Frauen in China „Mulans Töchter“ - Kahle Zweige und Essensrestchen

Die niederländische Autorin und Journalistin Bettine Vriesekoop beschreibt in ihrem Buch „Mulans Töchter“ wie sich das Bild der Frau in China über Generationen verändert hat und welche Bedeutung die Sexualität dabei spielt. Sie fragt sich: Wer sind die Schwertfrauen und Widerstandskämpferinnen im modernen China?

Quelle: Wikipedia Statue der Dichterin und Feministin Qiu Jin in Shaoxing

Hua Mulan und Qiu Jin: Beginn der Reise

Viele werden sich, sobald sie den Namen Mulan hören, zunächst an den gleichnamigen Disney-Film aus dem Jahre 1998 erinnern. Dieser erzählt die Geschichte einer jungen Frau, die als Mann verkleidet anstelle ihres kranken Vaters gegen die Hunnen in den Krieg zieht, um an seiner statt das Land zu verteidigen. In verwestlichter Form wird hier auf die Rigorosität eines Rollenverständnisses aufmerksam gemacht, welches gebrochen und infrage gestellt wird. Weniger bekannt, weil nicht verwestlicht, wird der Name Qiu Jin sein. Eine frühe Feministin und Dichterin die zum Ende der Quing-Dynsastie (1644 1912) lebte und sich für die Rechte der Frauen aussprach. Qiu Jin Protestierte gegen die Grausamkeit des Füßebindens und gegen arrangierte Ehen. Eine Frau, die lernte wie man Bomben baut, und die aufgrund ihres Rebellierens festgenommen und wenige Tage später öffentlich enthauptet wurde. An ihrem Grab beginnt die Reportage Bettine Vriesekoops, die sich mit ihrem Buch vorgenommen hat, die „Töchter Mulans“ ausfindig zu machen. Hierzu ist sie zwischen den Jahren 2012 und 2014 mehrere Male nach Peking gereist, um dort unverheiratete Frauen zwischen 20 und 30 Jahren zu interviewen.

Die Wurzeln der Werte

Die Selbstbestimmung der Frau ist für Vriesekoop eng mit der Wahrnehmung der eigenen sexuellen Identität verbunden. Diese Wahrnehmung zu hinterfragen, bildet die Grundlage ihrer Reportage, die uns zu den unterschiedlichsten Persönlichkeiten führt und interessante Einblicke in das Leben junger Chinesinnen gewährt. Zunächst aber erfahren wir mehr über die Bedeutung und Funktion der Sexualität in den chinesischen Philosophien: Daoismus, Buddhismus und Konfuzianismus. Wie äußern sich die Werte dieser Strömungen im modernen China? Um dieser Frage auf den Grund zu gehen, führt uns die Autorin durch geschichtsträchtige Orte, welche sie auf ambitionierte Weise mit entsprechenden, historischen Geschichten füllt. Begleitet wird sie dabei von Hu Ye, ihrer eigens für dieses Projekt engagierten Assistentin und Übersetzerin, die immer wieder als Orts- und Geschichtskundige Protagonistin zu Wort kommt.

Einen systematisch wichtigen Punkt innerhalb der Geschichte der Frau in China nimmt die Tradition des Füßebindens ein. Dieser Brauch, bei dem die Füße junger Mädchen durch Knochenbrechen und anschließendem Abbinden extrem deformiert wurden, war in China noch bis ins 20. Jahrhundert hinein verbreitet. An einer Stelle des Buches erzählt Hu Ye von ihrer Großmutter, die diese - auf einem Schönheitsideal basierenden - Trakturen noch am eigenen Körper miterleben musste. Wie viele Frauen war sie stolz auf ihre deformierten Füße, denn „ ...ohne sie, hätte sie sich minderwertig und nicht so weiblich gefühlt... “.

Sexspielzeuge und Essensrestchen

Schönheitsideale und die Methoden ihrer Umsetzung ändern sich. Was damals kleine Füßchen waren (die Deformationen ließen die Füße oft nicht länger als 12 centimeter werden) sind heute Gesichtsoperationen. Waren es damals Sagen und Mythen, die solcherlei Ideale erschufen, so sind es heute Fernsehstars, Schauspieler*innen und Models. Das immer mehr chinesische Frauen (seltener Männer) diesen Idealen folgen, kommt der Chirurgin Danielle Liu zugute. Sie ist eine der Frauen, mit der sich die Autorin trifft. Oft sind es Junge Studentinnen, die sich den Operationen unterziehen, erklärt Liu. Sie nennt hierfür zwei Hauptgründe: Entweder die Frauen wollen sich „einen reichen Mann angeln“, oder ihre beruflichen Chancen erhöhen. Ein schönes Gesicht wertet die Firma auf, es repräsentiert den Geschmack der Geschäftsführung.

Jiujiu, eine weitere Interviewpartnerin, hat sich keinen Mann geangelt. Sie ist eine Shengnü, ein Essensrestchen. So bezeichnet man in China Frauen, die im Alter von siebenundzwanzig Jahren noch unverheiratet sind. Unverheiratete Männer werden kahler Zweig genannt, da sie den Stammbaum nicht fortsetzen können. Phänomene, die unter anderem aus der Ein-Kind-Politik und der Politik der offenen Tür resultieren, aus politischen und gesellschaftlichen Veränderungen also, die von der Autorin immer wieder ins Auge gefasst werden. Wir lernen Xu Tu kennen, die für ein Internetunternehmen arbeitet, welches Sexspielzeuge verkauft. Wir begegnen Lanlan, eine ehemalige Prostituierte, die eine NGO gegründet hat und sich nun für Sexarbeiterinnen einsetzt. In einem Park treffen wir auf eine Gruppe älterer Männer und Frauen, die sich Fotos ihrer Söhne und Töchter um den Hals gehangen haben: eine inoffizielle Kupplungsveranstaltung.

Emphatische Bilder

All die von der Autorin dargestellten Begegnungen umkreisen auf essayistischer Weise das Kernthema "sexuelles Selbstverständnis der modernen Frau in China". Dabei ist die Autorin weder aufdringlich noch didaktisch, sondern darum bemüht ein Interesse zu wecken, welches jenseits von Klischees und stereotypischen Abhandlungen liegt. Somit schafft es Bettine Vriesekoop, einen emphatischen und nachvollziehbaren Einblick in die kulturelle Gegenwart Chinas zu gewähren, der durchaus in der Lage sein kann, eventuelle Vorurteile aufzuweichen und Stigmatisierungen zu bekämpfen.

Bettine Vriesekoop, "Mulans Töchter - Wie moderne Frauen das Gesicht Chinas verändern", Pirmoni Verlag, 2018, 244 Seiten, 16, 90 €







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