Kanada. Begegnungen mit Waschbären und Weltstädten Seite 2

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Am dritten Tag hat der Wind ein Einsehen; er zieht ab, um andere Landstriche zu terrorisieren. Der Rideau bietet uns einen Wechsel aus schlauchartigen Passagen und seeähnlichen Abschnitten, immer wieder unterbrochen von Gehöften und Dörfern. Wir sehen Reiher und Kormorane, zuweilen auch Waschbären, Hirsche und Weißkopfseeadler.

Meine Mitstreiter sind 15 bis 30 Jahre jünger als ich und fragen mich mehrmals täglich, wie es sein kann, dass ich noch immer mithalte, während drei von ihnen die Tour abbrechen mussten. Dabei hätten zwei von ihnen sogar die „K2O“ geschafft.

„Die was?“ „K2O: Kingston to Ottawa. Unsere 200 Kilometer in weniger als 48 Stunden. Das geht, wenn man den Weg einigermaßen kennt. Hinterher hast du eine Woche lang Muskelkater.“

Eine Überraschung hält der Rideau noch für uns bereit: Kurz bevor wir Ottawa erreichen, ziehen wattefeine Wolkenstreifen am Himmel auf. Erleichtert nehmen wir sie zur Kenntnis. Bis sie sich zu bauschigen Knäueln vereinen, die immer dunkler werden. Binnen einer Stunde fällt das Thermometer von 35 auf neun Grad. Schon zucken erste Blitze herab. Keine fünf Minuten später sind wir bis auf die Knochen durchnässt. Als immer weniger Sekunden zwischen Blitz und Donner verbleiben, retten wir uns an Land und schlüpfen unter das Dach eines Hauses, deren Besitzerin zum Glück selbst Kajakfahrerin ist. Noch ehe wir ihren Kaffee annehmen können, ist der Spuk vorbei.

Was folgt, ist ein sehr kanadischer Tagesausklang: Als wäre die vergangene Stunde nur ein böser Scherz gewesen, kredenzt uns die Sonne eine beinahe schon kitschig schöne Einfahrt in Ottawa. Je näher wir der kanadischen Hauptstadt kommen, desto vorzeigbarer werden die Häuser an den Ufern. Im Stadtgebiet sind es bereits Paläste. Yachten und Sportboote stehen davor, nicht selten auch Wasserflugzeuge. Die sportbegeisterte Jugend paddelt, läuft und radelt um uns herum. Ottawa gehört zu den unterschätztesten Städten der Welt.

Auf dem Ottawa River nach Montreal

Zwei Tage später lasse ich meinen Kajak erneut zu Wasser, dann geht es 25 Meter abwärts, durch die acht Schleusenbecken Ottawas hindurch in den gleichnamigen Fluss. Die beidseitig der Schleuse aufgestellten Touristen können ihr Glück kaum fassen; emsig fotografieren sie mich unter ständigen Beteuerungen, dass sie selbst eine solche Reise niemals unternehmen würden. Wirklich: niemals!

Kurz darauf umtänzeln mich die Wellen des Ottawa River, was hauptsächlich an der motorisierten Konkurrenz liegt. Schnittige Sportboote, wendige Jetskis und protzige Yachten reklamieren die Flussmitte für sich. Mir bleibt der Uferbereich, was mir recht ist. Linkerhand erstreckt sich Kanadas größte Provinz Québec. Was das beutetet, wird mir klar, als ich dort einen Campingplatz ansteuere.

„T’roules pas trop vite dans ce kajak, tabernak!“

Wer meint, in Québec würde Französisch gesprochen, wird rasch eines Besseren belehrt. Die Vokale werden hier gedehnt, bis es ihnen wehtun muss. Wo meinem Sprachgefühl zufolge ein „A“ angebracht wäre, höre ich plötzlich ein „O“: „Kojok“.




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