Martin Walsers Bücher klingen zunehmend nach Abschied. In seinem vor wenigen Wochen erschienenen Titel "Sprachurlaub" blickt er auf´s Leben. Das heißt, auf Wasser, Bäume und Landschaften. Foto: Rowohlt Verlag

Martin Walser - "Sprachurlaub oder: Wahr ist, was schön ist" Wer braucht die Außenwelt?

Von dem Schriftsteller Martin Walser erschienen zuletzt recht schmale Bücher, die in ihrer Intensität und Präzision jedoch ausstaffierten, was so manch andere AutorInnen auf 400 Seiten nicht einmal skizziert bekommen. Walser, so hat man das Gefühl, lebt seit einigen Jahren im Rückzug. Dieser Rückzug allerdings, ist ein durchaus literarischer; besteht er doch maßgeblich in der Beschreibung dessen, was gerade verlassen wird.

 

Das nie vollständig gemeisterte Thema Martin Walsers ist das gescheiterte Leben. Die Beschreibung innerer Konflikte, die beinahe ausschließlich in einer Aporie, nicht selten in Agonie enden. Was Walsers Werke uns verdeutlichen, muss gerade heut umso lauter und in aller Konsequenz ausgerufen werden: Es gibt keine heilsame Formel, keine friedliche innere Suche, kein Allheilmittel. Das innerliche Wühlen ist stets ein schmerzhafter Prozess, auch wenn uns Ratgeber-Literatur und Meditations-Gurus vom Gegenteil überzeugen wollen. Und wie schön wäre doch eigentlich dieses Bild: Dort sitzen sie und gehen in sich, und hier schreibt Walser kurz: "Gestürzte Bäume sehen aus wie erlöst" (aus "Mädchenleben")

Die längsten Augenblicke

Der Titel des vor wenigen Wochen erschienenen neuen Walsers lautet: "Sprachurlaub oder: Wahr ist, was schön ist". Hier versammelt der unermüdlich arbeitende - das heißt: blickende, tastende, aufhorchende - Schriftsteller Momente, die wortwörtlich Augenblicke, Wimpernschläge sind. Das klingt schwer pathetisch. Ist es auch. Der Pathos allerdings, wird erst dann zu einer Gefahr, wenn man es nicht mehr ertragen kann, langsame Tage damit zu verbringen, Lilien, Wasseroberflächen und Baumkronen zu betrachten. Für diejenigen, die, vom liberalen Kapitalismus getrieben, unermüdlich auf der Jagt sein müssen, hat der Augenblick etwas Feindseliges. Und genau dies ist der Momente, in dem Walsers Buch eine beinahe revolutionäre Komponente bekommt: Es lässt sich nicht "verschlingen", nicht "weglesen", nicht aus der Welt wischen. Die hier notierten Momentpoesien sind Ergebnisse langwidriger Betrachtungen; keineswegs Phänomene, die hastig erblickt und sogleich niedergeschrieben wurden.

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"Der Himmel glüht, allwissend schweigen die Bäume, wer´s jetzt noch eilig hat, ist ein Narr.", schreibt Walser aus seinem Rückzug heraus, der bereits einige Jahre andauert. Bereits in seinem 2018 erschienenen Buch "Spätdienst" hatte er einen Stil angeschlagen, der sich stärker auf´s einzelne Wort richtete, auf´s Aphoristische. "Wörter als Zufluchtsorte, Verse, in denen man sich hüllen kann, als wären es Schutzgewänder", hieß es damals. In "Mädchenleben", 2019 erschienen, hieß es dann: "Schreiben, um nicht zu schreien". Und nun, nach 80-jähriger Schreibarbeit, scheint selbst dieser Drang, dieses vielleicht letzte Aufbäumen, gebrochen. "Ich wehre mich nicht, ich bin bedacht und will bis zum letzten Abend leben".

Ergänzt werden diese durchaus nach Abschied klingenden Texte von den Aquarellen Alissa Walsers, die den Rhythmus der Sprachbilder kongenial vorantreibt. Die sinnlichen Beobachtungen, die Grundlage der walserischen Texte sind, werden also auch bildlich abstrahiert dargestellt. Es sind dieselben Augenblicke, die Bild und Text evozieren; der Unterschied besteht allein in der Geschwindigkeit der Verarbeitung. So scheinen die Aquarelle doch die Frische einer Flüchtigkeit zu transportieren, etwas Ungehaltenes steckt in ihnen. Demgegenüber stehen die Texte, schwer und erfahren, bereit zum Abschied. Gerade hier bilden Bild und Text eine Einheit, verdeutlicht dieses Zusammenspiel doch nichts anderes, als die Dialektik eines Lebens. Der Abschied ist ein Aufbruch mit anderen Vorzeichen.


Martin Walser, Sprachurlaub oder: Wahr ist, was schön ist; Rowohlt, 2021, 122 Seiten, 28 Euro

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