Zum Holocaust-Gedenktag Vom Verstummen...

"Der Tod ist ein Meister aus Deutschland" - dieser wohl berühmteste Satz des Dichters Paul Celan ist um die Welt gegangen. Geschrieben wurde er vor dem Hintergrund unaussprechlicher Taten, vor den Gräueln des Holocausts, denen Celans Eltern zum Opfer fielen. Der fortan heimatlose Dichter spricht und schreibt in der Sprache der Mörder seiner Eltern; eine Sprache, in der zugleich jene Schriftsteller schrieben, von denen Celan bereits von frühster Kindheit an begeistert war: Friedrich Hölderlin, Heinrich Heine, Franz Kafka. Celan dichtet. Unaufhörlich. In seinen Texten verarbeitet er nicht das Erlebte, sondern bildet ab, wie mit dem Erlebten zu leben ist. 1970 wird Celans Leichnam in der Seine gefunden. Da war dann die Stummheit, von der er so häufig sprach.

Der Dichter Paul Celan hatte Zeit seines Lebens mit der ihm von sich selbst auferlegten Schuld zu kämpfen, seine Eltern im Stich gelassen zu haben. Er schrieb ins Flüstern hinein, in die Stummheit. Die Sprache war seine einzige Heimar, und doch jedes Wort zu grell, zu laut. Bild: Wikipedia / Autor unbekannt

"Komplexe Emotionen und Gedanken lassen sich am Besten durch größtmögliche Vereinfachung vermitteln", war der amerikanische Maler Mark Rothko überzeugt. Durchstreifen wir, diesen Gedanken im Hinterkopf, das Werk und Leben des abstrakten Expressionisten, dann werden wir mit jedem Schritt weniger Töne vernehmen können. Weniger Töne; das bedeutet auch, die wenigen verbliebenen umso intensiver wahrzunehmen. Schrecken, Freude, Angst, Gewalt in den Ecken einer Farbe, am Abgrund eines Klanges zu entdecken. Den Zwiespalt im Rot, das in Gesellschaft nicht abendlich wirkte, und jetzt allumgreifend, einsam, laut. Aber was kommt nach einem solchen letzten Ton? Was, wenn die künstlerische Reduktion an ihr Ende gelangt ist? Rothko musste weiter ins Stumme. Die leere Leinwand aber, war keine Alternative, wäre nur ein der Umwelt ausgelieferter Körper. Unser Weg endet schließlich im Atelier des Malers, vor seinem reglosen Körper. Mark Rothko, für viele der bedeutendste Vertreter des abstrakten Expressionismus, begeht am 25. Februar 1970 Suizid. Die größtmögliche Vereinfachung als Antwort auf komplexe Emotionen.

Das Werk des Dichters Paul Celan, in welchem sich - was die Erzährichtung anbelangt - vielerlei Überschneidungen mit dem Rothkos erkennen lassen, verweist auf eine andere Wunde. Rothko litt sein Leben lang unter manisch-depressiven Zuständen; sein Suizid ist mit großer Wahrscheinlichkeit auf seine Krankheit zurückzuführen. Celans Wunde hingegen war keine angeborene, kein psychischer Defekt. Der Beginn seines Weges hin zum allmählichen Verstummen kann, jedenfalls grob, datiert werden.

Der Auftakt

Celan wird am 23. November 1920 in dem heut westukrainischen Städtchen Czernowitz geboren. Bereits als Kind ist er vom geschriebenen Wort fasziniert, lernt Gedichte auswendig, liest begeistert Kafka, Heine und Hölderlin. Schließlich beginnt er selbst zu schreiben, studiert später Romanistik. Der Zweite Weltkrieg ist zu dieser Zeit bereits ausgebrochen. Die Rumänen, die das damalige Czernowitz nach der Besetzung der Sowjets wieder übernommen haben, unterstützen die Deutschen bei der Judenverfolgung.

In der Nacht vom 27. auf den 28. Juni 1942 kehrt Paul Celan nicht heim. Offenbar hält er sich irgendwo in der Stadt versteckt. Am nächsten Tag sind seine Eltern verschwunden, die Haustür verriegelt. Das Verstummen beginnt. Celan muss sich zum Arbeitsdienst melden, um einer Deportation zu entkommen. Seine Eltern werden im Zwangsarbeitslager in Michailowka umkommen. Sein Vater stirbt an Typhus; seine Mutter, arbeitsunfähig, wird von einem SS-Mann erschossen. Nach der Einnahme von Czernowitz durch die Rote Armee, kehrt Celan in seine Heimat zurück. Er nimmt sein Studium wieder aufnimmt, verdient ein wenig Geld mit Übersetzungen. Seine Tage aber, haben sich längst verfinstert.

"... sein Auge ist blau"

"Schwarze Milch der Frühe wir trinken sie abends/ wir trinken sie mittags und morgens wir trinken sie nachts/ wir trinken und trinken" - In Czernowitz zurückgekehrt, schreibt Celan sein wohl berühmtestes Gedicht "Todesfuge". In der Sprache der Mörder seiner Eltern versucht er seinen Schmerz zu verarbeiten, seinem Leid Ausdruck zu verleihen. Betrachtet man Celans Werk in Gänze, so erscheint "Todesfuge" als eines der direktesten, der deutlichsten Gedichte. Es ist das furchtbar-frische Trauma, welches hier ergriffen und - wie in einem Atemzug - in Worte übersetzt wird. Ein Trauma, dass an der Person Celan fortan arbeiten wird, und sich schließlich auch in der poetischen Sprache des Dichters niederschlägt.

Diese wird zunehmend kryptischer. Gestückelte, angerissene Sätze, deren Ende weder denk- noch sag- oder schreibbar wären. Celans Lyrik scheint eine wiederholte Suche nach einem ein Ausgang versprechenden Anfang zu sein. Die Reduktion auf das Gewicht des einzelnen Wortes entspricht der Fokussierung Rothkos auf die Kraft der einzelnen Farbe. Die größtmögliche Vereinfachung, die komplexeste Emotion.

Die Heimat, die Sprache

1947 gelangt Celan mithilfe eines Schmugglers über Ungarn nach Wien. Hier lernt er die Dichterin Ingeborg Bachmann kennen, mit der ihn Ende der vierziger bis Anfang der fünfziger Jahre eine Liebesbeziehung verbindet. In den literarischen Wiener Kreisen finden Celan Anerkennung, kann als Dichter erste Erfolge feiern. Doch es fehlt das Gefühl der Heimat, der Sicherheit. Er zieht weiter. Schon 1948 siedelte er nach Paris über, wo er 1951 die Künstlerin Gisèle Lestrange kennenlernt. Mitte der Fünfziger Jahre nimmt er die französische Staatsbürgerschaft an. Heimisch aber, fühlt er sich auch hier nicht.

Es kommen die Jahre der schweren Depressionen. Die Worte reichten nicht. Zu tief sitzt die Schuld, die sich Celan auferlegt und die ihn quält, die Schuld, seine Eltern im Stich gelassen zu haben in jener Nacht, als er sich versteckt hielt. Nachdem er seine Ehefrau im Wahn mit einem Messer bedroht, lässt er sich - vom 28. November 1965 bis 11. Juni 1966 - mehrmals in psychiatrische Kliniken einweisen. Die Sprache wird karger, zittert. Die Strophen seiner Gedichte sind bereits auf wenige Worte begrenzt.

"Was es an Sternen bedarf,/ schüttet sich aus,/ deiner Hände laubgrüner Schatten/ sammelt es ein,/ freudig zerbeiß ich/ das münzenkernige/ Schicksal." (Lichtzwang)

Die Umstände und das genaue Datum von Celans Tod sind nicht geklärt. Vermutlich nahm sich der Dichter am 20. April 1970 das Leben, indem er sich in einen Fluss stürzte. Ein Fischer fand seinen Leichnam zehn Kilometer flussabwärts von Paris. Einen Abschiedsbrief hat man nicht finden können. Celan aber, hat hunderte hinterlassen.

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