Souad Zakarani: Vanille

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Sie kam mit den unsichersten Schritten, die ich je gehört habe, auf mich zu. Ganz langsam und mit Bedacht setzte sie einen Fuß vor den anderen und es schien, als wollte sie sich leise anschleichen. Aber das umherliegende Laub verriet sie, es glich dem vergeblichen Huschen einer Maus. Ihr Atem war ungleichmäßig, eindeutige Nervosität. Da stand sie vor mir.

Ich habe zuvor aus einiger Entfernung gehört, wie sie einem Mann, den sie mit Papa ansprach, eine Frage stellte, die offensichtlich auf mich bezogen war, nachdem sie mich entdeckt hatte. Auch habe ich mitbekommen, wie er beim Antworten ins Zögern kam und er letztlich seiner Tochter herzlich vorschlug: „Geh doch zu ihr hin und frag sie persönlich“.

Die Kleine hätte wirklich als Mäuschen gelten können, so klein und neugierig, wie sie zu sein schien. Vielleicht war sie acht oder jünger, so genau wusste ich es nicht.

Ich richtete meinen Blick in die Ferne. Vorsichtig hievte sie sich auf die Sitzbank neben mich. Sie stellte sicher, diese nicht allzu sehr zum Wackeln zu bringen. So, als könnte ich durch bloße Bewegungen zu Bruch gehen. Ihr Verhalten überraschte mich nicht. Kein bisschen, um ehrlich zu sein. So benehmen sich nämlich viele Passanten, wenn sie jemanden wie mich sehen. Sie werden stiller und achtsamer als gewöhnlich. Manche pressen sich an eine naheliegende Wand, andere gehen zur Seite und möchten mir so viel Platz wie möglich machen. Bloß nicht in mich hineinlaufen, denn sonst kann es für denjenigen unangenehm werden.

Nun saß das Mädchen neben mir. Sein Gewicht drückte die Bank kaum runter, was mich innerlich zum Schmunzeln brachte. Lächelnd schaute ich auf sie hinab. Sie reagierte nicht, möglicherweise schaute sie zu Boden oder zu ihrem Vater. Schweigen.

„Dich interessiert es wohl, wie ich damit lebe.“

Die Bank erbebte einmal rasch, weil sie zusammengezuckt war. Anscheinend hatte das Kind nicht damit gerechnet, dass ich von seiner Anwesenheit wusste. Dann ...

„Woher wusstest du, dass ich hier sitze?“, staunte sie. „Meine Liebe, so hilflos ich auch aussehen mag: Der Schein trügt.“ Sie musste kichern. Ich fuhr fort „Also, du hast dich nicht grundlos zu mich gesetzt. Du wolltest doch wissen, wie mein Leben so ist, oder?“


Kurz darauf brachte sie einen bestätigenden Piep hervor. Dabei klopfte das Mädchen zappelig mit den kleinen, unschuldigen Fingern auf der Armlehne. Es ertönten kurze metallische Klänge, wie die bei einem Glockenspiel.

„Das verrate ich dir gerne. Weißt du, eigentlich sind wir uns sehr ähnlich. Wir beide wachen jeden Morgen auf, essen unser Frühstück, sind draußen unterwegs und unternehmen etwas mit Freunden und Familie. Ich führe ein gewöhnliches Leben, genauso, wie du wahrscheinlich eins führst.“

Das Klimpern hörte auf. „Und du machst das alles auch ganz alleine?“ In ihrem Tonfall lag Bewunderung. Der Herbstwind pfiff mir um die Ohren. Sofort durchfuhr mich eine Gänsehaut.

Ich seufzte. „Naja, manches schaffe ich nicht ohne die Hilfe anderer. Wenn ich in den Supermarkt gehe und ich nicht weiß, ob ich gerade eine Dose Erbsen oder Mais in meinen Händen halte, bin ich dazu gezwungen, jemanden danach zu fragen. Oder wenn ich den Eingang nicht finde, dann muss ich auch hier um Hilfe bitten“

„Oh“, machte sie. Bemitleidenswert ergänzte sie: „Das ist doch bestimmt schlimm für dich.“

Meine Augen, die sich still mit Tränen füllten, wurden von meiner Sonnenbrille bedeckt. Noch bevor Tränen runter kullern konnten, blinzelte ich die Augen trocken und erklärte beiläufig: „Das alles klingt zwar traurig und einschränkend. Manchmal bin ich auch verletzt darüber und frage mich „Wieso ich?“. Aber so verzweifelt man auch manchmal im Leben ist, es sollte einem immer im Hinterkopf bleiben, dass das Leben mit Freude gemeistert werden kann, solange man an seine Fähigkeiten glaubt.“

Das schien sie nicht allzu ganz verstanden zu haben. Ich musste sie von dem, was ich zu erklären versuchte, überzeugen. Folgendermaßen ging ich vor:

„Schließ einmal deine Augen und sag mir, was du siehst.“ Sie folgte meiner Anweisung, denn wenige Sekunden später erwiderte sie: „Ich sehe nichts mit geschlossenen Augen.“

„Das sagst du, weil du behauptest, fürs Sehen bräuchtest du deine Augen. Ich möchte dir zeigen, dass das nicht stimmen muss. Du hast noch weitere Sinne, die dir sagen können, was um dich herum ist.“ Sie machte ein nachdenkliches Geräusch. Sofort machte ich weiter. „Beschreibe mir, was du hörst.“ Für eine Weile kam nichts von ihr. Womöglich sammelte sie ihre Gedanken. Dann antwortete sie: „Ich höre Autos hupen und Menschen reden und Laubblätter, die vom Wind herumgewirbelt werden. »

„Sehr gut. Und nach was riecht es hier?“


„Es riecht hier so, wie es eben an Bahnhöfen riecht: Nach Bahnhof“

„Würdest du jetzt sagen, dass du den Bahnhof wiedererkannt hättest, ohne dafür deine Augen öffnen zu müssen?“

„Ja ... Ja, ich glaube schon. Daran hatte ich nie gedacht.“

Plötzliches Läuten unterbrach uns. Schranken gingen runter, die Gleise zischten leise. „Ein Zug wird einfahren!“, rief das Mädchen stolz. „Ich muss jetzt zu meinem Papa. Danke nochmal für das Gespräch“. Mit einem freudigen Satz sprang sie von der Bank runter, welche einmal stark nach vorne schaukelte und dann wieder zurück.

Und schon war sie fort, in der lauten Menschenmenge für immer verschwunden. Neben mir befand sich nicht mehr das kleine, süße Kind, sondern ein kalter, leerer Platz. Und von ihr blieb mir nichts in Erinnerung außer ihren Vanilleduft, den sie seit ihrer Ankunft ausströmte, der auch lange nach ihrem Verschwinden noch in der Luft lag. Ächzend rappelte ich mich auf, entfaltete meinen Langstock und machte mich auf den Weg nach Hause.

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