Christoph Hein - Verwirrnis Vom Unterdrückt-Sein der Liebenden

Christoph Hein hat mit "Verwirrnis" einen Roman über ideologische Verbote und die aus ihnen resultierenden Verzweigungen und Umwege geschrieben. Eine Geschichte der Repression, erzählt anhand einer Männerliebe in der DDR.

Quelle: Suhrkamp / Insel - Presse Eine Liebe, die Hindernisse und Unterdrückung überwinden muss. Christoph Hein schreibt mit "Verwirrnis" einen Roman über Ideologien und Widerstandsfähigkeit.

Er tastete behutsam die schmerzenden Stellen ab,...“ heißt es an einer Stelle des Romans, die man wohl als stellvertretend dafür nennen könnte, was Christoph Hein mit seinem Spätwerk „Verwirrnis“ unternommen hat. Während Hein mit dieser Geschichte ein weiteres Mal einen Teil der deutschen Geschichte abtastet, tastet sein Protagonist Friedeward Ringeling an der beagten Stelle seinen „Rücken und Hintern“ ab, um die ihn soeben vom Vater zugefügten Wunden zu versorgen. Pius Ringeling erwischte seinen Sohn soeben beim Liebesspiel mit Wolfgang, einen - aus seiner Sicht - Widernatürlichen, Perversen, der ins Zuchthaus gehört. Um seinem Sohn diese Unsitte - den „warmen Bruder“ - auszutreiben, greift Pius Ringling zum Siebenstriemer, sein bevorzugtes Züchtigungsinstrument, und lässt diesen auf seinen entblößten Sohn niedersausen: ...kalter Zorn lag in jedem Hieb.“.

"Was meinst du - sind wir....?"

„Verwirrnis“ erzählt von der Widerständigkeit einer Liebe, die sich nicht austreiben lassen will; weder von der Wucht eines Siebenstriemers, noch von gesellschaftlich auferlegten Repressionen. Friedeward lernt Wolfgang zu Beginn des 11. Schuhljahres kennen, als dieser neu in die Klasse kommt. Schnell wird ihm klar, dass er mehr als nur rein freundschaftliche Gefühle für den Neuankömmling hegt. Die beiden unternehmen viel gemeinsam, interessieren sich für die selben Bücher. Besonder Thomas Manns Novelle Tonio Krüger und Robert Musils Verwirrungen des Zöglings Törleß (der im Roman eine zentrale Rolle spielt) haben es den beiden angetan. Als ihnen im Zuge einer gemeinsamen Ostseereise klar wird, wie sie tatsächlich füreinander empfinden, beginnen sie zugleich Überlegungen darüber anzustellen, wie ihre Beziehung gerettet, d.h. in diesem Falle, geheim gehalten werden kann. Von hier aus folgt der Roman den beiden Männern über mehrere Jahrzente, über den Mauerbau bis zur Nachwendezeit, und fixiert anhand ihrer Biografien Charakteristika der deutschen Geschichte.

Eine glücklichere Zeit erlebt das Paar dann im Leipzig der 50er Jahre, ihrem gemeinsamen Studienort, der das katholische Heiligenstadt ersetzt. Hier bauen sich die beiden jungen Männer Scheinbeziehungen auf – Wolfgang mit einer Frau, die nichts von seiner Homosexualität ahnt, Friedeward mit einer Kostümbildnerin, die ihrerseits in einer homosexuellen Beziehung mit einer Dozentin lebt. So werden kurzzeitig legitime Gebilde erschaffen, hinter denen man den eigenen, verbotenen Begehren nachgehen kann. Doch die deutsche Geschichte hält bereits eine nächste Herausforderung bereit.

Die trennende Mauer

Am 13. August 1961 wird die Berliner Mauer hochgezogen. Zum ersten mal sind Wolfgang (der inzwischen nach Westberlin gegangen ist, um bei einer Koryphäe der Kirchenmusik zu studieren) und Friedeward (der in Leipzig blieb um einer akademieschen Laufbanhn bei dem legendären Germansiten Hans Mayer nachzugehen) im strengen Sinne physisch voneinader getrennt.

Der letzte Teil des Romans konzentriert sich dann auf Friedewards akademische Laufbahn an der leipziger Universität. Besonders herausgehoben werden hier die polemischen Gefechte des Hans Mayer, den die Studierenden an der Universität „Goethe höchst selbst“ nennen und der bis heute zu einer der schillerndsten Persönlichkeiten der Literaturwissenschaft gehört. Als Hans Mayer dann um 1963 nach einem Arbeitsaufenthalt in Westdeutschland nicht mehr nach Leipzig zurückkehrt, wütet an der Hochschule die „sozialistische Inquisition“, die Mayer-Anhänger und Studenten zunehmend unter Druck setzt. Friedewald ist derweil zu einem anerkannten Literaturdozent an der Hochschule geworden und lässt sich von diesen internen Herausforderungen nicht beirren. Seine Homosexualität jedoch - und dies ist ein wichtiger Kern dieser Geschichte - hält er bis zu seinem Lebensende 1993 geheim (obwohl homosexuelle Handlungen unter Erwachsenen seit Ende der 50er jahre in der DDR nicht mehr bestraft wurden). So bleiben die eingeprügelten Restriktionen des Vaters bis zum Schluss in Friedewards bestehen.

Sprache einer Chronik

Wie auch in seinen früheren Werken erzählt Christopf Hein seine Geschichte in einer kühlen, chronologischen Sprache. So werden beispielsweise erotische Szeenen im Roman recht knapp und reduziert geschildert. In den Dialogen ist kaum ein Unterschied zwischen den Tönen und der Wortwahl der beiden Männern herauszulesen. Doch lag das Augenmerk Heins wohl auch weniger auf facettenreiche Dialoge als darauf, deutsche Geschichte beispielhaft und anschaulich zu erzählen. Und dies ist hier durchaus gelungen.

"Verwirrnis", Christoph Hein, Roman, erschienen im Suhrkamp Verlag, gebunden, 303 Seiten, 22 Euro



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