Astrid Bührle-Gallet wurde mit dem Sonderpreis „Neue Talente Übersetzung“ des Deutschen Jugendliteraturpreises 2024 für ihre Übersetzung des Romans Möge der Tigris um dich weinen von Emilienne Malfatto ausgezeichnet. Dieser Preis ehrt herausragende Nachwuchsübersetzer, die durch ihre besondere Sensibilität und sprachliche Präzision auf sich aufmerksam machen.
Astrid Bührle-Gallet holt Sonderpreis „Neue Talente Übersetzung“ des Deutschen Jugendliteraturpreises 2024 für ihre Übersetzung des Romans Möge der Tigris um dich weinen von Emilienne Malfatto
Bührle-Gallets Arbeit an diesem Werk verdeutlicht eindrucksvoll, wie wichtig eine sorgfältige und nuancenreiche Übersetzung ist, insbesondere bei einem so sprachlich und kulturell dichten Roman. Der Roman selbst thematisiert tiefgreifende Themen wie Ehre, Tradition und Patriarchat im Irak. Die feinen Zwischentöne, die Malfattos Originaltext prägen, wurden von Bührle-Gallet gekonnt ins Deutsche übertragen, ohne dabei den poetischen und symbolischen Charakter der Vorlage zu verlieren.
Die Verleihung des Sonderpreises würdigt diese besondere Leistung und unterstreicht die Bedeutung der Übersetzung als eigenständige Kunstform.
Frauen als Opfer falsch verstandener Ehre
Emilienne Malfatto: Möge der Tigris um dich weinen, erschienen im Orlanda Verlag, ist ein kraftvolles und zugleich bedrückendes Werk, das sich mit den tragischen Lebensumständen einer jungen Frau im Irak auseinandersetzt. Die Geschichte wird aus verschiedenen Perspektiven erzählt, darunter nicht nur die der Protagonistin, sondern auch die ihrer Familie, der Toten und sogar des Flusses Tigris, der als stumme Zeuge dieser schicksalhaften Gesellschaft fungiert.
Das zentrale Thema des Romans ist die unausweichliche Konfrontation einer jungen Frau mit den strikten Ehrenkodizes ihrer Kultur. Nachdem sie unehelich schwanger wird, wird sie zur Schande ihrer Familie, und ihr droht ein grausames Ende, das in der Logik der patriarchalen Gesellschaft als Wiederherstellung der Familienehre verstanden wird.
Der Fluss Tigris als ewiger Kreislauf
Die Handlung des Romans ist kurz, aber intensiv. Der Leser wird in eine Atmosphäre der Bedrückung und Hoffnungslosigkeit hineingezogen, in der jede Entscheidung, die die Protagonistin trifft, weitreichende Folgen hat. Die junge Frau, deren Name nie genannt wird, erwartet ein Kind, aber dieses Kind ist zugleich ein Todesurteil für sie. Die Geschichte entfaltet sich in der unwiderruflichen Erkenntnis, dass sie von ihrer Familie getötet werden wird, um die Ehre wiederherzustellen.
Parallel zu den Gedanken der jungen Frau werden die Ansichten ihrer Familienmitglieder, ihrer toten Vorfahren und der Natur beschrieben, die das unausweichliche Schicksal dieser Frau mittragen und kommentieren. Dabei wird die unerbittliche Macht des Patriarchats in den Mittelpunkt gestellt, die das Leben und den Tod dieser Frauen bestimmt. Die Perspektive des Tigris, des Flusses, der in dieser Kultur eine wichtige Rolle spielt, verleiht der Geschichte eine mythologische Dimension. Der Fluss wird zu einem Symbol für den ewigen Kreislauf von Leben und Tod.
Ein Buch das man nicht wieder aus der Hand legen kann
Möge der Tigris um dich weinen ist ein Werk, das nicht durch seine Handlung besticht, sondern durch seine poetische und symbolisch aufgeladene Sprache. Emilienne Malfatto gelingt es, auf knappem Raum ein vielschichtiges Bild von Unterdrückung, Ehre und patriarchalen Strukturen zu zeichnen. Die Erzählweise ist ungewöhnlich: Kurze Kapitel, häufige Perspektivwechsel und eine lyrische Sprache machen den Roman zu einem eindrucksvollen literarischen Erlebnis.
Astrid Bührle-Gallet hat mit ihrer Übersetzung eine bemerkenswerte Leistung erbracht. Sie fängt nicht nur den Klang und den Rhythmus der französischen Originalfassung ein, sondern bewahrt auch die Feinheiten und den symbolischen Gehalt des Textes. Gerade bei einem so emotional aufgeladenen und kulturell spezifischen Werk wie diesem ist die Übersetzung eine anspruchsvolle Aufgabe, die Bührle-Gallet meisterhaft bewältigt hat. Ihre Sensibilität für die Nuancen der Sprache und ihre Fähigkeit, diese in die deutsche Sprache zu übertragen, sind außergewöhnlich.
Der Roman ist zugleich zeitlos und hochaktuell. Die Themen Ehrenmord, patriarchale Gewalt und die Rolle der Frau in traditionellen Gesellschaften werden mit einer solchen Intensität geschildert, dass sie auch außerhalb des irakischen Kontextes nachvollziehbar und erschütternd wirken. Malfattos Verknüpfung der individuellen Schicksale mit den größeren kulturellen und historischen Zusammenhängen verleiht dem Werk eine universelle Gültigkeit.
Poetische Sprache einfühlsam ins Deutsche übertragen
Möge der Tigris um dich weinen ist ein außergewöhnlicher Roman, der auf knappen Raum eine eindrucksvolle und erschütternde Geschichte erzählt. Emilienne Malfatto nutzt eine poetische Sprache und verschiedene Erzählerperspektiven, um die Zerrissenheit der Protagonistin zwischen familiären Verpflichtungen und persönlicher Freiheit darzustellen.
Die Auszeichnung von Astrid Bührle-Gallet mit dem Sonderpreis „Neue Talente Übersetzung“ ist eine verdiente Anerkennung für ihre herausragende Übersetzungsleistung, die es dem deutschsprachigen Publikum ermöglicht, den tiefen Gehalt dieses Werkes in vollem Umfang zu erfahren. Die präzise und zugleich einfühlsame Übertragung der vielschichtigen Symbolik und der poetischen Sprache ins Deutsche macht diese Übersetzung zu einem eigenständigen Kunstwerk.
Autorin
Emilienne Malfatto ist eine französische Autorin und Fotografin, die sich in ihrer Arbeit häufig mit den Themen Krieg, Zerstörung und deren Auswirkungen auf das menschliche Leben beschäftigt. Als Journalistin hat sie in verschiedenen Krisengebieten, darunter im Irak, gearbeitet. Diese Erfahrungen fließen in ihre literarischen Werke ein, die sich häufig mit den Spannungen zwischen Tradition und Moderne sowie den Schicksalen von Frauen in patriarchalen Gesellschaften auseinandersetzen. Ihr Debütroman Möge der Tigris um dich weinen wurde mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet.
Übersetzerin
Astrid Bührle-Gallet, 1978 in Stuttgart geboren, studierte Französisch und Kunsterziehung und entwickelte früh eine Leidenschaft für Sprache und Kunst. 2006 zog sie nach Lyon, wo sie als Deutschlektorin an verschiedenen Hochschulen tätig war. Heute arbeitet sie als Literaturübersetzerin und Malerin. In beiden Bereichen vereint sie ihre Liebe zur Sprache und Kunst auf eindrucksvolle Weise. Ihre Übersetzungen zeichnen sich durch präzise Sprachführung und ein tiefes Verständnis für kulturelle Nuancen aus, während ihre künstlerische Arbeit von der gleichen Sensibilität geprägt ist.
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