst" seziert Ernaux Begegnungen, Erfahrungen und Erinnerungen auf schonungslose, bisweilen brutale Weise. Moderator Denis Scheck spricht mit der Autorin über ihre Arbeit als literarische Soziologin. Auch die 1986 in Karlsruhe geborene Schriftstellerin Fatma Aydemir beschäftigt sich in ihrem in diesem Frühjahr erschienen Roman "Dschinns" mit Elementen ihrer eigenen Biografie. Mit Scheck spricht sie über die Entstehungsgeschichte ihres vom Verlag als "Familienepos" vorgestellten Buches.
Annie Ernaux: Das Wieder-Aufkratzen der Wunden
Annie Ernaux Romane haben die literarische Aufarbeitung biografischer Ereignisse auf eine nächste Stufe gehoben. Seit 1974 beschäftigt sich die französische Schriftstellerin in ihren Büchern mit ihrem eigenen Leben. Ernaux setzt flüchtige Erinnerungen, Fotos, Erfahrungen und unvermittelt auftauchende Gefühle als Ausgangspunkt tiefschürfender Erkundungen. Einige KritikerInnen warfen ihr Selbstreferentialität oder gar Narzissmus vor. Andere, die Mehrzahl, sehen in Ernaux literarisch-ethnologischen Ansatz eine schonungslose und energische Selbstbeobachtung, die, über alle Grenzen hinaus, gerade dort einen besonderen literarischen Wert bekommt, wo man von bisher selten so konsequent dagewesener Selbstreferentialität sprechen kann. Ernaux schreibt von Scham, Angst, Wut, Moral und Normen, wobei diese, sehr persönlichen, Empfindungen, ohne dass es einen Verweis bräuchte, sogleich im politischen und gesellschaftlichen Kontext wirken.
Vor kurzem erst wurde Annie Ernaux mit dem Würth-Preis für Europäische Literatur ausgezeichnet. Gewürdigt wurde damit ein Schreiben, das den oft unsichtbaren Klassismus in unserer Gesellschaft offenlegt und die staatlichen Repressalien gegenüber Frauen, die sich nicht in ihre zugeteilten Plätze fügen. Ernaux wuchs in der Normandie auf, arbeitete zunächst als Lehrerin, bevor sie mit ihrem literarischen Projekt begann. In Büchern wie "Die Jahre" oder "Die Scham" verbindet sie distanzierte Erzählpersönlichkeit mit dem kollektiven Erleben. Ihr Roman "Das Ereignis" erzählt die Geschichte einer jungen Literaturstudentin, die 1963 schwanger wird und eine Abtreibung hinter sich bringen muss.
Fatma Aydemir: "Dschinns"
Fatma Aydemir gibt in ihrem Roman "Dschinns" Einblicke in das Leben von Arbeitsmigranten, die in einem "kalten, herzlosen" Deutschland anzukommen versuchen. Anhand der Familie Yilmaz zeigt sie, wie Hoffnung zerschellt und große Versprechen in den Tod führen. "Dschinns" erzählt von dem nicht Ausgesprochenen. In sechs Kapitel skizziert sie das Leben der Familie Yilmaz, die in Istanbul zusammenkommt, weil der Vater dort einem Herzinfarkt erliegt. Dreißig Jahre lang hat er auf eine Wohnung in seiner Sehnsuchtsstadt hingearbeitet. Die harte Arbeit in Deutschland hat seinen Körper zerstört. Jetzt, wo das lang ersehnte Ende dieser verschleißenden Zeit gekommen ist, kann er sie keinen Tag lang genießen. Er hinterlässt zwei Söhne, zwei Töchter und seine Frau Emine, die jeweils ihre eigenen Päckchen zu tragen haben.
Denis Scheck empfiehlt "Die Diplomatin" von Lucy Fricke
Denis Scheck empfiehlt diesmal "Die Diplomatin" von Lucy Fricke. Eine Selfmade-Frau wird in eine blutige Entführung verwickelt und in diktatorische Machenschaften in der Türkei. Lucy Fricke gelingt das Kunststück, einen höchst spannenden, unterhaltsamen und humorvollen politischen Roman aus der Welt der Diplomatie zu schreiben, deren Regel Nummer eins lautet: lächeln, lügen, Lachs fressen. Ein Buch, dem die Quadratur des Kreises gelingt.
Und wie immer: Denis Schecks pointierte Revue der "Spiegel"-Bestsellerliste (diesmal: Belletristik), musikalisch eingeläutet von dem renommiertesten deutschen Bariton Christian Gerhaher.
Hier bestellen
Topnews
Unser Geburtstagskind im Mai: Novalis - Die Blaue Blume und die Wiederverzauberung der Welt
Unser Geburtstagskind im April: Samuel Beckett
Unser Geburtstagskind im März: Heinrich Mann
Unser Geburtstagskind für den Wintermonat Februar: Gertrude Stein
Ein Geburtstagskind im Januar: Edgar Allan Poe – Dichter der Struktur und des Schreckens
Geburtstagskind im Dezember – Emily Dickinson
Ein Geburtstagskind im November: Astrid Lindgren
Geburtstagskind im Oktober: Benno Pludra zum 100. Geburtstag
Das Geburtstagskind im September: Roald Dahl – Der Kinderschreck mit Engelszunge
Ein Geburtstagskind im August: Johann Wolfgang von Goethe
Hans Fallada – Chronist der kleinen Leute und der inneren Kämpfe
Ein Geburtstagskind im Juni: Bertha von Suttner – Die Unbequeme mit der Feder
Ein Geburtstagskind im Mai: Johannes R. Becher
Ein Geburtstagskind im April: Stefan Heym
Ein Geburtstagskind im März: Christa Wolf
Bertolt Brecht – Geburtstagskind im Februar: Ein literarisches Monument, das bleibt
Wie Banksy die Kunst rettete – Ein überraschender Blick auf die Kunstgeschichte
Ein Geburtstagskind im Januar: Franz Fühmann
Zauberberg 2 von Heinz Strunk
Denis Scheck ist am 13. April zurück mit „Druckfrisch“
Was Druckfrisch am 30. März verspricht
"Druckfrisch" mit Denis Scheck: Thomas Hürlimann und Sigrid Nunez zu Gast
Annie Ernaux erhält den Literaturpreis der Stiftung Würth
Neue Bücher bei "Druckfrisch": Kolonialgeschichte und Kommunalka
„Druckfrisch“ mit Denis Scheck: Benedict Wells und Helga Schubert zu Gast
"Druckfrisch" mit Denis Scheck: Über sprechende Besen und Autobahnraststätten
Mysteriöse Katastrophen und Korruption mit Denis Scheck
Druckfrisch - Jubiläumssendung am Sonntag, 27. Januar, um 23:35
Denis Scheck eröffnet am Sonntag die Kapitalismusdebatte
Denis Scheck empfiehlt „Das Buch der Spiegel“
Denis Scheck Am Sonntag, über Liebe, Leidenschaft und die Abscheulichkeiten des Lebens
Druckfrisch - Denis Scheck ist wieder da
ARD Druckfrisch: Denis Scheck präsentiert "Der goldene Handschuh" und "Im Kleid meiner Mutter"
ARD druckfrisch: Poetry Slam mit Nora Gomringer
Aktuelles
Bernhard Kegel: Rettung durch schnelle Evolution. Warum Arten unerwartet überleben – Die Natur antwortet
Hurra, der Sommer ist da
Ulf Poschardt: Bückbürgertum – Die Republik im Rückzug
Die gute Tochter von Karin Slaughter: Ein Thriller über Trauma, Familie und die Gewalt, die niemals verschwindet
Sebastian Fitzeks „Die Einladung“ wird 2027 als Theaterproduktion auf Tournee gehen
Das Buch Henoch: Die zensierte Apokryphe der Bibel – Rezension: Zwischen religiösem Geheimwissen und populärer Geschichtserzählung
Selfpublisher-Umfrage 2026: Neue Einblicke in die Entwicklung des Selfpublishings
Petra Morsbach: Orion
Wiedersehen mit mir selbst zwischen Pasta und Limoncello von Melanie Pignitter: Eine Reise nach Italien – und zurück zu sich selbst
Die Kinder des Wüstenplaneten von Frank Herbert: Der Roman, in dem die Dune-Saga ihre wahre Dimension entfaltet
Nathan Devers erzählt in „Gegen sich selbst denken“ von der Freiheit der Philosophie – und von einer Sprache, die den Glauben überlebt
Dunkle Sühne von Karin Slaughter: Ein düsterer Thriller über Schuld, Gewalt und die Geheimnisse einer Kleinstadt
Der Herr des Wüstenplaneten von Frank Herbert: Die geniale Fortsetzung, die den Mythos des Helden zerstört
Dune von Frank Herbert: Warum dieser Science-Fiction-Klassiker bis heute das Genre prägt
Wer wärst du ohne deine Sorgen? – Martin Wehrle sucht den Ausgang aus dem Gedankenkarussell
Rezensionen
John Fowles’ „Magus“: Der Roman, der seinen Lesern misstraut
Positive Psychologie von Johanna E. Kappel: Kann positives Denken das Leben wirklich verändern?
Die 4-Stunden-Woche von Tim Ferriss: Das Buch, das unsere Vorstellung von Arbeit und Freiheit verändert hat
Elisa Hoven: Feine Risse – Schuld, Wahrheit und die Grenzen des Urteils
Rabih Alameddine: Die wirklich wahre Geschichte von Radscha, dem Gutgläubigen (und seiner Mutter)
Die Frauen, die bleiben – Rafik Schamis spätes Mosaik der Erinnerung
Powerless – Die Flucht von Lauren Roberts: Die düstere Fortsetzung der BookTok-Sensation