Manchmal sind es Orte, die sich ins Gedächtnis brennen. Kaleb Erdmanns Die Ausweichschule erzählt von so einem Ort. Nach dem Amoklauf am Erfurter Gutenberg-Gymnasium 2002 werden die Kinder in ein anderes Gebäude gebracht – Übergangslösung nennt man das. Für den Erzähler, damals elf Jahre alt, wird es zum Symbol: ein Raum des Dazwischen, in dem nichts zur Ruhe kommt.
Zwanzig Jahre später ist der Junge erwachsen, Schriftsteller, äußerlich gefestigt. Doch eine Anfrage aus der Theaterszene bringt das alte Beben zurück. Erinnerungen steigen auf, und mit ihnen Fragen, die nicht verschwinden wollen: Darf ich das erzählen? Muss ich das erzählen? Oder überhebe ich mich, wenn ich über etwas schreibe, das so viele andere viel härter getroffen hat?
Stimmen, die sich überlagern
Erdmann lässt drei Stimmen ineinanderfließen. Den Elfjährigen, der die Katastrophe erlebt, ohne sie zu verstehen. Den Erwachsenen, der spürt, dass Verdrängung nur eine dünne Decke war. Und den Autor, der mitten im Schreiben merkt, dass ihm der Boden unter den Füßen weggezogen wird.
Der Täter, die Tat – sie stehen nicht im Mittelpunkt. Stattdessen das Danach. Das lange Schweigen, die Rückkehr in eine „Normalität“, die mehr Zwang als Trost ist.
Ein Roman, der sein eigenes Fragen nicht loswird
Im Kern dreht sich Erdmanns Buch um eine Zumutung: Kann man von einem Trauma sprechen, wenn man das Grauen zwar überlebt, aber nicht gesehen hat? Wenn kein Blut, kein Mordbild die Erinnerung prägt – sondern das Evakuieren, das Warten, das Danach? Der Erzähler kreist um diese Leerstelle, die so schwerer wiegt als das Spektakuläre. Denn die Tat selbst entzieht sich ihm, aber die Folgen nisten sich ein: Angst, Verstörung, das Gefühl, keinen festen Boden mehr unter den Füßen zu haben.
Fast kippt das Schreibprojekt aber ausgerechnet dieses Kippen wird zum eigentlichen Motor. Das Nicht-gesehene, das Nicht-gelingende, das Verstummen – es treibt den Text voran. Und die paradoxe Pointe bleibt: Dass ein Roman, der sein eigenes Trauma anzweifelt, am Ende doch in Händen liegt.
Schule als Un-Ort
Die Schule in diesem Text ist kein geschützter Raum. Sie ist Bühne für Unsicherheit, für Druck, für das Übersehenwerden. Kinder, die still bleiben, weil sie ohnehin niemand hört. Jugendliche, deren Probleme belächelt werden, während die Erwachsenen ihre Routinen pflegen. Erdmann beschreibt das, ohne Schuldige zu verteilen. Er zeigt, wie sich Schweigen über alles legt – und wie zerstörerisch das sein kann.
Sprache, die tastet
Erdmanns Sprache bleibt streng, beinahe spröde. Pathos hat hier keinen Platz. Wenn er Distanz braucht, setzt er kleine Brechungen: Ironie, ein absurdes Detail, das im Gedächtnis hängenbleibt. Ein Kühlschrank voller Schweinedarm – beiläufig erwähnt, grotesk und doch haften bleibend. Solche Irritationen verhindern glatte Betroffenheit. Sie machen den Text sperrig, aber offen.
Autofiktion und Angst
Die Ausweichschule ist auch ein Buch über mentale Gesundheit. Der Erzähler ist traumatisiert, lebt mit Angststörungen – und ringt mit der Frage, ob er daraus Literatur machen darf. Erdmann verknüpft Autofiktion mit Reflexionen über Kriminalität und Gewalt, ohne ins Private zu kippen. Persönliches bleibt hier nicht Pose, sondern Prüfstein: ein ständiges Abtasten, ob Schreiben erlaubt ist.
Erinnerung als Zumutung
Erdmann legt Schicht um Schicht frei. Schuld. Schweigen. Verantwortung. Nicht, um zu erklären, sondern um zu zeigen, wie lange etwas nachwirkt. Erinnerung heilt hier nichts. Aber sie bleibt notwendig – als Zumutung, als Last, als einzige Möglichkeit, nicht völlig zu verstummen.
Über den Autor Kaleb Erdmann
Kaleb Erdmann, 1991 in Erfurt geboren, überlebte selbst als Fünftklässler den Amoklauf. Er studierte Literarisches Schreiben in Leipzig, dazu Soziologie und Politische Theorie. Er war Finalist beim open mike, schrieb Theatertexte, arbeitete fürs Fernsehen. Für sein Debüt Wir sind Pioniere erhielt er den Debütpreis der lit.Cologne. Die Ausweichschuleist sein zweiter Roman. Erdmann lebt in Düsseldorf.
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