Markus Gabriel gilt als einer der aufstrebendsten deutschen Philosophen der Gegenwart und als einer der bekanntesten Vertreter des Neurealismus. Mit seinem 2013 erschienenen Buch "Warum es die Welt nicht gibt" erregte er großes Aufsehen und landete einen internationalen Bestseller. In einem kürzlich im SPIEGEL veröffentlichen Interview äußerte sich Gabriel nun zu einer Debatte, die um den Populär-Philosophen und öffentlichen Intellektuellen Richard David Precht entflammt war, kurz nachdem dieser sich in einem Podcast zur Corona-Impfung äußerte. Gabriel sieht eine gewisse Gefahr darin, dass "Intellektuelle als diskursive Gefahr wahrgenommen werden".
Richard David Precht ist nicht nur ein Bestseller-Garant, sondern auch ein beliebter Talkshow-Gast. Die breite Öffentlichkeit schätzt die Ansichten des Philosophen, was nicht zuletzt daran liegen sollte, dass er es versteht, komplexe Sachverhalte allgemein verständlich darzustellen. Nicht verwunderlich, dass sich vor diesem Hintergrund Feinde formieren. Auch nicht verwunderlich, dass jene Feinde oftmals einem akademischen Milieu entstammen, oder sich zumindest einem solchen zuordnen lassen. Unterkomplex, vereinfacht, oberflächlich, lauten dann die Vorwürfe, als gäbe es einen anderen Weg als die Vereinfachung, um eine möglichst breite Masse für philosophische Themen zu begeistern. Aber die akademische Elite will elitär bleiben. Aus den Schießscharten ihrer Elfenbeintürme feuern sie, um sich gegen die Eindringlinge aus dem "einfachen Volk" zur Wehr zu setzen. Und diese Gegenoffensive nimmt zu. Seit einigen Jahren sind es nicht mehr nur die Bewacher der Elfenbeintürme selbst, die sich gegen die bedrohlichen Mächte der öffentlichen Intellektuellen richten. Man hat Fußvolk angeheuert. Menschen, die irgendwann mal irgendetwas studiert haben, und jetzt auf Twitter sind.
Precht und Flaßpöhler
Wie rigoros diese meist bildungsbürgerlichen Abkömmlinge in ihrer Funktion als selbsternanntes Korrektiv verfahren, wurde zuletzt nach einer Ausgabe der Sendung "Precht" deutlich, in der die Philosophin Svenja Flaßpöhler geladen war, um über das Thema "Sensibilität" zu sprechen. Kaum war die Sendung ausgestrahlt, hagelte es Kritiken. Man warf den Diskutierenden Inkompetenz vor. Mit Philosophie, so hörte man oft, hätte dieses Gespräch wenig zu tun gehabt. In einem Artikel der Autorin Magarete Stokowski heißt es unter anderem: "... man würde von jedem Uni-Seminar entsetztes Lachen ernten", würde man die Namen der beiden auf die Literaturliste setzen. Ob Stokowski hier gegen die biedere Voreingenommenheit der Studierenden, oder gegen die Bücher von Precht und Flaßpöhler argumentiert, bleibt, zumindest für nicht voreingenommene LeserInnen, offen. Warum sollte man Vorbehalte gegen ein noch nicht gelesenes Buch haben?
Wenige Wochen vor dem besagten Gespräch mit Flaßpöhler, erntete Precht bereits einen anderen Shitstorm (schön, dass die immer nur 2, 3 Tage anhalten). In dem Podcast "Lanz und Precht" äußerte er sich zur Corona-Pandemie und der mit ihr seit geraumer Zeit einhergehenden Impfdebatte. Precht meinte, man könne bisher keinerlei Auskünfte über die Langzeitfolgen der Impfung bei Kindern geben. Wie nicht anders zu erwarten, trieb diese Äußerung innerhalb kürzester Zeit sämtliche Social-Media-Revoluzzer auf die Barrikaden. Precht sei kein Mediziner, fachfremd und infolgedessen - ein weiteres Mal - inkompetent. Es geht hier nicht darum, ob Precht mit seinen Aussagen richtig oder falsch lag (darüber ist immer zu streiten und zu sprechen); sondern lediglich um die heftige Reaktion selbst, die suggeriert, dass es keinerlei Platz neben der Meinung und Überzeugung der Reagierenden geben darf. Die Ablehnung tritt an die Stelle der Auseinandersetzung. Auf Wisch weg -eine Tinder-Mentalität, die vermutlich auch Magarete Stokowskis Studierenden dazu treibt; ungelesene Bücher zu verurteilen.
Das "Intellektuellen-Bashing"
Nun hat sich einer der aufstrebendsten deutschen Philosophen, Markus Gabriel, auf reflektierte und ruhige Art und Weise zur Precht-Flaßpöhler-Debatte geäußert. In einem Interviewt dem SPIEGEL machte er deutlich, dass er ein "Intellektuellen-Bashing" für problematisch hält. Gabriel finde es "beunruhigend, dass Intellektuelle als diskursive Gefahr wahrgenommen werden". Er selbst hält Precht im Üprigen für keinen Philosophen, sondern für jemanden, der der Öffentlichkeit gesellschaftliche Imperative zur Verfügung stellt. Dass eine solche Tätigkeit gelegentlich mit Kritik einhergeht, ist klar. "Und doch fand ich es merkwürdig, wie heftig er wegen dieser einzelnen Aussage in einem Podcast verrissen worden ist. "
Die gegenwärtig geführte, öffentliche Debatten hält Gabriel indessen für recht irrational. Im Tages- und Wochentakt werden dieser Tage Wissensansprüche formuliert, die kaum länger als eine Woche bestand haben. Eine Situation, die äußerste Spannung innerhalb der Gesellschaft erzeugt. Der Philosoph plädiert dafür, geisteswissenschaftliche Ansätze innerhalb der Corona-Diskussion prominenter zu machen. Darauf aufbauend fordert er eine neue Aufklärung. Wir brauchen mehr Wissenschaft, "aber weniger von der Illusion, dass es die Wissenschaft gibt, der man folgen kann".
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