Longlist Deutscher Buchpreis 2021: Franzobel - "Die Eroberung Amerikas"

Der österreichische Autor Franzobel berichtet in seinem für den Deutschen Buchpreis nominierten Roman "Die Eroberung Amerikas" von den Gräueltaten der Conquistadores, die im Zuge ihren Expansionen furchtbarer Massaker anrichteten. Bild: Hanser Verlag

In seinem Roman "Die Eroberung Amerikas" vereint der österreichische Autor Franzobel historische Grausamkeit mit fiktional hergeleitetem Humor. Anders, so ist der Schriftsteller selbst überzeugt, wäre dieses Buch nur schwer erträglich. Held der Geschichte ist einer jener spanischen Eroberer, die in Südamerika ein furchtbares Gemetzel anrichteten. "Die Eroberung Amerikas" ist in diesem Jahr für den Deutschen Buchpreis nominiert.

 

Es gibt Ereignisse, die so schrecklich sind, dass man ihnen - privat oder historisch - nur mit Humor gegenübertreten kann. Die Psychoanalyse liefert dafür immer wieder mannigfache Beispiele. Angesichts eines zerschmetternden und traumatisierenden Schmerzes, bleibt als letzte Bastion oft nur der Scherz, der Witz, der über das Zerschmetternde lachen lässt. Auch der österreichische Autor Franzobel hatte, wie er selbst sagte, den Witz nötig. In seinem für den Deutschen Buchpreis nominierten Roman "Die Eroberung Amerikas" tauchen zuweilen solch schreckliche Szenen auf, dass die Lektüre ohne humoristische Einlagen wohl kaum erträglich wäre.

Der erfolgloseste Feldzug in der Geschichte

Er erzählt von den imperialistischen Feldzügen der Conquistadores; der spanischen Soldaten und Eroberer also, die im Zuge ihrer Suche nach Reichtümer in Südamerika ein Gemetzel anrichteten. Mit aller Brutalität unterwarfen und töteten sie die indigene Bevölkerung. Namen wie Cortes, Pizarro oder Aguirre sind uns in diesem Zusammenhang mit bekannt. Franzobel wählt einen etwas unbekannteren Konquistador zum Held seiner Geschichte: Den Edelmann Hernando de Soto, der Pizarro nach Peru begleitete und als Erster den Inkakönig Atahualpa traf.

Im Jahre 1538 brach dieser Soto zu einer Expedition auf, um sein eigenes El Dorado zu entdecken. Ziel war das Gebiet der heutigen USA. Doch anstatt Reichtümer, fanden er uns seine Männer den Tod. Sie wurden von Indigene getötet. Franzobel macht damit ausgerechnet jenen Eroberungsfeldzug zum Thema, der als der erfolgloseste in der Geschichte gilt.

Mit Humor filetiert

Wie aber die historisch gegebene Grausamkeit dosieren, wie eine solch erschreckende Geschichte so erzählen, dass sie überhaupt existieren, will heißen, gelesen werden kann? Franzobel ist überzeugend: Die blutigen Eroberungsgeschichte werden von einer Rahmenhandlung kontrastiert, die im heutigen Amerika spielt. Im Mittelpunkt steht dabei der Anwalt Trutz Finkelstein, der eine Sammelklage gegen die USA vertritt. Man fordert die Rückgabe des gesamten US-Gebietes an die indigene Bevölkerung.

Diese Kollision führt durchaus zu absurden Kompositionen, die einmal hell auflachen, dann wieder bitter aufstoßen lassen. Dies gelingt auch, da der Autor selbstbewusst mit dem historischen Stoff seines Romans umgeht, beispielsweise dann, wenn er Soto und seine Männer so sprechen lässt, als würden sie bereits im 21. Jahrhundert leben. Wenn sie den Hamburger oder das Football-Spiel erfinden.

Franzobel selbst sieht sich auch in einer moralischen Pflicht. Er wolle dem Leser zeigen, sagte er, "...um wieviel besser es den heutigen Menschen geht, was wir erreicht haben an Humanismus und an Aufklärung. Und wie stark auch der Begriff der Würde in unserer Gegenwart in seiner Bedeutung gestiegen ist.“


Franzobel: "Die Eroberung Amerikas"; Zsolnay, Wien, 2021, 543 Seiten, 26 Euro




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