„Das Lächeln am Rand der Welt“ (Auszüge aus dem gleichnamigen Roman)

- 3 Seiten -
Knud Hammerschmidt

Vinzenz und Fiona in Santiago

Die ruhige Zeit der Siesta war vorbei. Die Schatten wurden länger und die Gassen belebten sich wieder. Sie standen, eingehüllt in Bademäntel, am Fenster und rauchten. Nach wie vor drängten ankommende Pilger in das gegenüberliegende Pilgerbüro. Ein Ende schien nicht abzusehen. Fiona drehte sich um und umarmte Vinzenz. Eng aneinandergeschmiegt standen sie da und spürten einander. Sie vergrub ihr Gesicht in seinen Brusthaaren und roch seine Haut. Er beugte sich herunter und küsste ihre Halsbeuge. „Duschen?“, fragte er. „Um Himmelswillen, nein! Ich genieße es so sehr, dass wir nach einander riechen.“ Sie lächelte. „Komm, zieh dich an, es ist Zeit für einen Aperitif.“ Aus dem intarsienbesetzten Schrank holte sie ein dunkelblaues Kleid mit einem Paisleymuster hervor und hielt es vor sich. Vinzenz sichtete seine neue Garderobe und überlegte, was er anziehen sollte. Fiona machte sich frisch. Sie kam aus dem Bad, griff nach dem Kleid und streifte es über ihren nackten Körper. Vinzenz hob die rechte Augenbraue wie Mr. Spock. Sie lächelte, hob den Zeigefinger zu ihren Lippen und machte „Psst:“ Dann stellte sie sich vor den Spiegel und band ihre Haare zu einem lockeren Zopf. „Schockier ich dich?“ Er lachte. „Nein, aber … wow…das ist ´ne ganze Menge zu verkraften für den alten Mann!“ Sie lachte und küsste ihn. „Du bist kein alter Mann! Und ein bisschen Aufregung tut dir ganz gut, glaub ich!“ Sie ließ ihre Zähne blitzen, zwinkerte ihm zu und hob kurz den Saum ihres Kleides hoch. „Voilá! Und nun zieh dir was an, schöner Mann!“

Er entschied sich für eine dunkelblaue Chino, ein weißes Leinenhemd mit Stehkragen und die hellblaue Leinenweste. Sie schlenderten Hand in Hand vorbei an der Praza das Praterias und bogen nach links ab in eine Parallelstraße zur Rúa do Vilar. Rechts von ihnen befand sich der kleine Platz, an dem Vinzenz seine Ankunftszigarre geraucht hatte. Durch die angrenzende Rúa do Franco bewegte sich ein nicht enden wollender Strom von Menschen. Sie gingen weiter durch die Rúa da Raiña bis die Gasse einen Bogen machte. „Ah schön, es ist was frei“. Fiona deutet auf einen kleinen Tisch vor einer Bar. Die Hauswand war weißgekalkt und auf einem hellblauen Farbstreifen war der Name der Bar in geschmiedeten Lettern angebracht. Maria Castaña. Ein vollbärtiger, tätowierter Hipster im Fred Perry Shirt stellte einen frischen Aschenbecher auf den Tisch. Fiona bestellte zwei Glas Albariño. Zum Wein dazu gab es zwei Tapa Portionen Albondigas in einer cremigen Sauce. Die Fleischbällchen waren lauwarm und sehr delikat. „Wow. Die sind ja unglaublich lecker. So gute hab ich noch nirgendwo bekommen bisher.“ Fiona schmunzelte. „Einer der Gründe, warum ich hier so gern was trinken geh´. Die Tapas sind der Hammer, richtig gute Hausmannskost.“ Vinzenz nickte. „Und die anderen Gründe?“ „Na schau dich mal um.“ Um sie herum, neben ihnen, gegenüber, auf der anderen Seite der Gasse und rund um den Tresen bemerkte er viele entspannt schwatzende und trinkende Leute. Allem Anschein nach keine Pilger oder Touristen. Hier kam die Nachbarschaft zusammen. Ein buntes Gemisch, vom Schiebermützenrentner bis zur Studentin. Hier standen lässige Mittzwanziger zusammen mit smart wirkenden Anzugträgern und elegante Señoras in mörderischen Highheels tranken ihren Wein gemeinsam mit burschikosen Bohèmiens. Ihnen schräg gegenüber unterhielt sich ein junger Mann mit Jimi Hendrix Gedächtnis Frisur angeregt mit einer würdevollen alten Dame im beigen Kostüm. Daneben stand ein vollbärtiger Typ undefinierbaren Alters, dessen Garderobe an einen baskischen Bauern des frühen zwanzigsten Jahrhunderts erinnerte. Er schien ein tiefsinniges Gespräch mit einem Endvierziger mit Tweedjacket und Goldrandbrille zu führen. Vor der Tür der kleinen Weinstube gegenüber lag ein großer, cremefarbener Hund und schlief. Manchmal schritt jemand vorsichtig über ihn hinweg, wovon er sich nicht stören ließ. Eine heisere, zornige Frauenstimme rief nach einem Eduardo. Ein Junge, ganz offensichtlich Eduardo, flitzte die Gasse entlang und kicherte. Er kam Vinzenz bekannt vor. Wie zur Bestätigung grinste ihn der Junge im Vorbeirennen an und hob den Daumen. Vinzenz lächelte und signalisierte dem Hipster noch zwei Glas Wein zu bringen. Er seufzte zufrieden und lehnte sich zurück.

Nur ein paar Meter hinter und wenige Schritte vor ihnen dominierte der Tourismus. Doch dieser kleine Abschnitt in der Rúa da Raiña war ein Biotop. Fiona grinste und deutet mit dem Finger ein Haus weiter. „Ich habe den Verdacht, dass die Kneipe hier direkt nebenan dazu beiträgt, die Durchschnittstouristen fernzuhalten. Das ist sowas wie die Absturzkneipe hier, das Publikum ist größtenteils allerfeinstes Proletariat.“ Vinzenz drehte sich unauffällig um. Zwischen dem Maria Castaña und dem benachbarten O Gato Negro befand sich eine kleine, schäbige Bar. Einen Namen konnte er nicht ausmachen. Er grinste. „Erinnert ein wenig an die Klientel einer Trinkhalle.“ Er blickte sich um, lächelte und trank einen Schluck. „Jedes Biotop braucht nun mal seinen Humus. Das gefällt mir hier. Wollen wir hier was essen?“ Fiona lächelte. „Höchstens ein, zwei Tapas. Obwohl ich gern hier esse. Aber heute will ich mit dir ein bisschen angeben. Zum Digestif können wir uns ja wieder die Susi und Strolch Hinterhofromantik gönnen.“ Kurz darauf fanden sie sich im Gewühl der Rúa do Franco wieder. Fiona glitt mit traumwandlerischer Sicherheit durch die flanierende Menschenmasse, die sich in zwei Richtungen durch die Gasse schob. Vinzenz bemühte sich Schritt zu halten und ihrem Beispiel zu folgen. Ein an der Hand halten war bei diesem Gewusel nicht möglich, wenn sie nicht selbst zu einem Staufaktor werden wollten. Einen konstanten Kurs zu halten war ebenso unmöglich. Die Passanten liefen ebenso planlos wie begeistert umher. Manch einer blieb ohne ersichtlichen Grund mitten in der Gasse stehen und verursachte so einen kleinen Auflauf. Aus dem Stimmgewirr waren immer wieder spitze Schreie der Begeisterung zu vernehmen, die auf enthusiastische Amerikaner schließen ließen. „Awesome, Marvelous, Fantastic, How sweet und OhMyGawd“ waren nur einige der Ausrufe des Entzückens, die an Vinzenz Ohr drangen. Fiona deutete auf ein Schild, um ihr Ziel anzuzeigen. Taberna Do Bispo – Die Taverne zum Bischof. Vinzenz schmunzelte amüsiert. Eine elegante junge Kellnerin nahm sie in Empfang und begleitete sie zu ihrem Tisch. Das Restaurant war modern und doch klassisch eingerichtet. Trotz indirekter Beleuchtung war das Do Bispo angenehm hell. Die lange Theke wurde dominiert von einer ebenso langen Vitrine, gefüllt mit einer unübersehbar großen Anzahl verschiedenster Tapas. Die Bedienungen waren komplett in schwarz gekleidet, mit bodenlangen Kellnerschürzen, was ihnen einen ebenso modernen, wie distinguierten Look verlieh. Fiona blätterte durch die Speisekarte. „Einmal quer durch den Octopus´s Garden ?“ Vinzenz nickte. „Ich mag fast alles aus dem Meer, außer Seegurken.“ Nur kurz darauf türmte sich eine beeindruckende Anzahl von Tapas auf ihrem Tisch. Vinzenz hatte die Auswahl Fiona überlassen und wurde nicht enttäuscht. Besonders die Sepia-Croquettas hatten es ihm angetan. Fiona hielt ihm ihre Gabel entgegen. „Probier mal die Vieras.“ Die Jakobsmuscheln waren gratinert, butterweich und zart im Geschmack. Da sie von jedem Tapa nur eine Portion bestellt hatten, war jeder Bissen eine neue Geschmackssensation. Vinzenz neutralisierte seine Geschmacksknospen vor jedem neuen Happen mit einem Schluck Wasser. Brot vermied er weitgehend, um nicht zu früh satt zu werden. Die angenehme Säure des Weißweins, den sie tranken, regte den Appetit noch zusätzlich an. Nach einer guten halben Stunde beendeten sie ihr Mahl mit einem scharf-fruchtigen Thunfischtartar. Vinzenz strich sich über den Bauch. „Ich glaube, so dringend habe ich noch nie einen Café und einen Orujo gebraucht!“ Fiona lächelte. „Kein Dessert mehr?“ Er schüttelte den Kopf. „Da passt nichts mehr rein, und wenn es noch so lecker wär.“

Während des Cafés saßen sie sich schweigend, händchenhaltend und zufrieden gegenüber. Als sie dann das Lokal verließen, blickte Fiona nach oben in den Himmel. „Lass uns einen kleinen Spaziergang machen. Zur Kathedrale.“ Vinzenz zuckte im Einverständnis die Schultern. Sie schlenderten Hand in Hand Richtung Praza do Obradoiro. Die Sonne war längst untergegangen, aber der Himmel war noch nicht nachtschwarz. Vor dem Arkadengang des Rathauses standen sie nebeneinander und blickten die beleuchtete Kathedrale an. „Schau!“ Fionas Finger zeigten zum Himmel über den barocken Türmen. Das Firmament über ihnen war von einer überirdisch schönen Farbe. Es schien zwischen einem leuchtenden Dunkelblau, Flieder und Violett zu changieren. Die Kathedrale davor strahlte in einem messingfarbenen Licht. Es war unbeschreiblich schön. „Vergiss es“, murmelte Fiona, als Vinzenz sein iPhone hervorholte. „Diese Farben kannst du einfach nicht mit einer Kamera festhalten. Ich hab’s schon oft versucht. Es geht nicht.“ Er lächelte. „Macht nichts. Für Facebook reicht´s.“ Er nahm sie in den Arm und hielt sie fest, während er den aberwitzig schönen Abendhimmel betrachtete. Diesen Moment wollte er festhalten, ihn tief in sein Gedächtnis brennen, bis die Zeit ihn immer mehr verklären würde. Ein meckernd-quäkendes Geräusch, wie der Todesgesang eines sterbenden Laubfroschs, riss sie aus dem innigen Moment. Hinter ihnen, unter den Arkaden hatte sich eine Gruppe Musiker eingefunden. Der Dudelsack, der diesen infernalischen Ton von sich gegeben hatte, hing nun halbschlaff im Arm eines jungen Sackpfeifenspielers und gab nur noch ein leise ersterbendes Tröten von sich. Es klang nun wie eine alte Autohupe in der Hosentasche eines Clowns. Die Musiker trugen historische Kostüme, komplett in schwarz, mit roten Zierbändern und weißen Rüschenhemden. Auch die Instrumente wirkten oder waren größtenteils historisch. Mandoline, Laute, Schalmei, Trommel und eben auch der Dudelsack. Ergänzt durch Gitarren und einen Kontrabass. Binnen kürzester Zeit hatte sich der Arkadengang mit Passanten gefüllt. Nur wenige Minuten später war das Publikum in Bewegung, klatschte, sang mit und tanzte. Das Repertoire der Band reichte von traditioneller galicischer Musik über Klassiker bis hin zu beliebten spanischen Evergreens. Bei „Guantanamera“ sang so gut wie jeder im Publikum mit und spätestens bei „Granada“ war die Stimmung auf einem Höhepunkt, als hätte sich Plácido Domingo persönlich die Ehre gegeben. Sie standen aneinander gelehnt direkt vor den Musikern. Vinzenz hatte seine Arme um Fiona geschlungen, die sie festhielt und an sich drückte. Sie bewegten sich gemeinsam in einem wiegenden Takt zur Musik. Als der Applaus nach dem bewegenden „Granada“ verklungen war, richtete sich der Sänger mit großem Gestus an das Publikum. „Y ahora, una canción para todos los amantes! “ Er verbeugte sich mit Grandezza direkt vor Fiona und intonierte den einzigen englischsprachigen Song des Abends. Maria, aus der West Side Story. Er war ein guter Sänger, als Tenor zwar weit entfernt von den großen Bühnen der Welt, aber er sang sauber, klar und mit Volumen. Aber vor allem sang er mit Leidenschaft. Als der letzte Ton verklungen war, herrschte für einen kurzen Moment die Stille, die jeden Künstler glücklicher macht, als tosender Applaus. Während hinter ihnen noch geklatscht und begeistert gepfiffen wurde, gingen sie engumschlungen über den nun fast menschenleeren Platz. Über ihnen hing ein prächtiger Vollmond am Himmel, fast orange leuchtend wie ein reifer Kürbis. Die Kulisse war reinster Kitsch. Wären ein Bühnenbildner oder ein Filmregisseur zufällig in der Nähe gewesen, hätten sie sich aus Verzweiflung entleibt. Aber Fiona und Vinzenz bekamen von der opernreifen Szenerie, die ihnen Santiago und der Mond spendierten, nichts mit.


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