Christian Baron - "Schön ist die Nacht" Glanz und Staub der Freunde und Kupferstecher

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Christian Baron schließt mit seinem Roman "Schön ist die Nacht" an sein autobiografisches Buch "Ein Mann seiner Klasse" an. Wo er im letzten Erinnerungen aufbereitete, ist nun zur Fiktionalisierung gezwungen. Gelingt ihm das? Bild: Claassen Verlag

In seinem Roman "Schön ist die Nacht" nimmt Christian Baron das prekäre Leben jener Schicht in den Blick, die in der Bundesrepublik der 70er Jahre zwischen Plackerei und Arbeitslosigkeit, zwischen hoffnungsvollen Aufschwüngen und tiefgreifenden Enttäuschung, zwischen heute und morgen meist nichts als Dreck und Schnaps zu sehen und schmecken bekam. Es ist Barons erster Roman. Wo er in dem Vorgänger-Buch "Ein Mann seiner Klasse" - an welches "Schön ist die Nacht" in gewisser Weise anschließt - hautnahe Erfahrungen und Erlebnisse niederschreiben konnte, musste er hier fiktionalisieren. Ein folgenschwerer Unterschied ...

Im Frühjahr 2020 veröffentlichte Christian Baron mit seinem Debüt "Ein Mann seiner Klasse" einen Roman, der die tiefen Abgründe einer prekären Kindheit aufzeigte, von Suff und Schlägen erzählte und - gerade das schien Bürgerinnen und Bürger zu überraschen - deutlich machte, dass es auch in der Bundesrepublik so etwas wie ein Lumpenproletariat gab. Barons Roman, der als literarische Verarbeitung seiner zuvor erschienenen Streitschrift "Proleten, Pöbel, Parasiten" gelesen werden kann, hat wohl maßgeblich dazu beigetragen, dass der Begriff Klassismus hierzulande wieder aus der Senke gehoben, ins Licht des öffentlichen Diskurses gerückt und etwas ausgiebiger diskutiert wurde. Seine brutalen, schonungslosen Schilderungen trafen die Kritik damals mehr oder weniger unvorbereitet. Um sich zu retten, bedienten sich einige Rezensenten des guten alten Blicks über die deutschen Grenzen hinaus, suchten in anderen Ländern nach Vorbildern, fanden unter anderem den französischen Intellektuellen Didier Eribon, verglichen ihn - unfairerweise - mit Baron, und hatten so ihren Ansatz gefunden.

Dass sich Barons Prosa signifikant von Eribons Analysen unterscheidet, braucht kaum erwähnt werden. "Ein Mann seiner Klasse" hatte es kaum über die Milieuschilderung hinausgeschafft. Die Geschichte lebte maßgeblich von der Tatsache, dass die mit ihr geschilderten Ereignisse vom Autor persönlich durchlebt wurden. Das Faszinierende an "Ein Mann seiner Klasse" war, dass wir es mit einem Buch zu tun gehabt hatten, welches selbst wie ein Kapitel aus Christian Barons gelebter Aufstiegserzählung gelesen werden konnte - Inhalt der Veröffentlichung und die Veröffentlichung selbst deckten sich, immer waren da die Schläge und die Gewaltexzesse des Vaters auf der einen, und der sich aus diesen Umständen befreiende Autor auf der anderen Seite. Diese Dopplung fällt bei Barons neuem Buch, dem Roman "Schön ist die Nacht", weg. Hier tritt Fiktion an die Stelle von Erinnerung. Aber worum geht es?

Das Materielle, das das Zwischenmenschliche macht

Waren es im Erstling die Eltern, die Baron schonungslos in den Blick nahm, so sind es hier die Großeltern, die im Mittelpunkt der Geschichte stehen. Mit Horst Baron und Willy Winkler begegnen uns zwei Männer, deren Beziehung man durchaus als "toxisch" bezeichnen kann. Dabei ist es vor allem Willy, der unter der Zweisamkeit leidet. Ständig wird er von Horts angepumpt, muss aushelfen, wird hintergangen und ausgenutzt. Allenthalben ist da der vermeidlich beste Freund, der Willys Plan, ein möglichst anständiges und lebenswürdiges Leben auf die Beine zu stellen, unterbricht, zerstört. Baron zeigt hier, wie Systemzwänge mit Freundschaften kollidieren, wie die Aussicht auf schnelles Geld und Wohlstand Beziehungen erschaffen, festigen, porös werden lassen und niederreißen kann. Schnell wird klar, was bis heut noch stimmt: Zwischenmenschliches baut auf Materielles, Bilderbuchfreundschaften und romantische Liebe sind Narrative aus der Marketingabteilung der Privilegierten.

Barons Protagonisten zu folgen bedeutet sich darauf einzulassen, aufkommende Hoffnungsschimmer immer wieder erlöschen zu sehen - ein ständiges Auf-und-Ab durch Dreck, Suff und Gewalt ist das. Eine Geschichte, an deren Anfang ein verheißungsvoller Blick steht, der Blick Horsts nämlich, der, viele Jahre bevor die erzählte Geschichte einsetzt, als Kind auf die drei Etagen einer zerbombten Villa schaut und träumt: "Das will ich auch einmal haben". Die wahnwitzige Idee aber, Wohlstand könne in jedem Falle erarbeitet werden, wird von diesem Roman nahezu zertrümmert. Den Glauben an dieser Wohlstand-Erzählung sehen wir in der Figur Willy angelegt, der durchweg darum bemüht ist, ein "anständiger" Kerl zu sein. Ihn gegenüber tritt Horst, der als Dissident aller für ihn denkbaren Systeme auftritt, sowohl den Kapitalismus als auch den Sozialismus verachtet, sich mit Händen und Füßen zur Wehr setzt, ohne eine systemische Alternative anbieten zu können.

Sicher, mit dem Aufzeigen all dieser Widersprüchlichkeiten skizziert Baron die Bundesrepublik der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts, zeigt das Wirken der Zeiten, zeigt Ausbeutung und Hoffnung, Staub und Niedertracht. Barons Roman erzählt eine Geschichte, die bis in Heute hineinragt und die in der Bundesrepublik 2022 zumindest partiell ihre Entsprechungen findet. Wütende, blinde Ablehnung aller Regierungsformen - das ist uns nicht neu. Auch die Phantasielosigkeit, wenn es darum geht, neue Wege zu schaffen, kennen wir gut.

Christian Baron, ein Erzähler?

Im Prinzip schreibt Christian Baron seinen Roman mit journalistischer, nicht mit schriftstellerischer Neugierde. Er schreibt eine historische Analyse, bildete ab, erschafft aber nicht. "Schön ist die Nacht" ist kein Kunstwerk. Viel mehr handelt es sich hierbei um die Aneinanderreihung von Szenen und Dialogen, die, aufeinandergetroffen, nichts entstehen, nicht trauern, nicht hassen, nicht hoffen und nicht schreien lassen. Einige Figuren - Hulda, die kommunistische Mutter Willys beispielsweise - sind durchweg Papier. Wie eine Fußnote wird diese Hulda eingeführt, scheinbar einzig und allein, um den Kommunismus als politische Spielart ins Rennen zu schicken. Barons auktorialer Erzähler erzählt passagenweise so, wie auch die Protagonisten sprechen, wodurch die so wichtige, weil kühle Distanz immer wieder gebrochen wird. Begrüßungen und Redewendungen wie "Alter Freund und Kupferstecher" kommen uns allenthalben unter, sind unpräzise gesetzt, so als hätte man sie im Lektorat mit der Gießkanne über den gesamten Text geschüttet. Keine ungefährliche Angelegenheit; bergen Formulierungen dieser Art doch die Gefahr in sich, den Roman passagenweise beinahe ins folkloristische driften zu lassen.

"Ein Mann seiner Klasse" lebte durch Erinnerungen. Die Schilderungen in diesem Buch waren eindrücklich, nah, schmerzhaft. Als Werk selbst erhob Barons erstes Prosastück auch nicht unbedingt den Anspruch, Literatur sein zu wollen. Es trat vielmehr als literarisches Exzerpt einer größeren soziologischen Betrachtung in Erscheinung. Bei "Schön ist die Nacht" liegt die Sache anders. Wo fiktionalisiert werden muss, öffnen sich zugleich andere Räume, die anders zu betreten sind.


Christian Baron - "Schön ist die Nacht" / Claassen Verlag / 384 Seiten / 23 €



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