Bonnie Garmus: "Eine Frage der Chemie" "Eine Frage der Chemie": Wider den Kategorien

Bonnie Garmus schreibt über eine starke, selbstbewusste Wissenschaftlerin, die sich, von ihrer Leidenschaft getrieben, den gesellschaftlichen Normen widersetzt. Am Ende tauscht der Roman jedoch Leidenschaft gegen Kitsch. Bild: Piper Verlag

Bonnie Garmus "Eine Frage der Chemie" ist ein außerordentlicher Erfolg. Innerhalb kürzester Zeit eroberte der Roman die Spitze der Spiegel Bestsellerliste, rief Kritikerinnen und Kritiker auf den Plan, die sich beinahe einstimmig begeistert von der hier vorgeführten Protagonistin Elizabeth Zott zeigten, die die landläufigen Stereotype "Karrierefrau" und "Hausfrau" über den Haufen wirft. Am Ende des Buches steht die begeisterte Chemikerin, den Laborkittel umgehängt, in der TV-Show "Essen um sechs" und zeigt: Der Kochlöffel muss längst kein Instrument der Unterdrückung mehr sein.

Das, was Bonnie Garmus Roman "Eine Frage der Chemie" zunächst bemerkenswert erscheinen lässt, sollte uns zugleich zu denken geben. Im Mittelpunkt dieses Buches steht ein Phänomen, welches - von Büchern, Filmen und Serien abgesehen - immer seltener anzutreffen ist: Die Leidenschaft. Es ist nicht etwa die banale, Frage "Haus- oder Karrierefrau", sondern die Getriebenheit der Protagonisten Elizabeth Zott, die uns augenblicklich in den Bann zieht. Diese Leidenschaft ist so überwältigend, dass die Chemikerin Elizabeth keinen Unterschied zwischen wissenschaftlicher Arbeit und Essenszubereitung macht. Geht man von der Dichotomie Haus- und Karrierefrau aus, so möchte man mit diesem Roman sagen: Lieber leidenschaftlich Kochen, als unberührt an der Spitze eines Konzerns stehen. Umgekehrt gilt das natürlich dasselbe - auch wenn sich darüber streiten lässt, wie viel Leidenschaft konkrete Planung und Führung zulassen.

Eine schwierige Zeit für Wissenschaftlerinnen

Angesiedelt ist der Roman in den 1960er Jahren, noch bevor die studentischen Revolten vom Zaun brachen und die zweite Welle der Frauenbewegung dafür sorgte, dass man gesellschaftlich große Schritte in Richtung Gleichberechtigung ging. Eine Zeit, in der Wissenschaftlerinnen mit wesentlich mehr männlichen Gegenwind zu kämpfen hatten. Entsprechend hart ist auch der Weg, den die hochbegabte Studentin Elisabeth Zott hinter sich brachte. Sie kommt aus schwierigen Verhältnissen, ist an der Uni weitestgehend auf sich allein gestellt, wird nicht promoviert, weil sie einen Annäherungsversuch ihres Doktorvaters abwehrt. Es sind Erfahrungen und Erlebnisse, die aus der Protagonistin eine ebenso souveräne wie kalte, oft kaltschnäuzig Figur machen, deren Wärme und Herzlichkeit ihrer Leidenschaft für die Chemie entspringen.

Schnell wird klar, dass Zott auch hinsichtlich der wissenschaftlichen Expertise den Männern weit überlegen ist. Auch ein Grund, warum sie häufig auf Ablehnung trifft. Eine Ausnahme bildet der ebenso geniale Chemiker Calvin Evans, den sie im Zuge ihrer Arbeit als Laborassistentin kennenlernt. Die beiden verlieben sich. Heiraten aber, will Elizabeth nicht. Ihre Unabhängigkeit ist ihr weiterhin wichtig. Nachdem Calvin bei einem tragischen Unglück ums Leben kommt, muss sich die inzwischen schwangere Elizabeth allein durchkämpfen.

Ein Happy-End, auf das man gut hätte verzichten können

Nachdem die starke und widerspenstige Protagonistin von einem Fernsehproduzenten entdeckt wird, beginnt sie als Fernsehköchin in einer Kochshow zu arbeiten. Mit Laborkittel tritt sie vor die Kamera und zeigt dem Publikum, welche chemischen Prozesse sich im Kochtopf vollziehen. Hier, im Lichte der Öffentlichkeit, schließt sich der Kreis nun. Elizabeth verbindet ihre beiden großen Leidenschaften, das Kochen und die Chemie, mit Lebensweisheiten, die sie an die Zuschauer richtet. Sie spricht von Selbstbewusstsein, Mut, und Lebenswandel; ermutigt eine Mutter im Publikum, nachdem diese erklärt, sie hätte immer Ärztin werden wollen, es aber "nur" geschafft, fünf Kinder zu bekommen. Diese allzu kitschig angerührten Momente gegen Ende des Buches rauben dem Roman einiges an Kraft. Schließlich ist der Kampf, der mit Frauen wie Elizabeth Zott beginnt, längst nicht ausgekämpft. Von einem harmonischen Miteinander kann kaum die Rede sein.

Dass die Leidenschaft als persönlichkeitstärkendes Element in das Zentrum eines Gesellschaftsromans gerückt wird, ist angesichts der vielen uns umgebenen Grabenkämpfe in jedem Falle begrüßenswert. Auch die Auflösung der disjunktiven "Kochen-Karriere"-Achse tut zunächst einmal gut. Im Roman wird dieser Aspekt allerdings etwas zu kitschig und heroisch dargestellt. Jene Leidenschaft, die die Protagonistin weite Strecken des Romans immer energischer und stärker werden lässt, kippt gen Ende in Wohlbefinden und familiärem Beisammensein.


Bonnie Garmus: "Eine Frage der Chemie"; Piper Verlag; 460 Seiten, 22, 00 €


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