Longlist Deutscher Buchpreis 2021: Gert Loschütz - "Besichtigung eines Unglücks"

In seinem für den Deutschen Buchpreis nominierten Roman "Betrachtung eines Unglücks" setzt sich Gert Loschütz mit dem größten Zugunglück in der Deutschen Geschichte auseinander. Und endet bei der Zufälligkeit des Daseins. Bild: Schöffling & Co

Gert Loschütz erzählt in seinem Roman "Besichtigung eines Unglücks" von dem bislang größten Zugunglück in Deutschland. Am 22. Dezember 1939 raste ein aus Berlin kommender Reisezug auf einen kurz vor dem Bahnhof der Kleinstadt Genthin stehenden Personenzug. Loschütz´ für den Deutschen Buchpreis nominierter Roman beginnt bei jenem Unglück, und endet bei der Zufälligkeit des Individuums.

 

In einer eiskalten Nacht am 22. Dezember 1939 fährt ein aus Berlin kommender Reisezug auf einen kurz vor der Kleinstadt Genthin warteten Personenzug. Beinahe ungebremst. Der stehende Zug ist so überfüllt, dass selbst der angehängte Paketwagen mit Passagieren besetzt ist. Offiziell sprechen die Medien in den folgenden Tagen und Wochen von über 186 toten Menschen. Andere Quellen behaupten, es seien 400 Menschen in jener Nacht gestorben.

Wir konnte es zu einem solchen Unglück kommen? Mehrere Theorien haben sich um den Tathergang gesponnen. Mal spricht man von übersehenden Warnsignalen, ein anderes Mal nimmt man an, die Rauchgase der Lok hätten den Fahrer benebelt. In seinem Roman "Besichtigung eines Unglücks" geht nun auch der Schriftsteller Gert Loschütz der Sache auf den Grund, und endet an ganz anderer Stelle.

Lücken in der Geschichte

Wie der Ich-Erzähler in diesem Roman, ist auch Gert Loschütz in der Kleinstadt Genthin, etwa 100 Kilometer westlich von Berlin, geboren. Vandersee, so der Name des Protagonisten, ist Kulturjournalist und lebt in Berlin. Vandersee macht sich nun daran, das Zugunglück am Genthiner Bahnhof zu rekonstruieren; er durchstöbert Archive, liest Zeugenaussagen und Polizeiprotokolle. Doch so sehr er sich auch bemüht, es gelingt ihm einfach nicht, ein schlüssigen und abschließendes Bild der Katastrophe herzuleiten. Immer wieder sind da Lücken, die nicht zu füllen sind.

Er bohrt tiefer, sieht sich die Liste der Toten an und stößt auf zwei Namen. Giuseppe Buonomo und Carla Finck. Warum sind die beiden gemeinsam gereist? Vandersee taucht immer tiefer in die Biografien der beiden ein, die in dem Roman nun ebenfalls zu zentralen Figuren werden. Das zweite der insgesamt drei Kapitel ist dann auch Carla Finck gewidmet, deren Lebensweg sich tatsächlich mit dem von Vandersees Mutter kreuzt. Die Geschichte der Mutter, Lisa, bereitet dann den Stoff für das dritte Kapitel, welches uns auch auf die Vaterlosigkeit des Ich-Erzählers zurückwirft.

Alles hängt zusammen

So schafft Loschütz ein interessanten Grund, auf welchem sich unterschiedliche Zeitstränge und Handlungen miteinander verbinden können. Überall blitzen - zufälligen und plötzlich - Bilder auf, die wie das letzte passende Puzzleteil eines vorherigen Motivs erscheinen. Das Buch schafft es, fragen aus der Gegenwart in der Vergangenheit zu beantworten, und ebenso anders herum, längst vergangen erschienene Frage wieder aufkochen zu lassen. Und hier leitet sich das zentrale Thema des Romans ab: Im Kern geht es um die Zufälligkeit des Individuums. Und um die Zeit, die wir nicht bestimmen können.

Am Ende verstehen wir dann auch, warum Loschütz ausgerechnet das Zugunglück als Ausgangsthema seiner Geschichte herangezogen hat: Anhand der oft zufälligen Handlungen und Entscheidungen seiner Protagonisten, die doch so Vieles nach sich ziehen und verändern, wird deutlich, wie wirkmächtig wenige Sekunden sein können. Vier Sekunden, so hatte man später berechnet, hätten den Tot vieler Menschen an jenem Dezemberabend im Jahr 1939 verhindern können. Hätte der Zug vier Sekunden früher mit dem Abbremsen begonnen, wär es nicht zur Katastrophe gekommen.


Gert Loschütz: "Besichtigung eines Unglücks"; Schönling & Co., 2021, 332 Seiten, 24 Euro

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