Die besten Bücher des 21. Jahrhunderts – erstellt von ZEIT Die besten Bücher des 21. Jahrhunderts – Teil 1: Jahre der Rückblicke (2000–2005)

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- 6 Seiten -

Am Anfang des neuen Jahrtausends steht der Blick zurück. Die Literatur der ersten fünf Jahre zeigt sich alles andere als zukunftsbesoffen. Statt Fortschrittsoptimismus herrschen Erinnerung, Rekonstruktion, Selbstbefragung. Erzählt wird von Verlusten, verpassten Aufbrüchen, fragmentierten Identitäten – und das in unterschiedlichsten Tonlagen: melancholisch, grotesk, analytisch oder bildgewaltig. Die folgenden Werke markieren Fixpunkte dieser frühen Phase des 21. Jahrhunderts.

Die Welt hinter Dukla – Andrzej Stasiuk (2000)

Ein Ort, der gleichzeitig geographisch präzise und metaphysisch aufgeladen ist. Andrzej Stasiuks Prosaminiaturen über die Karpatenregion rund um Dukla verwandeln sich in eine poetische Topographie des Stillstands. Der Osten Europas, so scheint es, wartet immer noch auf eine Zukunft, die vielleicht nie eintrifft – oder auf eine Vergangenheit, die nie vergangen ist.

Liebesleben – Zeruya Shalev (2000)

Eine obsessive Liebesgeschichte, die sich bald als seelisches Kammerspiel entpuppt. Shalev dekonstruiert die bürgerliche Ehe, das Begehren und die Selbstentblößung mit biblischer Wucht und psychologischer Präzision. Zwischen Tel Aviv und innerem Abgrund entsteht ein Text, der Körper und Sprache gleichermaßen entkleidet.

Zähne zeigen – Zadie Smith (2000)

Multikulturelle Gesellschaft, Popkultur, Identitätsfragen: Zadie Smiths Debütroman ist eine temperamentvolle Chronik der britischen Gegenwart. Mit viel Humor und einer klugen Erzählerin schlägt der Roman eine Brücke zwischen Generationen, Kulturen und Klassen – ohne den moralischen Zeigefinger zu bemühen.

Austerlitz – W. G. Sebald (2001)

Sebalds Spätwerk ist weniger Roman als literarischer Gedenkraum. Mit fotografischen Einschüben, langen Satzkaskaden und einem traumwandlerischen Erzähler gelingt ihm ein eindrucksvolles Sprachdenkmal für die Verluste des 20. Jahrhunderts. Das Unsagbare – insbesondere die Shoah – erscheint hier nicht als Thema, sondern als Störung im Erzählen selbst.

Harmonia Cælestis – Péter Esterházy (2001)

Ein Familienepos, das sich über Jahrhunderte erstreckt – und zugleich ein Vexierspiel über Wahrheit und Fälschung. Esterházy montiert historische Briefe, fiktive Anekdoten und groteske Übertreibungen zu einer Geschichte der Habsburgerzeit, des Kommunismus und der Vater-Sohn-Verhältnisse. Ungarnliteratur als barockes Sprachspektakel.

1979 – Christian Kracht (2001)

Eine Reise von Teheran nach Tibet, von westlichem Überdruss zu östlicher Askese – oder zumindest zur Projektion davon. Krachts Erzähler in Berluti-Halbschuhen stolpert durch politische Umbrüche und spirituelle Hohlräume. Der Roman ist ein Spiegel seiner ironischen Gegenwart, durchsetzt mit ästhetischem Kalkül und postkolonialem Vexierspiel.

Die Korrekturen – Jonathan Franzen (2002)

Ein amerikanischer Gesellschaftsroman, der die große Form zurückbringt – und gleichzeitig auseinandernimmt. Franzen porträtiert die Familie Lambert als Mikrokosmos neoliberaler Entfremdung. Depression, Parkinson, Börsenblasen und Sinnkrisen – alles findet Platz in diesem großen, bitteren, witzigen Text über das Scheitern der Moderne.

Was ich liebte – Siri Hustvedt (2002)

Ein Roman über Kunst, Verlust und die Frage, wie wir mit dem Schmerz des Realen umgehen. Hustvedt verbindet kunsttheoretische Diskurse mit einem New Yorker Beziehungsgeflecht und erzählt von Essstörungen, philosophischen Abgründen und der Sehnsucht nach Ordnung inmitten des Chaos. Ein stiller Thriller über das Seelenleben der Intellektuellen.

Middlesex – Jeffrey Eugenides (2003)

Ein episches Panorama über Geschlecht, Migration und amerikanische Mythen. Der Hermaphrodit Calliope/Cal erzählt seine Familiengeschichte, die zugleich die Geschichte der Vereinigten Staaten im 20. Jahrhundert ist. Eugenides gelingt ein Drahtseilakt zwischen Tragik, Komik und genetischer Selbstbefragung – voller Witz und Welthaltigkeit.

Liquidation – Imre Kertész (2003)

Wie erzählt man vom Weiterleben nach Auschwitz? Kertész verweigert sich in seinem schmalen, intensiven Roman jeder pathetischen Form. Stattdessen: Sprachlosigkeit, Reflexion, Fragment. Das Schreiben selbst steht unter Verdacht – und bleibt doch notwendig. Ein Text über die literarische Ohnmacht angesichts des radikalen Bösen.

Persepolis – Marjane Satrapi (2004)

Die iranische Revolution als Graphic Novel? Satrapi beweist, dass die Verbindung von Zeichnung und Autobiografie nicht nur funktioniert, sondern eine neue Erzählform schafft. Persepolis ist klug, humorvoll, schmerzhaft – und zugleich ein Zeugnis weiblicher Selbstbehauptung im Exil. Comics sind seitdem nicht mehr nur Kinderkram.

Die Vermessung der Welt – Daniel Kehlmann (2005)

Mit Humboldt und Gauß als Protagonisten erzählt Kehlmann vom Scheitern großer Ideen – in einer Sprache, die Wissenschaft in Witz verwandelt. Der Roman ist historisch genau und gleichzeitig verspielt, erkenntnisreich und ironisch. Ein Welterfolg, der den Bildungsroman neu denkt – und ihm eine Leichtigkeit verleiht, die man ihm nicht mehr zugetraut hätte.



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