300. Geburtstag Robinson Crusoe - Ich Herr. Wir Freunde.

Heute vor 300 Jahren, am 25 April 1719, erschien Daniel Defoes Roman "Robinson Crusoe". Ein Roman der Weltliteratur, eines der berühmtesten Bücher der Literaturgeschichte, eine Erzählung, die versuchte Kolonialismus und Versklavung zu legitimieren.

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Foto: Wikipedia "Robinson Crusoe" einer der erfolgreichsten Romane der Literaturgeschichte, feiert heute seinen 300. Geburtstag. Aber wie sollte man diese Kolonial-Geschichte lesen?

300 Jahre Robinson Crusoe; das bedeutet 300 Jahre Isolation, 300 Jahre immer wieder bemühte Einsamkeit, 300 Jahre lang der rettende Glaube an Gott, und schließlich 300 Jahre lang der gerettete "Wilde", der Freund und Untertan wird. Robinson Crusoe, die Geschichte des Schiffbrüchigen, der auf einer Karibikinsel strandet und dort um sein Überleben kämpft, war bei seiner Veröffentlichung eine Sensation. Der Stoff fasziniert bis heute, brachte zahlreiche Filme, weitere Romane und Video-Spiele hervor, die sich dem Sujet des vereinsamten, ums Überleben kämpfenden, imperialistischen weißen Mannes annahmen. Wie sollte man mit diesem Narrativ heute umgehen?

Kolonialismus, Versklavung - und jetzt ab in die Heia!

2017 erschien hierzu in einem Gastbeitrag des Tagesspiegels ein wichtiger Artikel der Anglistin und Afrikawissenschaftlerin Susan Arndt. Darin stellt die Autorin klar: Robinson Cruseo ist ein "literarisches Plädoyer für Kolonialismus und die Versklavung afrikanischer Menschen". Anhand unterschiedlichster Passagen des Buches erklärt Arndt in ihrem Beitrag, wie die weiße Kolonialmacht, über die Handlungen Robinsons, legitimiert wird. Da sitzt der Protagonist beispielsweise mit zwei schwarzen Männern - alle drei sind soeben erst der Sklaverei entkommen - in einem Fluchtboot, und wirft einen der beiden über Bord, als sie zu verhungern drohen. Diese Szene erreignet sich übrigens noch vor der Strandung auf der literarisch berühmten Insel. Zu dieser gelangt Robinson nämlich erst bei dem Versuch, Sklav*innen aus Afrika zu holen, um seine Plantage profitabler zu machen.

Es ist also nicht so, dass nur im Bezug auf den wohl berühmtesten Sklaven der Weltliteratur - „Du Freitag. Ich Herr. Wir Freunde.“ - von Rassismus, Unterwerfung und kolonialer Aneignung die Rede sein kann, sondern das sich jene Momente strukturell durch die gesamte Erzählung ziehen. Purer Zeitgeist? So einfach ist es nicht, erklärt Susan Arndt weiter. Denn damals schon erhoben sich kritische Stimmen gegenüber der Kolonial-Literatur à la "Robinson Crusoe", darunter William Blake, Olaudah Equianos und William Shakespeare.

Robinson heute?

Das der Roman dennoch zu einem großen Erfolg wurde, hing vor allem auch damit zusammen, dass sich die dargestellte Erzählung wunderbar als pädagogisches Instrument einsetzen ließ. Das Isolations-Narrativ behandelte Werte wie Eigenständigkeit, Gott-Glaube (Die Bibel als einziges Buch auf der Insel) und den verantwortungsvollen Umgang mit Ressourcen, ebenjene Werte also, die Lehrer besonders im 19. Jahrhundert (aber auch darüber hinaus) ihren Schülern einprägen wollten. Wenn man nun aber annimmt, dass diese Lehr-Absichten obsolet geworden sind? Wie verarbeiten Autor*innen und Regisseur*innen das Robinson-Narrativ im 21. Jahrhundert?

Wenn man heute nach "Robinson Crusoe" - Appropriationen sucht, stößt man beispielsweise auf den 2016 erschienenen Animationsfilm von Ben Stassen ("Robinson Crusoe"). Was verändert sich in der Neuübersetzung? Auch hier bleibt der Protagonist männlich, abenteuerlustig und weiß. Interessant ist der Umgang mit "Freitag". Der einst unterworfene "Wilde" wird hier zu einem Papagai Namens Mak, den Robinson "Dienstag" nennt. Das Ersetzen des Sklavens durch einen Papagai ist dem Narrativ der Gefügigkeit und der Folgsamkeit natürlich in keinster Weise entgegengesetzt. Denn schließlich plappert auch der Papagai alles nach, imitiert also seinen "Besitzer", ohne jemals über die bloße Imitation hinauskommen zu können. Der Papagai spiegelt in seinem unzureichenden Nachsprech die Vollkommenheit des unerreichbaren Meisters, wie es auch "Freitag" in Daniel Defoes Roman tut, wenn er allmählich damit beginnt, die ihn von Robinson nähergebrachten europäischen Werte (die englische Sprache, die christliche Lehre) zu immitieren und sukzessive anzunehmen.

Für eine neue Lesart der Robinson Crusoe Geschichte schlägt Susan Arndt vor, diese aus Sicht Freitags zu schreiben (oder zu verfilmen). Ein einleuchtender Vorschlag, gäbe es doch hierbei die Möglichkeit, "...die Gewalt, die in dieser vermeintlichen Freundschaft ganz tragend ist, aufs Tableau..." zu heben und zu verdeutlichen. Vielleicht ist daraus keine Kindergeschichte zu machen, aber in jedem Falle ein wichtiger kultureller Beitrag zur europäischen Geschichte.



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