Kanada. Begegnungen mit Waschbären und Weltstädten Seite 3

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Gespickt wird das alles mit seltsamen Wörtern, die irgendwo zwischen Französisch und Englisch anzusiedeln sind, doch weder die eine noch die andere Sprache hilft mir, ihren Sinn zu entschlüsseln. Vielleicht kann man das Quebecois nur sprechen, wenn man hier geboren wurde. Oder ein Dutzend Kaugummis im Mund hat.

Eingeklemmt zwischen einer gesangsfreudigen tunesischen Touristengruppe und einer schnatternden Gänsefamilie verbringe ich eine unruhige Nacht. Die Sonne lugt kaum über die Baumwipfel, als ich die makellose Oberfläche des Flusses mit meinem Paddel zerbreche. Bis zehn Uhr habe ich ihn für mich: Die Geschwindigkeitsfanatiker schlafen noch; kein Motorgeräusch ist zu hören. Gegen Mittag beugt sich die Sonne über mich, als wolle sie nachschauen, was der verbrannte Deutsche da unten treibt.

70 Kilometer liegen zwischen Ottawa und Montebello: eine gewaltige Entfernung für einen Kajakfahrer, zumal meine Vorräte zur Neige gehen. In Montebello angekommen, erwartet mich eine böse Überraschung: Das Hostel, das ich gebucht habe, befände sich nicht hier, erklärt mir eine resolute Frau, sondern in Lefaivre, am anderen Ufer. Doch, sie sei sich sicher; ich müsse weiter flussabwärts fahren. Mit einer unbestimmten Handbewegung zeigt sie hinaus in den Abend. In diesem Land ist alles auf Autofahrer ausgelegt: die Infrastruktur ebenso wie die Entfernungen. Zehn Kilometer mehr sind da kaum der Rede wert. In einem Kajak bedeuten sie hingegen eine Verlängerung um zwei Stunden – durchaus beachtlich, wenn man, wie ich, am heutigen Tag bereits 16 Stunden Kajakfahren intus und beinahe nichts gegessen hat.

Ich weiß nicht, wer meinen Kajak nach Lefaivre gefahren hat. Ich weiß nur, dass ich paddele und paddele, mechanisch, stur. Und dass ich irgendwann merke, wie sehr ich das alles genieße. Alle Anstrengung ist verflogen. Es ist mir egal, dass der Wind von vorne weht und dass die Boote Wellen in meinen Kajak drücken. Dass ich nichts mehr zu essen und zu trinken habe ist egal. Denn ich bin reiner Wille geworden, pures Vorwärtskommen. Nur noch eine Kurve und noch eine, und immer weiter. Ein irres Hochgefühl breitet sich in mir aus. Nie habe ich die pure Lust am Kajakfahren so deutlich gespürt!

Im Nachhinein betrachtet war das vermutlich der gefährlichste Moment meiner Reise. Dehydriert und von Adrenalin durchflutet, wäre ich wohl noch weitergefahren, hätte mich am Ende des Städtchens nicht der Besitzer des Hostels abgepasst. Die Frau, der ich in Montebello begegnet bin, habe ihn darüber informiert, dass ein sonnenverbrannter Bärtling in der Dämmerung mit einem Kajak zu ihm unterwegs sei, schmunzelt er.

Ein Restaurant gebe es hier zwar nicht, bescheidet mir ein junger Mann im Dorf L’Original am nächsten Vormittag, dafür aber immerhin eine Tankstelle, die … „Danke!“, rufe ich und bin schon auf dem Weg; nach dem gestrigen Tag habe ich wirklich Hunger. Ich erwerbe ein gummiartiges Brot, zwei Salamis, eine Tafel Schokolade, einen Kakao, zwei Müsliriegel und drei Liter Wasser. Unter den erstaunten Blicken der Dorfjugend verspeise ich das Gekaufte direkt vor der Tankstelle. Anschließend folge ich einer langgezogenen Rechtskurve bis zum Städtchen Hawkesbury, wo ich das Manöver wiederhole. Die Einwohner dieser beiden Orte werden mich vermutlich in Erinnerung behalten.

Gestärkt fahre ich weiter, bis mir ein Hindernis den Weg versperrt: die Schleuse von Carillon, die bereits den Großraum Montreal ankündigt. Der Schleusenmeister lässt mich erst hineinfahren, als zwei weitaus größere Schiffe hinter mir auftauchen. Obwohl sie vertäut sind, müssen die Kapitäne hin und wieder gegensteuern. Dann strömt Wasser zu mir, das mich ganz schön herumwirbelt. Ich bin froh, als wir eine halbe Stunde später die Schleuse verlassen: ein Goldfisch, gefolgt von zwei Blauwalen.

Am folgenden Morgen fahre ich unter der Autoroute du Souvenir hindurch und habe plötzlich das Gefühl, in einen Ozean gelangt zu sein. Hier ergießt sich der Ottawa River in den mächtigen Sankt-Lorenz-Strom. Alles weitet sich; zu meiner Rechten mache ich das Ufer als dunklen Streifen aus. Als sich der Parc René Levesque erstreckt (benannt nach dem Premierminister von Québec, der erstmals die Unabhängigkeit von Kanada durchzusetzen versuchte), scheint Montreal die Arme zu öffnen, um mich zu empfangen. Wehmütig schaue ich auf die Spitze meines Kajaks, die sich bei jedem Paddelschlag leicht hin und her bewegt. Zwei Wochen lang hat er mich durch Dick und Dünn getragen. Letzten Endes ist er ein gutmütiger Gefährte gewesen, auf den ich mich immer verlassen konnte.

Der Lachine-Kanal bringt mich schließlich zum alten Hafen, mitten hinein ins Herz der Stadt. Hier klettere ich an Land. Ein letztes Mal blicke ich zurück, dann schultere ich meinen Seesack und werde zu einem Fußgänger unter vielen.




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