Leon de Winters neuer Roman Stadt der Hunde, erschienen am 22. Januar 2025 im Diogenes Verlag, verwebt eine persönliche Tragödie mit geopolitischen Verwicklungen. Dabei bleibt er sprachlich funktional und strebt weder stilistische Innovation noch sprachliche Raffinesse an. Die Stärke des Romans liegt in seiner geschickten Dramaturgie und der Verknüpfung verschiedener Erzählstränge, die ihn zu einem fesselnden, schnell zu lesenden Werk machen.
Ein Neurochirurg zwischen Herkunft, Verlust und beruflicher Herausforderung
Im Zentrum steht Jaap Hollander, der aus einer armen jüdischen Familie in Amsterdam stammt und sich mit herausragendem Können zum international anerkannten Neurochirurgen hochgearbeitet hat. Mit den religiösen Traditionen seiner Vorfahren kann er jedoch wenig anfangen. Seine Tochter Lea hingegen interessiert sich zunehmend für jüdische Rituale und reist mit 17 nach Israel, um sich mit ihren Wurzeln auseinanderzusetzen. Jaap kann diesen Drang nicht nachvollziehen und empfindet ihre Suche als befremdlich.
Die Reise wird für ihn jedoch zu einem Schicksalsschlag. Lea kehrt von einem Ausflug in die Wüste Negev nicht zurück. Seit zehn Jahren bleibt sie verschwunden, und obwohl die israelischen Behörden den Fall längst abgeschlossen haben, kann Jaap das Ungewisse nicht akzeptieren. Wiederholt reist er nach Israel, um nach ihr zu suchen. Während er sich an die Hoffnung klammert, dass sie noch lebt, beginnt er, sich auch mit seiner eigenen jüdischen Identität auseinanderzusetzen.
Ein riskanter medizinischer Eingriff mit politischer Dimension
Parallel zu dieser Obsession entwickelt sich eine zweite Handlungsebene. Der israelische Premierminister, den Jaap als Populisten betrachtet, wendet sich mit einer ungewöhnlichen Bitte an ihn. Die Tochter eines saudischen Prinzen leidet an einer seltenen, tödlichen Gehirnmissbildung, und nur Jaap soll in der Lage sein, die riskante Operation durchzuführen. Die Patientin, Noora, wurde auserkoren, als erste Frau den saudischen Thron zu besteigen und tiefgreifende gesellschaftliche Reformen umzusetzen. Sollte sie überleben, könnte sie den Wandel in der arabischen Welt anstoßen. Damit wird Jaaps Eingriff zu einem geopolitischen Schachzug mit weitreichenden Konsequenzen. Dieser Plot ist spannend konstruiert, folgt aber einer vorhersehbaren Dramaturgie und bleibt in seiner moralischen Ambivalenz oberflächlich.
Klare einfache Sprache
Leon de Winter schreibt in einer nüchternen, oft lakonischen Sprache, die keine überflüssigen Schnörkel zulässt und sich eher an Drehbuchdramaturgie als an anspruchsvolle Prosa anlehnt. Die Sätze sind meist kurz, präzise und filmisch montiert, wodurch die Handlung schnell vorangetrieben wird. Während dies dem Spannungsaufbau dient, bleibt wenig Raum für sprachliche Feinheiten oder tiefgehende psychologische Schattierungen. Subtext wird kaum geschaffen – vieles wird direkt ausgesprochen, Figuren kommentieren ihre eigene Situation, anstatt dass ihre inneren Konflikte durch das Erzählen selbst deutlich werden.
Der Hund Ibrahim
Ein besonders bemerkenswerter Aspekt des Romans ist die Einführung eines mystischen Elements. In der Wüste Negev, an der Stelle, an der Leas Rucksack gefunden wurde, begegnet Jaap einem streunenden Hund, der ihn später in Tel Aviv wieder aufsucht. In seiner Verzweiflung glaubt Jaap, das Tier könne mit ihm sprechen und ihm den Weg zu Lea ins Reich der Toten zeigen – wenn er endlich akzeptiert, dass sie nicht mehr lebt. Seine Wahrnehmung verschwimmt zunehmend, als er in Tel Aviv auf einem Kothaufen ausrutscht, sich den Kopf aufschlägt und Realität und Wahnvorstellungen ineinanderfließen. Ob Ibrahim eine Manifestation von Schuld, Trauer oder eine halluzinatorische Begleitfigur ist, bleibt offen.
Jüdische Identität und die Suche nach Zugehörigkeit
Neben der individuellen Ebene verhandelt der Roman auch größere Fragen nach Identität, religiöser Zugehörigkeit und politischer Instrumentalisierung von Einzelschicksalen. Während Jaap sich von der Religion seiner Vorfahren distanziert, strebt Lea bewusst nach jüdischer Zugehörigkeit. Ihr Wunsch, sich stärker mit den Traditionen zu verbinden, steht in Kontrast zur pragmatischen Haltung ihres Vaters. Doch die wiederholten Reisen nach Israel und das jahrelange Suchen nach seiner Tochter führen Jaap unweigerlich zu einer Auseinandersetzung mit seinen eigenen Wurzeln. Diese Thematik bleibt jedoch mehr Behauptung als tiefgehende Auseinandersetzung, da die sprachliche Gestaltung wenig Spielraum für Mehrdeutigkeiten oder feine Nuancen lässt.
Eine Geschichte, die auf ein entscheidendes Datum zuläuft
Die Frage, ob Hoffnung auf eine friedliche Zukunft besteht oder ob die Welt weiter in Krisen und Konflikten versinkt, bleibt unbeantwortet. Vielschichtig und eindringlich erzählt, entzieht sich der Roman einfachen Lösungen und verweigert eine tröstliche Aussicht. Auch hier setzt De Winter auf die direkte Benennung statt auf subtilere narrative Mittel, die eine tiefere Auseinandersetzung mit dem Thema erlauben würden.
Unterhaltsam und spannend
Stadt der Hunde ist ein Roman, der sich mühelos und schnell lesen lässt, weil er eine packende Geschichte erzählt, die geschickt zwischen Thriller, Familiendrama und geopolitischer Vision balanciert. Die Sprache ist funktional, die Handlung klar strukturiert, aber es fehlt an Tiefe, sprachlicher Nuancierung und literarischer Innovation. Figuren bleiben in festen Rollen verhaftet, Konflikte werden direkt ausgesprochen, statt subtil herausgearbeitet zu werden. Das Buch ist kein literarisch anspruchsvolles Werk, sondern eine unterhaltsame, gut erzählte Geschichte mit filmischer Dynamik, die sich eher an Spannung als an sprachlicher Feinheit orientiert.
Der Autor:
Leon de Winter wurde 1954 im niederländischen ’s-Hertogenbosch geboren und hat sich als Schriftsteller und Filmemacher einen Namen gemacht. Seit 1976 arbeitet er als freier Autor und hat Romane veröffentlicht, die in zwanzig Sprachen übersetzt wurden. In seinen Werken setzt er sich immer wieder mit jüdischer Identität, dem Nahostkonflikt und existenziellen Fragestellungen auseinander. Für sein Schaffen wurde er mehrfach ausgezeichnet, unter anderem mit dem WELT-Literaturpreis, der Buber-Rosenzweig-Medaille und dem Literaturpreis der Provinz Brabant. Neben Stadt der Hunde erschienen zuletzt bei Diogenes Ein gutes Herz und Geronimo.
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