Mit 5 PS, erstmals veröffentlicht 1928 im Ernst Rowohlt Verlag, Berlin, umfasst rund 100 Texte in 15 Kapiteln auf 379 Seiten. Kurt Tucholsky widmete diese Sammlung dem Schriftsteller Jakob Wassermann – einem Kollegen, der wie er an der deutschen Sprache rieb, aber in anderen Tonlagen. Was äußerlich wie ein Sammelband wirkt, ist in Wahrheit ein vielstimmiges Protokoll der Weimarer Republik – geschrieben von einem Autor, der sich nicht auf eine Perspektive festlegte, sondern vier Persönlichkeiten erfand, um sich die Welt aus verschiedenen Winkeln vorzunehmen:
Peter Panter denkt scharf und präzise, Theobald Tiger reimt mit spitzer Feder, Ignaz Wrobel protokolliert sachlich und hart, Kaspar Hauser fühlt mit abgewetztem Idealismus. Zusammen bilden sie kein literarisches Ensemble, sondern eine publizistische Waffe – mit Sprachwitz, Satire und moralischem Widerstand.
Literatur als Frühwarnsystem
Fast 100 Jahre nach dem Erscheinen liest man dieses Buch nicht als nostalgisches Dokument, sondern als Frühwarnsystem mit literarischen Mitteln. Tucholsky beschreibt keine Ereignisse, sondern Zustände. Und diese Zustände – Machtmissbrauch, Bürokratie, politische Kälte, männliche Eitelkeit, kulturelle Fluchtpunkte – lassen sich ins Heute ohne großen Bedeutungsverlust übersetzen.
Die Zentrale
Der berühmteste Text der Sammlung ist ohne Frage Die Zentrale. In nur wenigen Absätzen entwirft Tucholsky das Psychogramm eines Apparates, der nicht auf Lösung, sondern auf Selbsterhalt ausgerichtet ist.
„Einer hackt Holz, und dreiunddreißig stehen herum – die bilden die Zentrale.“
Mehr muss man zur Organisationskritik des 20. und 21. Jahrhunderts nicht sagen. Die Ironie dieses Textes liegt darin, dass sie nicht entwaffnet, sondern entlarvt. Wer ihn heute liest – im Großraumbüro, im Bezirksamt, im Konzern – erkennt ihn wieder. Nicht als Historie, sondern als Zustand mit anderen Mitteln.
Chef-Erotik
Ein anderer Glanzpunkt: Chef-Erotik. Der Text beginnt harmlos, fast klatschhaft: „… und dann hat er seine Sekretärin geheiratet.“ Doch schnell wird klar: Tucholsky beschreibt hier keine Romanze, sondern ein Beziehungsgefüge, das von Nähe, Macht und sprachlichem Selbstbetrug lebt. Der Erzähler gibt sich als reflektierter Mann, doch Tucholsky legt seine Ausflüchte bloß:
„Es war nichts, aber auch nichts als die Nähe, die ihn dahin trieb.“
Das ist kein Bekenntnis, sondern eine Selbstrechtfertigung im Stil der Besitzstandswahrung. Chef-Erotik ist nicht über Liebe – es ist ein Text über Gewöhnung, Verdrängung und Hierarchie.
Plötzensee
Ein Text, der heute fast weh tut: Plötzensee. Tucholsky bespricht hier ein kleines, mittlerweile vergriffenes Buch über das Gefängnisleben im Vorkriegs-Berlin. Er macht sich lustig über das Kitschige, aber lobt den Ton, die Sprache, die Nähe.
„Immer mit die Ruhe“,
sagt Käse-Karl, einer der Knast-Philosophen, deren Sprüche Tucholsky liebevoll zitiert.
Was er nicht ahnt: Wenige Jahre später wird Plötzensee zu einem der zentralen Hinrichtungsorte des Nationalsozialismus. Der Text bekommt dadurch eine Dimension, die er 1925 nicht haben konnte – aber heute unausweichlich mitgelesen werden muss.
Der kleine Mann, das große Ego
Weniger tragisch, aber nicht minder präzise ist Tucholskys Porträt des deutschen Kleinbürgers in der Figur des Herrn Wendriner. In kurzen Szenen („Herr Wendriner telephoniert“, „… beerdigt einen“, „… betrügt seine Frau“) zeigt sich ein Mensch, der sich für die Mitte der Welt hält – und dabei nichts versteht. Wendriner ist nicht böse, er ist bequem, blasiert, witzig auf eigene Kosten, ein Typus, der nichts dazulernt, aber jede Meinung hat.
Tucholsky begegnet ihm nicht mit Hass, sondern mit einer Art satirischer Fürsorge. Er schreibt ihn nicht nieder, sondern aus – als Symptom einer Zeit, in der Bildung und Besitz längst nicht mehr garantieren, dass jemand weiß, worum es geht.
Rheinsberg revisited
Und dann ist da natürlich Rheinsberg, Tucholskys eigener kleiner Bestseller, den er in einem Nachwort selbst zerlegt – mit der ihm eigenen Mischung aus Überheblichkeit, Sentimentalität und Souveränität. Er erzählt, wie das Buch entstand, wie der Verleger zögerte, der Illustrator absah und Claire, die Geliebte, heute in Ducherow lebe – angeblich gegen 25 Pfennig Eintritt zu besichtigen.
Der Text ist eine literarische Revue des Erinnerns – nicht nostalgisch, sondern scharf montiert. Am Ende steht ein Bild: ein junger Mann im Jahr 1985, der den Band seiner Großmutter findet. Und sie lächelt – nicht über das Buch, sondern über die Zeit, die es einmal bedeutete.
„Weil aber die Zeit läuft und sich das, was zwischen den Zeilen eines Buches ausgedrückt ist, niemals länger als fünfzig Jahre hält …“
Tucholsky wusste um die Halbwertszeit von Emotionen. Und gerade deshalb lesen wir ihn weiter – weil er die Mechanismen dahinter entlarvt.
Ein Blick auf die Form
Was Mit 5 PS außerdem besonders macht: die Mischung der Formen. Tucholsky wechselt zwischen Versen, Miniaturen, Gerichtsreportagen, Dialogen, Essays, Reiseeindrücken und Polemiken. Er bleibt nie in einem Ton. Er ist wütend, dann wieder verspielt, dann melancholisch, dann kalt. Aber nie beliebig. Stil ist bei ihm nicht Pose, sondern Werkzeug.
Und er wusste, wie Literatur funktioniert – nicht als Endprodukt, sondern als Eingriff. Die Texte erschienen ursprünglich in der Weltbühne, oft wöchentlich, als Reaktion, als Kommentar, als Form von intellektueller Intervention. Mit 5 PS ist also auch ein literarischer Kalender einer fragilen Demokratie.
Fast hundert Jahre später
Heute, im Jahr 2025, liest man Mit 5 PS mit doppeltem Blick. Einerseits als Zeitdokument – ein Buch, das den Tonfall einer Gesellschaft konserviert, die sich zwischen Avantgarde, Absturz und Aufrüstung bewegte. Andererseits als aktuelle Lektüre, die immer noch zu viel Gegenwart enthält, um sich beruhigt zurückzulehnen.
Denn was Tucholsky beschreibt – Macht, Sprache, Rhetorik, Bürokratie, Liebe als Funktion, das verlogene Bürgertum – ist nicht verschwunden. Es hat nur seinen Dresscode gewechselt.
Digital zugänglich und dringlich aktuell
Wer selbst lesen möchte, muss nicht lange suchen: Mit 5 PS steht vollständig online bei Wikisource zur Verfügung. Die Texte sind sorgfältig transkribiert, kostenlos zugänglich – und ein Geschenk an jeden, der wissen will, wie Literatur wirken kann, ohne laut zu werden.
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