Die Frankfurter Buchmesse 2025 ist eröffnet. Mit Verlagen aus über 90 Ländern, den Philippinen als Ehrengast und ersten Spannungen gleich zur Auftaktpressekonferenz zeigt sich: Der literarische Herbst wird weder leise noch schlicht. Was als weltgrößtes Branchentreffen firmiert, bleibt auch 2025 ein Ort, an dem sich die politischen Risse der Gegenwart unüberhörbar ins Sprachgeschehen einschreiben.
Ein Auftakt mit klarer Kante
Während Kulturstaatsminister Wolfram Weimer (parteilos) die Branche mit gewohnt staatsmännischer Gravität auf „Literatur als Brücke zwischen den Welten“ einschwor, sparte er in seiner Rede nicht mit klaren Worten zu den Schattenseiten der Digitalisierung. In Bezug auf den Einfluss großer Technologiekonzerne sprach er von nichts Geringerem als einem „digitalen Kolonialismus“.
„Amerikanische und chinesische Tech-Giganten trainieren ihre KI-Systeme mit Milliarden von Werken, ohne die Einwilligung der Urheber einzuholen, geschweige denn, sie dafür zu bezahlen“, so Weimer. Ganze Kulturen würden dabei „abgeschöpft“. Seine Forderung: ein entschlossener Einsatz von Steuerinstrumenten, Kartellrecht und Urheberrechtsschutz. Man werde sich gegen diesen „Raubzug“ wehren müssen. Die Rede wirkte wie ein vorweggenommenes Kulturkampfprogramm – nicht ohne Dringlichkeit, aber auch nicht frei von Pathos.
Wortgefechte zum Auftakt: Nora Haddada kritisiert deutsche Medien
Dass der politische Ton damit nicht gesetzt, sondern erweitert wurde, zeigte kurz darauf die Autorin Nora Haddada. Sie nutzte die Eröffnungspressekonferenz, um den deutschen Medien eine gezielte Verharmlosung „israelischer Verbrechen in Gaza“ vorzuwerfen. Zwei Jahre lang hätten Journalistinnen und Journalisten, so Haddada, die Realität „kleingeredet oder gerechtfertigt“.
Der Moment war geladen, die Reaktionen auf dem Podium sichtbar angespannt. Ob es sich um eine mutige Intervention oder eine gezielte Provokation handelte, darüber lässt sich – wie so oft – trefflich streiten. Sicher ist nur: Die Messe war damit offiziell eröffnet, und zwar in einem Ton, der dem Feuilleton den Sonntag nicht erleichtern dürfte.
Wer darf wann? Öffnungszeiten mit Taktgefühl
Zwischen Empörung, Eröffnungsreden und internationalen Gastdelegationen geraten die praktischen Fragen schnell ins Hintertreffen. Dabei ist die Logistik für viele Besucher nicht minder entscheidend als der Inhalt der Panels. Hier die Öffnungszeiten im Überblick:
Fachbesucher:
Mittwoch, 15. Oktober bis Samstag, 18. Oktober 2025: ganztägig geöffnet
Sonntag, 19. Oktober 2025: 9.00 – 17.30 Uhr
Privatbesucher:
Freitag, 17. Oktober 2025: 10.00 – 18.30 Uhr
Samstag, 18. Oktober 2025: 9.00 – 18.30 Uhr
Sonntag, 19. Oktober 2025: 9.00 – 17.30 Uhr
Dass der Sonntag sowohl Fach‑ als auch Privatbesuchern offensteht, dürfte zu einem gewissen Gedränge führen – ob auf den Fluren der Hallen oder in den Feuilletonspalten über fehlende Ruhe zum Fachgespräch.
Ehrengast Philippinen: Inseln der Stimmen
Im Mittelpunkt des internationalen Programms steht in diesem Jahr ein literarischer Raum, der in der deutschen Buchlandschaft bislang eher randständig verortet wurde: die Philippinen. Der Gastauftritt präsentiert sich vielstimmig und bewusst dezentral. Zwischen postkolonialen Narrativen, indigener Dichtung und urbanen Genres wie der philippinischen Graphic Novel entsteht ein Bild von Literatur, das mit gängigen Nationallogiken bricht.
Kuratiert wird der Auftritt unter anderem vom National Book Development Board, begleitet von Autorinnen und Künstlern, die in mehreren Sprachen und Disziplinen arbeiten. Besonders präsent: queere Perspektiven und Texte über Migration, Gewalt und Erinnerung – Literatur als Überlebensarchiv.
Messe zwischen Markt und Meinung
Dass die Frankfurter Buchmesse längst mehr ist als ein Schaufenster für Lizenzen und Neuerscheinungen, zeigt sich jedes Jahr deutlicher. Sie ist ein Aushandlungsort – über Sichtbarkeit, Verantwortung, Deutungshoheit. Dabei wird auch klar, dass sich Verlage mitunter schwertun, sich zu positionieren. Zwischen Podiumsdiskussion und Publikumsbühne verläuft ein schmaler Grat, auf dem sich nicht alle souverän bewegen.
Dass sich nun auch der Kulturstaatsminister mit markigen Formulierungen in die Debatte um KI und Urheberrecht einmischt, zeigt, wie viel politisches Kapital auf dem Spiel steht. Ob seine Warnung vor einem „digitalen Kolonialismus“ nachhaltige Wirkung entfalten kann oder in der Messehektik verhallt, bleibt abzuwarten.
Zwischen Zeilen und Zeichen
Während draußen der Oktoberwind über den Messeplatz streicht, wird drinnen verhandelt, was Kultur im digitalen Zeitalter noch kosten darf – und wem sie gehört. Zwischen Gespräch und Gegenrede, Lizenzgeschäft und literarischem Aufstand bleibt die Frankfurter Buchmesse, was sie immer war: ein Spiegel der Gegenwart, mitunter verzerrt, aber selten belanglos.
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