Ich bin genauso normal, wie du es nicht bist.

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Autismus wirkt sich auf jeden anders aus, jeder autistischer Mensch ist verschieden, hat stärken und Schwächen.
Mein Autismus ist nicht wie ein T-Shirt, das ich an- oder ausziehen kann, wie ich will. Er ist auch nicht eine zweite Person, die neben mir steht und mir Sachen zuflüstert. Nein, mein Autismus ist eher ein Teil von mir, so wie meine Hand ein Teil von mir ist. Er beeinflusst somit alle Bereiche meines Lebens. Ich würde meinen Autismus nicht als etwas grundsätzlich Negatives oder Positives bezeichnen.

Manchmal fühlt er sich aber negativ an. Ich habe oft das Gefühl nicht wirklich dazuzugehören, auch wenn ich eigentlich weiß, dass meine Freunde mich mögen. Auch wenn ich ein aktiver Teil einer Unterhaltung bin, fühle ich mich wie ein Beobachter, wie eine fremde Person, die außerhalb steht und hinüberschaut.
Wenn ich mit jemandem spreche, kopiere ich ganz automatisch die Körpersprache, Wortwendungen und Gesichtsausdrücke der mir gegenüber stehenden Person. Ich passe mich jedem an, unterbewusst. Das geht eine ganze Zeit lang wirklich gut. Bis der Punkt erreicht ist, wo ich etwas falsch eingeschätzt, kalkuliert habe. Dann bin ich aufgeschmissen, es fühlt sich so an als ob ich entlarvt wurde. Jetzt hat die andere Person gemerkt, dass ich eigentlich gar keine eigene Person bin, sondern schlichtweg eine billige Kopie von wem auch immer ich gerade zugewandt bin.

Natürlich weiß ich auf einer logischen Ebene, dass das nicht so stimmt. Ich weiß, dass ich auch eine voll autonom individuell denkende und handelnde Person bin. Doch diese irrationale Stimme, die das Gegenteil behauptet wirkt manchmal sehr überzeugend. Dieser Teil von mir, der alles fünfmal überdenkt und dann noch Weitere fünfmal, bloß zu Sicherheit. Der Teil, der alles genau planen will, das kleinste Detail muss festgelegt und analysiert sein, denn sonst kann es ja nicht richtig funktionieren, sonst mache ich etwas falsch. Und was gibt es auch Schlimmeres, als einen Fehler zu machen.

Wann ich in welchem Tonfall was sagen soll, wie oft und wie lange ich jemanden in die Augen schauen soll und ob ich schon viel zu viel oder doch noch nicht genug gesagt habe, kann ich schwer einschätzen. Solche Gedanken übernehmen dann meinen Kopf und plötzlich bin ich noch weiter entfernt von den anderen als zuvor. Als wäre ich gefangen in meinem Körper und jeder kann sehen, dass ich gerade daran versage, wie ein „normaler Mensch“ zu funktionieren. Als ob alle Augen der Welt auf mir liegen würden und die Blicke stechen in mich ein, wie brennende Pfeile. Mir wird heiß und dann wieder kalt und dann wieder heiß und ich bin auf einmal ganz klein und dann wieder viel zu groß und alle starren mich an und niemand beachtet mich im Geringsten.

Mein Autismus kann sich aber auch positiv anfühlen. Ich habe spezielle Interessen und bin von ihnen fasziniert. Bei mir persönlich sind es sehr oft Bücher, bzw. Geschichten. Mein ganzer Fokus liegt dann auf diesem einen ganz besonderen Buch, ich bin in die Geschichte hineingezogen und kann mir tausende Fakten über alle möglichen noch so kleinen Hintergründe merken. Ich liebe das Gefühl, wenn ich in etwas aufgehen kann, wenn ich mich so in einer meiner Interessen verlieren kann, auf die bestmögliche Art. Es ist so als ob mich einige Charaktere buchstäblich wie ein Freund an die Hand genommen haben und mich mein ganzes Leben lang schon begleitet haben. Es ist für mich oft einfacher, mich mit fiktiven Charakteren zu identifizieren und sie zu verstehen. Denn ich bekomme

einen direkten Einblick in ihre Gedanken und Gefühle. So kann ich ihr Verhalten analysieren und auch aus der Art und Weise wie sie mit anderen Charakteren interagieren lernen. Ich würde behaupten, dass ich viele Verhaltensweisen die ich mir mit der Zeit angeeignet habe, um besser und auch glücklicher durchs Leben zu gehen, von den Charakteren, die ich als Vorbilder gesehen habe oder auch immer noch also solche sehe, übernommen habe. Dadurch habe ich die Möglichkeit bekommen soziale Interaktionen genauestens zu betrachten, ohne die ständige Angst haben zu müssen, etwas falsch zu machen.
In diesem eigentlich recht positiven Aspekt steckt aber auch eine gewisse Gefahr. Es ist auch schon vorgekommen, dass ich so tief in einer Geschichte drin war, dass die Realität für mich nicht wirklich eine große Rolle gespielt hat. Ich lebe in solchen Phasen dann eigentlich bloß in meinem Kopf, in meiner eigenen Welt. Auch weiß ich manchmal nicht so genau wer ich wirklich bin. Ob ich manchmal vielleicht gar nicht so handele wie „Ich“ sondern wie „Charakter XY“. Ich fühle mich dann oft wie ein Schauspieler, der nie aufhört zu spielen und gar nicht sagen kann, wer er ist, wenn er nicht gerade in einer Rolle steckt.

Aber auch damit habe ich gelernt umzugehen, bzw. ich lerne immer noch damit umzugehen. Ich versuche diesen Zwang, mich selbst oder meine Persönlichkeit einem bestimmten Charaktertypen zuzuordnen, zu unterdrücken und abzulegen. Dieses ständige Bedürfnis mich selbst als etwas bestimmtes, festes zu definieren ist auf Dauer nicht wirklich nützlich. Durch meinen Autismus habe ich im Allgemeinen den Drang nach einer gewissen Ordnung. Ich benutze bestimmtes Geschirr für bestimmtes Essen, in meinem Zimmer hat alles seinen ganz spezifischen Platz. Auch auf Sauberkeit bezogen habe ich bestimmte Dinge, die ich auf eine ganz bestimmte Weise jeden Tag mache, damit ich gut funktionieren kann. Ich staubsauge zum Beispiel täglich meistens bis zu dreimal und wische mindestens zweimal Staub. Bevor ich schlafen gehen kann müssen alle Schranktüren, Schubladen und Türen geschlossen sein. Ich habe zwei Arten an Kork- Untersetzern, die runden benutze ich für Teller und Schalen und die blumenförmigen sind nur für Gläser, Tassen und Ähnliches. Ohne einen Untersetzer kann ich auch nichts auf meinen Schreibtisch stellen.

Vielleicht wirkt das auf andere komisch, vielleicht auch nicht, aber ich bin der Meinung, dass wir alle, ob neurodivers oder neurotypisch, viele solcher kleinen „Gewohnheiten“ haben, die wir fast schon wie Rituale Tag für Tag ausführen. Nur das für den einen möglicherweise nicht ein Problem entsteht, wenn eine dieser Gewohnheiten nicht erledigt wurde, für den anderen aber schon. Ist der eine dadurch jetzt „normal“ und der andere „komisch“?

Ich würde eigentlich nicht so gerne als komisch angesehen werden. Doch oft passiert dass, wenn ich jemanden mitteile, dass ich Autismus habe. Es ist nicht schlimm wenn man Fragen hat und ich schätze es auch natürlich, wenn jemand extra versucht Rücksicht auf mich zu nehmen. Doch manchmal kann das ganz falsch rüberkommen.

Was mir wichtig ist, ist das Leute mich nicht wie ein kleines Kind behandeln, sobald sie wissen, dass ich autistisch bin. Ich bin weder plötzlich ganz zerbrechlich, noch hilflos. Mein Autismus macht mein Leben zwar oft schwerer, aber das heißt nicht, dass ich weil ich autistisch bin, nicht genauso „normal“ bin wie jemand, der neurotypisch ist. Denn was soll „normal“ auch überhaupt bedeuten? Niemand ist wirklich normal und doch sind wir alle normal. Ich bin genauso normal, wie du es nicht bist.




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