Wo?
„
Wo wird einst des Wandermüden
Letzte Ruhestätte sein?
Unter Palmen in dem Süden?
Unter Linden an dem Rhein?
“
fragt sich das Lyrische Ich in dem Gedicht „Wo?“ von Heinrich Heine (1797– 1856). Dieser Essay antwortet auf diese Frage:
„Die letzte Ruhestätte des Wandermüden, Deine letzte Ruhestätte, Heinrich Heine, ist ‚Unter Palmen in dem Süden‘ , in der tropischen Literatur, in Prosa und Lyrik. “
Damit ist gemeint, dass Heine in Prosa und Lyrik der „Tropen“ des 19. Jahrhunderts und Anfang des 20. Jahrhunderts vorkommt und dort weiterlebt.
In Werken aus den Philippinen, Haiti und Nicaragua taucht erstaunlicherweise Heinrich Heine auf – nicht als deutscher Klassiker, sondern als Begleiter von Autoren zwischen Heimat und Exil, Anpassung und Widerstand.
In den Werken der Suchenden, in den Werken der Menschen zwischen den Welten…
Heine und die Philippinen
Der philippinische Nationalheld Polyglott und Augenarzt, José Rizal (1861–1896) kritisierte in seinen auf Spanisch, in Deutschland und Belgien geschriebenen Romanen Noli Me Tangere und der Fortführung El Filibusterismo, den Machtmissbrauch der kirchlichen und weltlichen Autorität der spanischen Philippinen.
In den Romanen kehrt Rizals alter ego, Juan Crisótomo Ibarra, nach seinem Studium in Europa in die Philippinen zurück, setzt sich für Reformen ein und gerät damit politisch und privat mit den weltlichen und kirchlichen Machthabern in Konflikt.
In seinem ersten Roman Noli Me Tangere vergleicht Rizal den Priester Dámaso mit den Priestern aus einem nicht sehr bekannten Roman von Heine, Die Götter im Exil, der von den arbeitslosen Göttern der Antike handelt, an die keiner mehr glaubt und die jetzt in der Weltgeschichte umherirren. Heines Gedicht Der Apollogott behandelt ein ähnliches Thema.
In seinem zweiten Roman, El Filibusterismo, sprechen die Hauptfiguren auf einem Flussdampfer
auf dem Fluss Pasig über lokale philippinische Legenden, dieses Kapitel trägt die Titelunterschrift „Ich weiß nicht, was soll es bedeuten“. Diese Anspielung auf das Loreley- Gedicht von Heine passt gut zu dem Thema der lokalen Flusslegenden und zu dem Rhein.
Beide Romane schaffen durch den, auch von Heine praktizierten, satirischen Schreibstil, eine gewisse Distanz, die es leichter macht, sich mit den behandelten ernsten Themen zu beschäftigen.
Die Frage, wo er, Rizal, der Wandermüde, ruhen würde, diskutierte er mit seinen Freunden und Verwandten, wie es der mexikanische Philosoph Leopoldo Zea in seinem Vorwort zur lateinamerikanischen Ausgabe von Rizals Noli Me Tangere belegt.
Die Wandermüdigkeit und das Heimweh werden auch in seinem Gedicht A las flores de Heidelberg (Den Blumen von Heidelberg) behandelt, das er in Heidelberg schrieb, während er in Heidelberg als Augenarzt arbeitete.
Denn in dem Gedicht geht es darum, dass die Blumen von Heidelberg, ihr Aroma verlieren würden, falls sie als seine Botschafterinnen die Philippinen erreichen würden, auch wenn sie ihre Farbe erhielten.
Trotz der Warnungen seiner Freunde und Verwandten kehrte Rizal in die Philippinen zurück. Die Folgen sind bekannt, seine Bücher lösten die Revolution aus vor der sie gewarnt hatten und Rizal wurde hingerichtet…
Rizals, des Wandermüden letzte Ruhestätte ist nun in Manila, unter Palmen im Süden; er starb mit vollem Aroma, in seiner Heimat.
Heine und Nicaragua
Auch der berühmte nicaraguanische Poet und Journalist Rubén Darío (1867- 1916), der die weltweite spanische Lyrik, von Amerika, über Spanien bis zu den Philippinen und darüber hinaus, nachhaltig prägte, erwähnt z.B. in seinem Gedicht Divagación (Träumerei) Heinrich Heine.
Das lyrische Ich macht eine Tour durch die lyrische Welt, sowohl geografisch als auch zeitlich. In
Versen, in denen es um Deutschland geht, werden zwei Dichter erwähnt, Goethe und Heine mit ihren entsprechenden Figuren Gretchen und Loreley. Hier zwei Ausschnitte aus Divagación, mit einer freien Übersetzung ins Deutsche:
“la luz de nieve que del cielo llega
y baña a una hermosa que suspira
la queja vaga que a la noche entrega
Loreley en la lengua de la lira. ”
Das Licht des Schnees, das vom Himmel fällt
und die Schöne badet, die seufzt
die vage Klage, die sie der Nacht gibt
Loreley in der Sprache der Harfe
“Y del divino Enrique Heine un canto,
a la orilla del Rhin; y del divino
Wolfang la larga cabellera, el manto;
y de la uva teutona el blanco vino. ”
Und des göttlichen Heinrich Heine ein Gesang
Am Ufer des Rheines, und des göttlichen
Wolfgang, mit langem weißem Haar, der Mantel;
Und der deutschen Rebe weißer Wein
Von allen deutschen Dichtern hat sich Rubén Darío zwei ausgesucht. Wie bei José Rizal, gehört Heinrich (Enrique) Heine dazu.
Heines Loreley passt mit seiner Melodie, seiner Melancholie und seinen starken Bildern, vor allem dem Bild des Abendsonnenscheins am Rhein, gut zur Daríos Divagación oder Träumerei.
Heine und Haiti
Der haitianische Poet und Diplomat Charles Moravia (1875- 1938) war ein großer Bewunderer Heines. Charles Moravia schrieb auf Französisch und war ein Kritiker der US-Amerikanischen Besetzung Haitis (1915- 1934). In Haiti äußerte sich der Widerstand gegen die Besetzung in einer intensiven literarischen Tätigkeit, wie es z.B. die Gedichtsammlung von Louis Morpeau Anthologie d‘un Siècle de Poésie Haitienne 1817- 1925 zeigt, in der auch Werke von Charles Moravia vorkommen, und in der der Herausgeber selbst die Besatzung anspricht.
Zur Auswahl der Werke Moravias von Louis Morpeau gehört das Gedicht von Heine Ramphensit. Dieses Gedicht wurde von Gérard de Nerval von der originalen deutschen Lyrik in französische Prosa übersetzt und anschließend von Charles Moravia in französische Lyrik übertragen. Das Gedicht handelt in humorvolle Weise von einem Dieb der pharaonischen Schatzkammer, dessen vollendete Diebeskunst den Respekt und die Bewunderung der Prinzessin und des Pharaos gewinnt, so dass er die Prinzessin heiratet und Pharao wird.
Moravia übersetzte auch einige Gedichte von Heine direkt aus dem Deutschen, z.B. Loreley und die Schlesischen Weber. Im Gegensatz zum Humor von Ramphensit thematisieren Loreley und die Schlesischen Weber Melancholie und Verzweiflung.
Die Schlesischen Weber behandelt die Verzweiflung der schlesischen Weber, die durch die industrielle Revolution ihre wirtschaftliche Grundlage verlieren. Die Aktualität dieses Poems hebt Moravia im Vorwort von seinem Werk Autres Poèmes de Heine (Andere Gedichte von Heine) von 1918 hervor . Es drückt, wie er schreibt, den Gemütszustand der Haitianer unter amerikanischer Besatzung aus.
Unter Kokospalmen und Bananenstauden
Heine ist bekannt dafür, dass er die innere Zerrissenheit eines Menschen an einer Zeitgrenze verkörpert (Eva Maria Karbisch, Literaturgeschichte). Zwischen Judentum und Christentum, Deutschland und Exil, als verfolgter Demokrat, als Mann zwischen den Welten war Heine, meiner Ansicht nach ein Suchender.
Diese Zerrissenheit und Suche haben meiner Ansicht nach Rizal, Darío und Moravia angesprochen.
Rizal bewegte sich zwischen Reform und Unabhängigkeit, zwischen Loyalität zu Spanien und Kritik an der kolonialen Herrschaft, zwischen der Kritik an den Missständen der kirchlichen Orden und seinem katholischen Glauben.
Darío, der im bereits unabhängigen Nicaragua geboren wurde, hat in seinem Werk die Verbindung des spanischsprachigen Amerika mit dem spanischen Mutterland hervorgehoben; siehe auch sein Werk Salutación del Optimista (Gruß des Optimisten).
Charles Moravia schreibt in Haiti, unter amerikanischer Besatzung. Moravia schreibt in einer Welt, in der das Kreolische, das Französische und das Englische miteinander konkurrieren und sich gegenseitig beeinflussen. Auf der einen Seite kämpfen haitianische Intellektuelle unter der Besatzung für das Französische, das Teil der haitianischen Kultur ist; auf der anderen Seite, suchen sie einen eigenen, haitianischen Weg.
Wie Heine haben Rizal und Moravia die politische Verfolgung erlebt. Der teilweise satirisch- humoristische Stil Heines, scheint auch Rizal und Moravia zugesagt zu haben. Rizal hat für die Kritik des kirchlichen und weltlichen Machtmissbrauchs auf den spanischen Philippinen einen humoristisch-satirischen Stil gewählt.
Deine letzte Ruhestätte, Heine, sehe ich daher, vor allem „unter Palmen in dem Süden“, als Enrique, als Henri, unter den Kokospalmen und Bananenstauden von Manila, Managua und Port-au-Prince.